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Der Israelit · 1904-05-05 · Heft 35 (5.5.1904) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 35 (5.5.1904)
Date
1904-05-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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45. Jahrgang. Grße Arilage zu Jß W drs „Israelis. Also sprach philippson! KI. M a i n z, 3. Mai. In einer der letzten Nummern des „Israelit" wurde über die in Berlin erfolgte Gründung eines neuen Verbandes der deutschen Juden berichtet. Diese Thatsache ist von symptomatischer Bedeutung und wir können es uns nicht versagen, uns ein klein wenig mit ihr zu beschäftigen. Was soll dieser neue Verein? Welche waren die Beweggründe, die die Berliner Herren veranlaßt haben, einen neuen Verband zu gründen? p*? Haben wir denn noch nicht genüg Vereine, in denen schon die schönsten Pläne begraben wurden? Und ruww rc* wodurch soll sich dieser Verband vor den anderen Vereinen, z. B. vor dem „D. I. G. V." oder dem „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" auszeichnen? Hören wir. was Prof. Philippson den in Berlin Versammelter, zu sagen gewußt hat. Der Verband der deutschen Juden soll alle den Juden im deutschen Reiche gemeinsame Jntereffen vertreten. Es handle sich nicht um eine Einmischung in die inneren Kultusangelegenheiten der einzelnen Gemeinden; Fragen der Religion und des Kultus, soweit es sich nicht um Abwehr von Angriffen handle, sind von der Diskussion ausgeschlossen, so daß die verschiedenen religiösen Richtungen innerhalb des Judenthums von dem neuen Verbände nichts zu fürchten haben, sondern es handle sich um die Vertretung derjenigen Jntereffen. welche die Ehre u..d verfassungsmäßigen Rechte unserer Glaubensgemeinschaft sowohl im Ganzen, als auch im Einzelnen betreffen. Also sprach Philippson! Es möge uns nun gestattet sein, ein klein wenig nach der Genesis dieses Gedankens zu forschen, klarzulegen, aus welchen Motiven heraus sich die Berliner Herren so sehr für diesen Gedanken ereiferten. klarzulegen. warum ihnen die alten Vereine nicht mehr genügen konnten, warum sie nach einer neuen Form für eine alte Sache griffen. Unsere Brüder zur linken Hand haben eine traurige Erfahrung gemacht, die Erfahrung nämlich, daß ihr Reformjudenthum gründlich abgewirthschaftei hat, abgewirthschaftet hat, sowohl nach innen, als auch nach außen hin. Das religiöse Leben in den Reformgemcinden, wenn man da noch von Leben überhaupt reden kann, hat sich in den letzten Jahren so unfruchtbar gestaltet, daß den Führern ganz unheimlich zu Muthe wurde. Die Tempel, diese Denkmäler. des Abfalls, wurden nicht ausgesucht, theilweise selbst an den hohen j höchsten Feiertagen wiesen sie eine gähnende Leere auf, .Mädchengesang und Orgelklang" erwiesen sich als unwirksame Lockmittel, denn auch dieses reformirte Judenthum war den Reformern noch zu viel Judenthum. Diese Thatsache wollen sich aber die Wortführer nicht glauben und sie lenken daher ein. Sie suchen wieder mit den Konservativen Fühlung zu bekommen, um neues Leben aus den Ruinen zu wecken, um neuen . Inhalt in die leere Form zu bekommen. Wären sie ehrlich. so würden sie bekennen, daß ihr Judenthum Bankerott gemacht hat, sie würden feierlich erklären, daß es nur einen Weg zu der Gesundung des Judenthums gibt, nur ein Mittel zur Hebung des religiösen Interesses — nämlich die aufrichtige Rückkehr zum alten Judenthum. Sie müßten brechen mit ihrer Vergangenheit, um eine Zukunft zu ermöglichen, sie müßten schonungslos die Hohlheit und Leere, das Widerspruchvolle und Ungereimte in dem ganzen unglückseligen System der Reform aufdecken, aufraumen mit dem ganzen Wust der falschen und gefälschten Ideen, um der Wahrheit den Einzug in ihre Kreise zu'ermöglichen. Nun ist aber Ehrlichkeit des Denkens, Ehrlichkeit auch gegen sich selbst etwas, was in den Kreisen der Reformhelden vergeblich gesucht wird. Sie wollen es niemals zugeben, daß es Lüge war. wofür sie bis heute gelebt und gestrebt, und sie suchen daher nach anderen Mitteln, um sich selbst und ihren Anhang über das Trostlose ihrer Lage hinwegzutäuschen. Der Enttäuschung im Innern lief nämlich eine Enttäuschung im Aeußern parallel. Wenn man den Wortführern der Reform glauben darf. so war die eigentliche und prima causa der Reformbestrebungen die Wahrnehmung, daß die nichtjüdische Welt den Juden nur darum feindlich gegenübersiehe, weil sie mit zäher Hartnäckigkeit an alten und veralteten Ceremonien hängen, weil ihr ganzes religiöses Leben ein Anachronismus sei. Um der nichtjlldischen Welt entgegenzukommen, wurde das Judenthum den Bedürfnissen der Zeit entsprechend umgeändert, alte Gebräuche wurden abgeschafft, alte Hoffnungen begraben, die große Kette, die uns mit unserer großen Vergangenheit verband, gebrochen, wir wurden aus dem Zusammenhang mit unseren Eltern gerissen, neue Gebräuche traten an die Stelle der alten, neue Hoffnungen wurden gepredigt und cs erstand so ein Judenthum, an dem die Völker keinen Anstoß mehr hätten nehmen dürfen, denn es war verzweifelt wenig Judenthum daran. Aber ihre Feinde 1ha ten ihnen nicht den Gefallen und betrachteten sie nach wie vor als Juden. Es war wirklich grausam. Was hatten sie doch ihnen nicht Alles geopfert, um nur nicht Juden zu sein, sie schändeten ihre Heiligthumer durch das Hineintrogen unjüdischer Bräuche in dieselben, sie opferten «die keusche Reinheit ihrer Familien, dem Moloch des Zeitgeistes brachten sie die unschuldigen

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