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Der Israelit · 1904-05-11 · Heft 37 (11.5.1904) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 37 (11.5.1904)
Date
1904-05-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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790 nicht wüßte, daß es sich um einen Verband von Juden handelt, so müßte man unbedingt meinen, daß man ein Statut der sozialdemokratischen Partei vor sich habe. Hier zeigt sich, welch' tiefer Abgrund zwischen uns und den Berlinern gähnt. Für uns sind die Interessen des Jndenthums in erster Reihe Interessen der jüdischen Religion, denn Judentbum ist jüdische Lehre, jüdische Pflichten, jüdische Religion, jüdische Lebensanschauung, jüdisches Pflichtleben, ist Thora — und der Ausschluß der Diskussion von jüdisch-religiösen Fragen in einem Verbände von Juden bedeutet, den Verband seines jüdischen Charakters entkleiden, oder aber — und das ist die wahre, wenn auch unausgesprochene Absicht der Liberalen — es heißt das Judenthum seines wahren. seines jüdischen Charakters berauben. Was ist den Herren eigentlich das Judenthum? Jüdische Religion ist es nicht, denn sonst könnten sie doch nicht die Religion aus ihrem Kreise weisen. Ist es ihnen vielleicht die jüdische Nation, das jüdische Volk? Man könnte fast der Ansicht werden, daß es das ist, wenn man sieht, mit welcher Wärme die Zionisten für den Plan der Gesammtoraanisation der deutschen Juden Eintreten, mit welcher Hingebung sie nun einen Plan unterstüben, den sie noch vor ganz kurzer Zeit, es ist noch kein Jahr seither verstrichen, auf Leben und Tod bekämpft haben. Sind die Berliner — Zionisten oder die Zionisten — Berliner geworden? Sind die vielgeschmähten „Protestrabbiner" „Congreßrabbiner", oder sind die Congreßrabbiner Protestrabbiner geworden? Aber wir glauben nicht, daß sie unter Judenthum das jüdische Volk verstanden wissen wollen. Der alte Maybaum lebt noch und heute gar als Professor der Bibelkritik, der vor ganz kurzer Zeit erklärte, daß es so etwas wie ein jüdisches Volk gar nicht gebe, und unseres Wissens ist auch der Protest, den Professor Maybaum mit seinen orthodoren Freunden gegen den Zionismus richtete, nicht zurückgezogen worden. Nein nivn irrn .m miv ra ub snvv» ist nur rein negativer Art. daß nämlich das Judenthum jüdische Religion nicht ist. Was eigentlich der Verband vertreten will, ist beim besten Willen nicht herauszubekommen. Jüdische Religion ist kein Judenthum und jüdisches Volk erst recht nicht. Ja, ist denn noch ein drittes vorhanden? Oder sollte es wirklich wahr sein, daß sie sich einzig und allein aus dem Grunde zu einem Verbände zusammenschließen wollen, daß ein Jude die Offizierstressen und den Richtertalar . bekommen solle? So wenig Weltklugheit setzen wir nicht einmal von unseren Liberalen voraus. Sollten sie es wirklich nicht wissen, daß man gerade das erst recht nicht bekommt, wovon man sagt, daß man es gerne haben möchte? Sollten sie so unerfahren sein, zu glauben, daß sie durch ein derartiges Kundgeben der Sehnsucht nach den Tressen und dem Talar das Ziel ihrer Sehnsucht erreichen werden? Wissen sie denn nicht, daß eine jede Aktion eine Reaktion heraufbeschwort? Und es scheint fast, als ob wirklich diese Sehnsucht allein der Vater des Gedankens der Gesammtorganisation wäre, und da sehe ich wirklich nicht ein, was wir dort zu suchen hätten. Und nun zum letzten Theil dieses Paragraphen. Dieser letzte Theil, der sich so bescheiden hinter dem grandiosen Anfang verbirgt, ist gar nicht so ohne. „Cs sei denn, daß es sich um Abwehr von Angriffen handle." dann sollen religiöse Fragen diskutirt werden? Nein, dann soll rnan eben dagegen protestiren. Und nun vergegenwärtige man sich den moralischen Werth eines Protestes gegen das Schächtverbot, z. B. wenn dieser Protest auch von solchen Kreisen unterzeichnet wird, die nie in ihrem Leben einen Bissen geschachteten Fleisches gegessen haben. Man. vergegenwärtige sich den Eindruck, den ein solcher Protest auf Kreise machen muß. die in ihrem Leben ja Theorie und Praxis in Einklang zu bringen bestrebt sind. Muß nicht ein Protest von dieser Seite als eine — wir wollen uns eines milden Ausdruckes bedienen — Heuchelei schlimmster Sorte erscheinen? Und kann man der Sache einen schlimmeren Dienst erweisen, als daß man diese Kreise protestiren läßt? Und werden denn die Liberalen zu einem Protest gegen Angriffe auf andere uns ebenfalls heilige Institutionen zu haben sein? In der vorletzten Nummer der „Allgemeinen Zeitung des Judenth." hat ein Herr aus den Reihen der Liberalen, der wahrscheinlich auch in Arkadien-Berlin bei der ..denkwürdigen" Sitzung der Judenthumsretter war. solch lächerliche und das Empfinden eines jeden wahren Juden in solch gröblicher Weise verletzende Aeußerungen über jüdische Institutionen sich geleistet, daß wir zu der Ueberzeugung kommen mußten, daß in diesen Kreisen ein solcher Widerwille, ein solcher Haß gegen verschiedene jüdische Institutionen herrscht, daß es ein Derbrcchen unsererseits wäre, solchen Kreisen die Vertretung unserer Interessen zu überlassen.*) Aber angenommen sogar, daß sie gegen jeden Angriff auf jede jüdische Institution Front wachen würden, würde dies nicht mehr schaden als nützen? Als in der Schweiz jüdische Versammlungen gegen das Schlachtverbot abgehalten wurden, da betbeiligten sich auch liberale Kreise an dem Protest. Da fragte einer der Nationalräthe einen liberalen Herren, warum er sich denn so sehr für-das Beibebalten des Schächtverfahrens einsetze, da er doch schon längst mit dem Judenthum gebrochen habe. Als ihm dann bieder liberale Herr von Liberalismus, Achtung einer jeden Ueberzeugung. Freiheit des Handelns etwas erzählen wollte,, da machte dieser Nationalrath eine Bemerkung, die so treffend und logisch ist, daß wir nicht umhin können, sie als Schluß unserer Ausführungen hierher zu setzen. „Ja, zur Wahrung und zur Vertbeidigung des Liberalismus." sagte er. •) Vergleich? Corr. Hamburg in der vorigen Donnerstagg« Rümmer.

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