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Der Israelit · 1904-05-09 · Heft 36 (9.5.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 36 (9.5.1904)
Date
1904-05-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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7 <9 Feuilleton und Wichtung. Veil Friedrich Rott. ,40 Grünwald gewahrte auf dem weißen Rand einiger Blätter ungeschickte Bleistiftzeichnungen, die jedoch zweifellos sein eigenes Conterfei vorstellen sollten, denn unter jeder Figur stand mit deutlichen Buchstaben, entweder „Papa Saujud", oder „Papa Schmuhjud", oder „Wucherjud", oder ähnliches. Er erbleichte bis auf die Lippen, unwillkürlich krampften sich seine Hände zusammen. Dann aber drückte er an den Schellenknopf und befahl der gleich darauf eintretenden Haushälterin, die Kleider etc. seiner Söhne in die Koffer zu packen, da dieselben noch am selben Abend obre isen würden. Die Haushälterin blickte ihn betroffen an, denn sie wußte, daß die Abreise der Knaben erst für den Anfang der kommenden Woche bestimmt war; als sie jedoch die Zeitungen erblickte, verstand sie das Vorgehen, denn die einfache schlichte Frau hatte sich schon oft über die Rohheiten der Knaben geärgert. „Sehr wohl, gnädiger Herr. Werden die Kinder allein reisen? — Sie sind doch noch sehr, sehr —unzuverlässig." „Das ist richtig," erwiderte er, „wenn Sie dieselben begleiten wollen, lväre es mir lieb." „Wenn der gnädige Herr befehlen, werde ich mich fertig machen." „Ja, ja, halten Sie sich bereit, um halb elf Uhr geht der Zug. da müssen Sie spätestens um zehn Uhr von hier weg fahren. Und ich verlasse mich darauf, daß Sie die Buben bis in die Anstalt des Herrn Doktor Peters begleiten." „Genuß, der gnädige Herr können unbesorgt sein." Die.Haushälterin entfernte sich, Grünwald ging, an den bleichen Livpen nagend, im Zimmer aus und nieder, als er einen Wagen vor dem Hause halten, das rohe Lachen seiner Buben und die scheltende Stimme seiner Frau vernahm. Gleich darauf traten alle in das Zimmer. „Leo. Du hier!" rief seine Frau, indem sie mit ausgestrcckter Hand auf ihn zueilte, „sei willkommen, herzlich willkommen? — Das heißt überraschen!" „Papa!" riefen die Knaben, ihm sofort entgegenspringend. ..was hast Du uns mitgebracht?" „Hinaus!" schrie Grünwald, und. da sie nicht sogleich gingen, nahm er sie beim Kragen und stieß sie aus der Thür. - „Leo! um's Himmelswillen! So empfängst Du Deine Kinder nach ztveijähriger Abwesenheit?" „Du hast recht," entgegnete er bebend vor Zorn, „den Elenden gebührt ein anderer Empfang, aber leider! leider! bei denen ist Hopfen und Malz verloren, was nüirde es nutzen, wenn ich sie empfangen würde, wie sie es verdienen?" „Ich begreife nicht, was Du willst — was haben die Kinder denn verbrochen?" Er erwiderte nichts, aber er nahm die Plätter und hielt sie ihr vor die Augen. Nnmuthig zog sie die Stirne in Falten. „Schon wieder die alten dummen Geschichten. — Aber Du darfst ihnen das nicht gar so hoch anrechnen, es sind ja doch nur Kinder." „Die ihren Vater verhöhnen, beschimpfen —" „Daran bist Du selbst Schuld. Warum bist Du nicht auch übergetreten, dann wäre alles anders. Tn darfst eben nicht vergessen, daß sie moralisch ja doch über Dir stehen, denn sie sind Christen und Du bist —" „Ein Mauscheljude," fügte er ergänzend hinzu, indem er mit den Zähnen knirschte, „ich werde den angeblich über mir Stehenden ihren Standpunkt schon tlar machen, werde ihnen zeigen, wohin sie gehören." Sie erbleichte. „Was willst Du thun?" fragte sie gepreßt. „Vorläufig nichts weiter, als daß ich die Buben noch' heute in ihre Pension zurückschicke." „Noch heute? Sie sollen Nachts allein reisen?" „Man könnte es wagen, Unkraut verdirbt nicht. Aber die Christiani wird sie begleiten." Sie preßte die Lippen aufeinander, machte jedoch keine tveiteren Einlvendungen, denn sie wußte, wenn er in diesem Tone sprach, konnte man nichts von ihm erreichen. Er brannte sich eine Cigarre an und ließ das feine blaue Dampfgeringel in die Höhe steigen, und allmählich schien sich sein Zorn zu legen, wenigstens klang seine Stimme weniger aufgeregt, als er nach längerem Schweigen wieder anhub. „Ich begreife Dich nicht, Aurelie, Du bist doch sonst nicht gar so unpraktisch, wenn Du es auch nicht aus ethischen Gründen thust, müßtest Du doch Deinen Rangen klar machen, wie sehr sie sich und Dir schaden, wenn sie es mit mir verderben. Ich habe buch ja doch in der Hand." „Ich weiß nicht, wohin Dn zielst." murmelte sie, die Farbe wechselnd, „ich habe es den Kindern schon hundertmal gesagt, daß es eine Sünde und eine Schande ist, den eigenen Vater zu beschimpfen — aber was soll ich machen? Du hast sie meiner Leitung entzogen —" „Du weißt, weßhalb ich sie Deiner Leitung entzogen habe," entgegnete er, indem er die Cigarre wegwarf und das Zimmer verließ. Mehr und mehr reifte der Entschluß in ihm, sich von der Gattin,, mit der ihn kaum ein gemeinsames Gefühl verband, zu trennen. Die Knaben waren zur bestimmten Zeit in Begleitung der Haushälterin abgereist. Letztere war am

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