Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 36 (9.5.1904)
- Date
- 1904-05-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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778 Äever (Oldenburg). Am 3. Mai feierte die hiesige aus 50 Familien bestehende jüdische Gemeinde das 25jährige Jubiläum ihres ersten Vorstehers I. D. Jose p h s. Der Jubilar, einer der angesehensten Juden des Herzogthnw.s, der auch schon 23 Jahre ununterbrochen dem Stadtratbe angehört, hat mit seltener Aufopferung und Liebe im Sinne des gesetzestreven Judenthuurs gewirkt, und ihm zu Ehren hatte der jüdische Landesgemeinderatb, besten Mitglied der Jubilar auch seit 25 Jahren ist. beschlossen, gemeinsam an der Feier theilznnehmen. Unter dem Vorsitze des Herrn Landrabblner Dr. Mannheimer aus Oldenburg, fand am Vormittage die offizielle Sitzung statt, an die sich ein FestgotteSdiensi in der Synagoge anschloß. Der Herr Landrabbiner hielt eine hervorragend schöne Festrede, und Herr Lebrer L ö w e n st e i n überreichte in warm empfundenen Worten das Geschenk der Gemeinde, bestehend in einer silbernen Chanukoh-Menorah. Der vierstimmige Männerchor sang Psalm 92 und erregte die Bewunderung der zahlreichen Gaste aus Nah und Fern durch seine wohlgeschulten Leistungen. Dem Gottesdienste schloß sich ein Festesten an, das der Landcsgemeinderath dem Jubilar zu Ehren veranstaltete, und am Abend folgte ein Kommers, bei welchem die speziell zu diesem Feste gedichteten Aufführungen von Herrn A. S ch w a b e, allgemeinen Beifall fanden. Die lebenden Bilder von „Joh. Gutenberg" und „Der Genius Israels", ein poetisches Werk von Dr. M a n nh e i m e r, entlockten tosende Beifallsstürme. Die Feier machte auf alle Theilnehmer einen bleibenden Eindruck, und mit der Freude begleitet uns der Wunsch, daß es dem Jubilar vergönnt sein möge, noch viele Jahre zum Segen seiner Gemeinde und des Judenthums zu wirken. Frankreich. Paris, im Mai. Nunmehr haben in ganz Frankreich die Stadtverordnetenwahlen stattgefunden. Zuerst läßt sich mit Genugthuung feststellen, daß die Nationalisten in Paris abgewirthschaftet haben. Es sind in der Hauptwahl 30 Republikaner und nur 25 Nationalisten gewählt worden. Man kann also schon jetzt mit absoluter Sicherheit Voraussagen, daß Paris, le eveur et le cerceau de la France, endlich von der Schmach befreit.ist, in seinem Gemeindeparlament eine Mehrheit von gewissenlosen und unverschämten Hetzern zu besitzen, denen es im Jahre 1900 gelungen ist. die öffentliche Meinung zu überraschen, um dann ihr schnödes Verleumdungswerk zu beginnen. Nun haben diese sauberen Herrchen abgewirthschaftet, nüeux vaut tard que iaraais! Vor der Wahl habe ich das hiesige Judenviertel besucht. Viele unserer, aus Rußland und Rumänien stammenden Glaubensgenossen sind naturalisirt und daher auch wahlberechtigt. Man sah Gruppen alter und junger Juden lebhaft über die verschiedenen Kandidaten und ihre entsprechenden Programme diskutiren. Ich sagte mir: „Mein Gott, welch' ein gewaltiger Unterschied! Diese Männer, die vor einigen Jahren in einem russischen oder rumänischen Städtchen vor dem niedrigsten Polizeiknecht zitterten, disluiiren jetzt als freie Bürger eines freien Staates über verschiedene politische und Munizipalangelegenheiten. Wie ist doch wahr das Wort unserer Weisen: „bis n;twj rpo rwro!'' Rußland. ttischincw, 4. Mai. (Der Prozeß in Kisch i n e w.) Gestern begann die dritte Prozeß-Serie betr. die vorjährigen Exzesse. Der Gerichtssenat ist wie bei den früheren Prozessen zusammengesetzt, nur fungiren als Vertreter der Stände diesmal der als Judenfeind bekannte Bürgermeister des bessarabischen Städtchens Venderi Namens Bulgakow und ein Herr v. Gasting. Die gegenwärtige Serie umfaßt vier Einzelprozesse und dürfte zehn Tage beanspruchen. Gestern wurde in einer für das ganze Verfahren charakteristischen Weise der Mordfall Kainarski erledigt und endete mit einer jedes Gerechtigkeitsgefühl beleidigenden Freisprechung der beiden Mörder Antonow und Tschekan. Kopel Kainarski, Besitzer einer Selcherei in der Nähe des städtischen Schlachthauses, wurde am Ostermontag 1903 von einer Excedenten-Bande verfolgt. von den erwähnten beiden Leuten aus persönlicher Rachsucht angegriffen, da sie als Tagelöhner bei Kainarski früher einmal wegen Pferdediebstahls angezeigt worden waren. Da an diesem Tage das To.dtschlagen von Juden allgemein gestattet schien, fielen sie über den mit seiner Familie flüchtenden Mann auf offener Straße her und brachten ihn am Hellen Tage um. Seine Frau, welche zwanzig Schritt vom Thatorte hinter einem Baum sich versteckt gehalten und der Szene zusah. war als Zeuge anwesend, ebenso der Sohn des Ermordeten, Provisor einer Apotheke. Die Hinterbliebenen hatten, um als Privatkläger zugelassen zu werden, nominell eine Schadenersatzklage wegen materiellen Verlustes auf nur einen Rubel eingereicht. Dadurch konnte Advokat Sarudiky als Civilvertreter Mitwirken. Es nutzte jedoch nichts, daß er in langer Rede Bestrafung der Verbrecher forderte.. Da unmittelbar nach den Exzessen von der Kriminalpolizei nichts geschehen war, um den Thatbestand genau aufzunehmen und die nach Monaten von der Negierung widerwillig angeordnete Untersuchung nicht aufrichtig geleitet wurde, so konnten jetzt mehrere Freunde der Mörder als Entlastungszeugen unter Mitwirkung der antisemitischen Advokaten Romanenko und Orlcw einen Freispruch wegen unausreichender Beweise erwirken. ~ — In dem Prozesse wegen der bei den Ausschreitungen im Avril 1903 an zwei Juden begangenen Mordthat wurde der Angeklagte Woituschenkozu fünf Jahren Zwangsarbeit verurtheilt. Sechs Ängeklagte wurden freigesprochen.