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Der Israelit · 1904-05-05 · Heft 35 (5.5.1904) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 35 (5.5.1904)
Date
1904-05-05
Page
– (sequence 18)
Language
German
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766 Gemeinde zu sein und keine anderen Sorgen zu haben, an der jüdischen Gegenwart weiter nichts bemäkelnswerthes finden, als daß in manchen jüdischen Kreisen die Namen Karl und Moritz vorwiegender sind, als Jakob urib Moses, daß es unfeine Elemente in Israel gibt, die an oft ganz harmlos gemeinten unschönen Bezeichnungen fremdländischer Brüder ihr wohlfeiles Vergnügen finden, in unserer Zeit Oberrabbiner einer großen jüdischen Gemeinde zu sein, und ohne daß einem Schamröthe die Wangen färbt, an zionistischen Kongreßdebatten sich zu delektiren, bei welchen in Gegenwart gesetzestreuer Juden in theatralischer Pose Männer das große Wort zu führen sich erkühnen, die tagtäglich das jüdische Gesetz mit Füßen treten, in unserer Zeit, wo an allen Ecken der jüdischen Festungsmauer Verrath und Fahnenflucht lauert, in einer solchen Zeit sich darüber, über Namen und Schimpfwörter sich aufzuregen und statt der Abtrünnigkeit in zionistischem Gewände mit dem Flammenworte scharf zurückweisender Entrüstung muthig. entgegenzutreten, die Wurfgeschosse seiner nn-m an eitel Fliegengeschmeiß zu verschleudern — das jüdische Gesetzesheiligthum steht in Brand und der ehrwürdige Oberrabbiner von Papa amüsirt sich auf der Mäusejagd — wahrlich, Herr Oberrabbiner, ein solches Amüsement setzt eine gehörige Dosis heiterer Sorglosigkeit und Gemüthsruhe voraus — ich beneide Sie darum! Beneide Sie auch um die Gewissensruhe und logische Klarheit, mit der Sie es fertig bringen, auf S. 25 den Nachweis zu führen, daß der moderne Zionismus keineswegs die Verleugnung des religiösen Gedankens bedeute, da ja die maßgebenden Führer wiederholt mit Entschiedenheit erklärt haben, daß sie die religiöse lleberzeugung jeder einzelnen Partei und selbstverständlich in erster Linie der Gesetzestreuen achten und nichts unternehmen wollten, was geeignet wäre, dieselbe zu verletzen, und daß an dieser wiederholt abgegebenen Erklärung der Versuch einiger mit der jüdischen Glaubenstreue auf schlechtem Fuß stehenden Herren, den Zionismus als eine Verleugnung der jüdischen Gesetzestreue darzustellen, nichts zu ändern vermöge. Also weil die gegenwärtigen Führer des Zionismus die Erklärung abgegeben haben, daß sie die religiöse Ueberzeugung der gesetzestreuen Juden respektiren würden, bedeutet der Zionismus nicht die Verleugnung des religiösen Gedankens! Wir haben hier einen logischen Schnitzer vor uns, der des Näheren beleuchtet werden muß. Wenn man das Verhältniß des Zionismus zur jüdischen Gesetzestreue charakterisirrn will, so darf man doch wahrlich nicht die Versicherungen der gegenwärtigen Führer, die jeden Augenblick von der Bühne abtreten können, in Betracht ziehm, dann muß man doch wahrlich den Zionismus selber fragen, die zionistische Idee, wie sie sich als historische Nothwendigkeit aus dm Zeitverhältnissen heraus entwickelt hat, in ihren» Verhältniß zum religiösen Gedanken sich vor Augen führen und durch logische Analyse ein für allemal die Stellung festzulegen suchen, die der gesetzestreue Jude der modernen Zionsbewegung gegenüber einznnehmen hat. Schlägt man diesen Weg ein, dann kann man unmöglich fehl gehen, unmöglich zionistische Verhöhnungen jüdischer Gesetzestreue als private Angelegenheiten bezeichnen, die gegen die öffentlich proklamirtc Richtung des Zionismus nicht in Betracht kommen können, wie dies der Verfasser auf S. 26 thut. Denn dann wird man sich sagen müssen, daß, gelinde ausgedrückt, für den Schutz der jüdischen Gesetzestreue in der zionistischen Idee mindestens keine Gewähr liegt. Für Zionismus und Orthodoxie gibt es nur einen mockn8 vivendi: wenn der Zionismus die Orthodoxie ignorirt. Eine schöne Ehe das, wenn der Ehegemahl sich damit zufrieden gibt, nur seine Ehegattin nicht zu prügeln! Es ist schon arg genug, wenn nach Verlauf der Honigmonde eine gegenseitige, unüberwindliche Abneigung zu Tage tritt —und, um jeden öffentlichen Skandal zu vermeiden, sich die Ehegatten das Versprechen geben, die Empfindungen der Gegenpartei zu respektiren und nichts öffentlich zu unternehmen, was geeignet wäre, dieselben zu verletzen. Aber von vornherein schon unter der Chuppe sich dieses traurige Versprechen zu geben — eine schöne Ehe das! Thut nichts, der Herr Oberrabbiner von Papa ist bereit. Kiduschin zu geben! Das Judenthum, die jüdische Religion ignor i r e n heißt aber, sie negiren, in ihr etwas so Nebensächliches sehen, daß man es nicht einmal der Mühe werth hält, ihr einen Seitenhieb zu versetzen. Und glaube man doch nicht, daß die eine Partei der anderen Gratiszugeständnisse gewährt, daß der Zionismus der Orthodoxie Gedankenfreiheit verspricht, ohne die Freiheit des Denkens und Handelns in ihrem ganzen Ausmaß auch für sich in Anspruch zu nehmen. Was du nicht willst, daß man dir thut. das fug' auch keinem andern zu. Der Oberrabbiner wird gewiß noch manches.Mal die beschwerliche Reise von Papa nach Basel als zionistischer Delegirter unternehmen. Aengstlich wird er hinhorchen, ob im Kongresse kein Wort gesprochen wird, das sein orthodoxes Empfinden zu verletzen im Stande wäre. Und die Zionisten werden so klug sein, ein solches Wort nicht zu reden, da sie die Orthodoxen sehr gut gebrauchen können. Herzl wird reden. Nordau wird reden, ein national-jüdischer Rausch bemächtigt sich Aller, alles Persönliche tritt vor der Großartigkeit der Idee in den Hintergrund, Fromme und Nichtfromme, jüdische Darwinisten und chaflidische Mvstiker fallen sich schluchzend um den Hals, man vergißt völlig, wen man vor sich hat, der Eine respektirt die Ueberzeugung des Andern, im Namen der Toleranz hebt man jüdische Gesetzesübertreter in den Himmel, und der Papaer Oberrabbiner steht ruhig dabei und darf fich nicht mucksen. — Der Herr Oberrabbiner ärgert sich auf S. 26.-

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