Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 35 (5.5.1904)
- Date
- 1904-05-05
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450019--60599-2521555- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wenn in der jüdischen Presse den religionsfeindlichen Aeußerungen auf zionistischer Seite eine derartige Wichtigkeit beigemessen wird, daß man den ganzen Zionismus in Acht und Bann erklärt, wie dies in einer im Mainzer „Israelit" erschienenen Artikel-Serie geschah. Der Verfasser gesteht zu. daß die sogenannten „aufgeklärten" Zionisten und zum Theile auch die Führer unseren Standpunkt bezüglich der strengen Gesetzestreue nicht theilen. Nur die hiervon abgeleitete „Conclusion", daß wir deshalb „die große Idee des Zionismus" nicht unterstützen dürfen oder können, findet er für entschieden unrichtig, da ein solches Vorgehen unsererseits nur in dem Falle gerechtfertigt wäre, wenn die öffentlich proklamirten Ziele des Zionismus etwas enthielten, was gegen unsere Privilegien verstößt, nachdem dies aber nicht der Fall sei, wir nur zu untersuchen hätten, ob die von dem modernen Zionismus an uns gestellten Anforderungen in den Nahmen unseres gesehestreuen Judenthums Hineinpassen, d. h. ob wir, ohne von unseren Prinzipien auch nur ein Jota aufzugeben, uns dieser Bewegung anschließen können. Da nun kein Grund vorhanden ist, diesen Anschluß nicht auszuführen, so muß er auch ausgeführt werden, und zwar auf nationaler Basis, da, wie der Verfasser wiederholt bemerkt, bei der religiösen Zerklüftung des Judenthums in der Gegenwart das große Ziel des Zionismus nur durch Vereinigung der ganzen Judenheit erreicht werden kann, was eben nur auf nationaler Baüs möglich ist. Das sind die Bemerkungen des Verfassers zu dem erwähnten Artikel-Cyklus im „Israelit". . Dagegen haben wir nun Folgendes einzuwenden: Wie wir bereits hervorgehoben haben, bedeutet es eine gänzliche Verkennung des Wesens der zionistischen Bewegung, wenn man glaubt, daß es sich hier um rein praktische Ziele handelt, um ein geschäftliches Unternehmen zur Beseitigung der materiellen Judennoth, an dem sich jeder Jude betheiligen kann. Ein geschäftliches Unternehmen ist der Zionismus nicht, ist es nicht ausschließlich, da er nach dem Baseler Programm nicht nur die gesammte Judenschaft durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltungen nach Maßgabe der Landesgesetze gliedern und zusammcnfassen, nicht nur eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina errichten, sondern auch das jüdische Selbstgefühl und Volksbewußtsein stärken will. Unser Selbstgefühl und unser Volksbewußtsein beruht aber auf unserer geistigen Erwählung zu Trägern des göttlichen Gesetzes. Das etyn tao 1» ins ip« gehört notwendig zu wsn r» vh jwi. Das rw ub fnr '.rmn ist aber eine schwere Kost, die nicht jeder vertragen kann. Es muß also ein Surrogat geschaffen werden, das dem Magen zuträglicher ist. Dieses Surrogat ist der Zionismus. Auch er will ein jüdisches. Selbstgefühl, ein jüdisches Volksbewußtsein, aber kein auf Thora und Mizwoth beruhendes, sondern analog dem Nationalbewußtsein der europäischen Kulturvölker, ein verschwommenes nationales Etwas, von dem man nicht weiß, woher es kam und worauf es beruht, das Gefühl einer spezifischen Besonderheit von allen Völkern, in deren Mitte man lebt, die kein Mensch klar definiren kann. Schließe ich mich dem Zionismus an, dann erkenne ich diesem Surrogate Existenzberechtigung zu, und werde so auf die bequemste Art von der Welt ein rns7 N27 n' pnno. Ö der sagt der Herr Oberrabbiner anders veD im Baseler Programm? Die „aufgeklärten" Zionisten, von denen der Verfasser spricht, sind unseres'Erachtens in Wirklichkeit aufgeklärter, als sämmtliche Mitglieder der orthodoxen Misrachigruppe. Es sind ganz gescheidte, vernünftige Menschen, die logisch richtig zu denken wissen. Die Herren sagen sich mit Recht: Was soll mir der Sabbat, was soll mir der ganze Wust talmudischer Anforderungen und Spitzfindigkeiten, wenn ich ohne den ganzen Kram mich als Jude ausleben kann! Worin besteht aber mein Judenthum? Nun, genau eben darin, worin dem Deutschen sein Deutschthum, dem Ungar sein Ungarthum besteht. Ich arbeite mit meinen Gesinnungsgenossen am kulturellen Fortschritt genau in derselben Weise, wie es sämmtliche europäische Nationen thun. Und mit derselben Begeisterung, wie der Ungar sein Talpra Magyar singt, singe ich das nicht minder großartige uropn ms« ab ~7. Wozu aber hebräisch? Nun, das ist unsere Nationalsprache. Ist sie nicht ebenso schön, wie die ungarische und französische? Gibt es eine herrlichere Sprache als die des Jesaias, der Psalmen, des alten Testaments? Deßhalb braucht man aber noch lange nicht alles auszuführen, was dort anbefohlen steht. Wir leben doch nicht im Mittelalter! Damals genügte es nickt, sich als Jude für die Sprache des Alten Testamentes zu begeistern, man mußte auch erfüllen, was drinsieht. Und wer sich dazu nicht entschließen konnte, wurde in jüdischen Kreisen nicht geduldet und durfte auf den Namen Jude keinen Anspruch erheben. Aber heute, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, im glorreichen Zeitalter des Zionismus, fällt das alles fort, kann man sich als Jude fühlen, ohne sich am Sabbat der Werkverrichtung zu enthalten, kann man an trefener Table d'hote sich erfrischen, ohne in jiidischen Kreisen als Abtrünniger gebrandmarkt dazu liehen, und wenn es einem Zionisten heutzutage zur Abwechslung nach orthodoxen Liebkosungen geliistet. dem verabfolgt der Papaer. Oberrabbiner jederzeit gratis und franko den nationalen Brnderknß. Ich sehe nickt ein, warum die „aufgeklärten" Zionisten diesen höchst vernünftigen Standpunkt aufzu- ^geben sich jemals veranlaßt sehen sollten, um freiwillig ^das Joch des jüdischen Gesetzes sich selber aufzulegen,