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Der Israelit · 1904-05-09 · Heft 36 (9.5.1904) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 36 (9.5.1904)
Date
1904-05-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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776 den Zionismus im Prinzipe nichts einzuwenden haben, dennoch aber eine feindselige Stellung gegen denselben aus dem einzigen Grunde einnehmen, weil nach ihrer Behauptung eine Unterstützung der zionistischen Bewegung eine Annäherung an die nichtorthodoxen Zionisten zur Folge hat und eventuell im tausendsten Falle der orthodoxen Gestnnungstüchtigkeit Abbruch' thun könnte. Cs sei nun merkwürdig, meint Verfasser, dass eben diese orthodoxen Kreise in Deutschland, welche diese Behauptung aufstellen, dort, wo es sich um ihre persönliche Wohlfahrt, resp. der ihrer Kinder handle, keinen so exklusiven Standpunkt gegen das Westeuropäerthum einnehmen. Sie verschmähten es durchaus nicht, ihre Jugend den jüdischen Lehrhäusern zu entziehen. um sie Universitäten besuchen zu lassen, wo sie mit schopenhauerischen. darwinistischen und anderen Theorien Bekanntschaft machten, ohne zu befürchten, datz dies der Orthodoxie Ihrer Söhne schädlich werden könnte. In Russland wäre das Verhältnitz umgekehrt it. s. w., u. f. w. Wir hätten über die lächerliche Gegenüberstellung von Zionismus und Universitätsstudium kein Wort zu verlieren, wenn wir die Gelegenheit nicht gerne ergreifen möchten, um uns in kurzen Worten mit dem Oberrabbiner von Papa über die in vielen ungarischen Kreisen noch als heikel geltende Frage oes Universitätsstudiums der jüdischen Jugend auseinanderzuj sehen. Wir haben gesehen, daß der Zionismus in Folge der in ihm nothwendig vorhandenen antiorthodoxen Tendenz den Abfall von der jüdischen Gesetzestreue, die Anerkennung der Elastizität des jüdischen Lehrbegriffs, der Möglichkeit einer Vereinigung sämmtl i ch e r Juden, wetz Bekenntnisses auch immer, auf konfessionell indifferenter, reinnationaler Basis involvirt.' Wer sich also dem Zionismus anschließt, für den ist nicht nur Abfall von der jüdischen Gesetzestreue zu fürchten, der erkennt die zionistische Idee mit gleichzeitiger Jmpotenzerklärung des orthodoxen Judcnthums zur Gewinnung der abgefallenen Glieder des jüdischen Volkskörpers, als eine zu Recht bestehende historische Rothwendigkeit an. der sieht in der zionistischen Idee des rein nationalen, irr- und deshalb antireligiösen Judenthums den befruchtenden Regen, unter dessen mild einwirkender Kraft aus dem starren Boden des jüdischen Westeuropäerthums die iüdische Heilessaat der Zukunft aufsprießen soll, der identifizirt sich mit der Idee des Zionismus, der dem nach einem Ideale lechzenden westeuropäischen Juden statt Thora und Mizwoth ein verwässertes Phrasensurrogat auf die trockene Lippe legt, der hat den Abfall nicht nur zu fürchten , der hat den Abfall vom jüdischen Gesetze im Prinzipe bereits vollzogen. Der jüdische Vater, der seine Söhne auf Universitäten mit nichtjudischen Theorien bekannt werden läßt, der hat fiir seine Söhne den Abfall vom jüdischen Gesetze allerdings zu befürchten, der mutz überzeugt sein, datz seine Söhne eine Feuerprobe zu bestehen haben werden, die zugleich den untrüglichsten Gradmesser bilden wird für die nachhaltige Kroft der väterlichen Erziehung. Aber lauert denn der Abfall vom jüdischen Gesetz nur in den Hörsälen der Universität? Ist er nicht auf allen Gebieten menschlichen Strebens und Wirkens zu befürchten, und hat die Sonntagsruhe die Reihen der sabbatfeiernden Jünglinge weniger gelichtet, als der Darwinismus? Der Jüngling, den Schule und Elternhaus zum Juden gestählt, mag ruhig die geistigen Strömungen der Gegenwart und Vergangenheit kennen und verstehen lernen. Mit dem Ariadnefaden der jüdischen Neberzeügung in der Hand, wird er im philosophischen Labyrinth der menschlichen Geisteswissenschaften aller Zeiten nicht irregehen, mit aufgeschlossenem Sinn wird er in diesem bunten Conglomerat sich widersprechender Ansichten und Ueberzeugungen nur die überwältigende Tragödie der menschlichen Vernunft erkennen, die der Katastrophe ihres Unterganges nicht aus dem Wege gehen kann, sobald sie aus eigener Kraft mit sich und der Welt ins Reine kommen will, und inder Stunde der Versuchung tritt ihm das Bild des ewigen Juden vor die Seele, der ewig leben mutz und nicht sterben kann, aber nicht, weil er. unvermeidlichem Schicksal folgend, ruhelos durch die Lande ziehen mutz, sondern weil er am Sinai das jüdische Lebenselixir empfangen, das seine Wirkung nie verfehlt, weil es göttlichen Ursprungs ist. Wir sind mit der kritischen Beleuchtung des Zionismus des Papaer Oberrabbiners zu Ende. Es erübrigt uns noch ein kurzes abschlietzendes Wort. Wir müssen gestehen, datz wir eine solche Broschüre von dieser Seite am allerwenigsten erwartet hätten. Ungarn, das Land der,unerschütterlichen Prinzipientreue. der starren Consequenz und hartnäckigen Befolgung einmal gesteckter Ziele, galt uns von jeher als das feste Bollwerk auch der jüdischen Prinzipientreue, die niemals nach den Erfolgen fragt, die eine in's Leben getretene Action zu verzeichnen hat, sondern stets nur nach dem Prinzip, das ihr zu Grunde liegt, nach der Legitimität ihrer Geburt. Wir konnten daher die Broschüre des Papaer Oberrabbiners nur mit der schmerzlichen Webmutb lesen, wie sie Cäsar empfand, als er den Dolchstotz seines treuesten Freundes empfing: Auch Du mein Brutus? Verfasser ist .diesbezüglich* besser dran. Das etwaige Gefühl des Unbehagens, das er vielleicht bei der Lektüre unserer Recenston empfinden maq. wird sicherlich durch die Lobsvrüche paralvstrt werden, die zionistischerfeits in reicher Segenssülle auf seine Broschüre herunterprasseln. Verfasser hat nicht umsonst geweint.

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