Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 35 (5.5.1904)
- Date
- 1904-05-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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755 se « rlret - n. ^Wahrheit und Richtung. Vou Friedrich Katt. ,39 Das gute Einvernehmen mit dem Grünwald'schen Ehepaar schien zwar äußerlich wieder hergestellt, die frühere Innigkeit jedoch fehlte. Oft schon hatte Frau Grünwald den Schritt bereut, den sie gethan, denn sie hatte seitdem jeden Einfluß auf den Gatten verloren und durfte es nicht mehr wagen, ihrem Hang zur Verschwendung. wie ehedem, die Zügel schießen zu lassen. Hauptursache der zuweilen recht unerquicklichen Auftritte in der Familie war die nicht zu zügelnde Frechheit der Kinder, die es sich nicht verbieten ließen, wenn sie den Vater nicht in der Nähe glaubten, ihn als Saujuden zu bezeichnen und da er dieses wiederholt erfahren, hatte er seine Drohung wahr gemacht, und ohne des Einspruches seiner Frau zu achten, - die Knaben einem Pensionat übergeben, in dem sie ziemlich strenge gehalten wurden. Es war das Einzige, was er thun konnte, denn ihm fehlte nicht nur die Zeit, sondern auch die Charakterfestigkeit, die die Erziehung der durch die blinde Affenliebe der Mutkr schlecht erzogenen Knaben erforderte. Dennoch, für seine augenblickliche Ruhe war hierdurch allerdings gesorgt, aber das Verhältniß zwischen ihm und seinen Knaben tvar, womöglich, noch schlechter geworden. Hatten die acht- und neunjährigen Knaben, als Glieder der allein seligmachenden Kirche, den jüdischen Vater bisher nur verachtet, jetzt haßten sie ihn auch, denn es war den Verwöhnten überaus schwer, sich der strengen Ordnung des Institutes zu fügen. Obgleich Grunwald Anfangs bestimmt hatte, daß sie auch während der Ferien im Institut bleiben sollten, und sie daher seit bereits anderthalb Jahren nicht daheim gewesen waren, gelang es den Bitten der Mutter, endlich die Erlaubniß zu erhalten, in den nächstfolgenden Vakanzen ihre Lieblinge konrmen zu lassen. Sie war überglücklich und überlegte schon Wochen vorher, wie sie die „Armen" wieder einmal pflegen und verhätscheln wollte. Ihre Tochter, die sie doch so nahe hatte, sah sie selten, kümmerte sich absolut nicht um sie, lvenn Frieda hin und wieder sich nicht zuruckhalten ließ, die Mutter zu besuchen, war sie doch gegen ihren Willen bei den »gemeinen Leuten", so mochte sie auch ohne ihre noble Mutter fertig werden. Den Vater sab Frieda jedoch täglich. Das waren Grunwalds glücklichste Stunden, wenn sein Liebling in den Mittaollnnden bei ihm weilte, alle seine wärmeren Gefühle konzentrirjen sich auf seine Tochter. Er beabsichtigte daher, während der Ferien, während des Besuches seiner Söhne, seine Tochter mit nach Karlsbad zu nehmen, wo er auf Rath des Arztes die Kur gebrauchen sollte. Frieda war überglücklich, als der Vater ihr seine Absicht mitgetheilt, namentlich da er hinzugefügt hatte, er werde sich nach der besten und religiös zuverlässigsten Restauration erkundigen. „Ta wirst Du immer mit mir essen, Papa?" fragte sie. indem sie mit ihren strahlenden Augen zu ihm emporblickte. „Gewiß, Liebling," sagte er. indem seine Finger durch ihre glänzenden lockigen Haare glitten, die ihr vom Nacken binunter wallten, „freust Du Dich auf die Reise?" „O sehr, sehr freue ich mich, Papa. — Möchtest Du nicht Sclma auch mit nehmen? Dann würde ich mich noch mehr freuen." „Wenn es Dir Freude macht, kannst Du sie in meinem Namen einladen, mit uns zu fahren, obgleich ich Dich lieber ganz allein für 'mich gehabt hätte —" „Dann werde ich sie nicht einladen, und Du hast auch recht, Papa, es wird doch noch viel schöner sein, wenn wir ganz allein sind. Selma habe ich zwar sehr lieb, aber wenn sie immer mit uns wäre, könnten wir doch nicht über Alles sprechen." „Willst Du mir Geheimnisse anvertrauen?" fragte er lächelnd. „Das weiß ich selbst nicht," versetzte sie, den Kopf an ihn lehnend, „aber ich freue mich so, daß ich vier Wochen lang immer mit Dir zusammen sein werde, das wird schön sein, so schön! —" Aber nicht nur Frieda, sondern auch ihre Mutter war durch das getroffene Arrangement überaus befriedigt, denn so sehr sie sich auf den Besuch ihrer Söhne gefreut hatte, so hatte sie doch die geheime Angst nicht bannen können, es hätte zwischen den übermüthigen Burschen und dem so leicht gereizten Gatten wiederum zu peinlichen Auftritten kommen können. So aber war alles schön und gut, so hatte sie auch das spöttische Bekritteln ihres Thuns nicht zu fürchten, wenn sie die Knaben wie ehedem verzärteln würde. Doch hatte sie schon vor den Ferien sich gefreut, daß Grünwald während derselben nicht daheim sein werde, nachdem die Knaben gekommen waren, war sie doppelt und dreifach froh, daß der Vater nicht zu Hause war. Sie wollten sich entschädigen für den Zwang der verflossenen zwei Jahre in der Pension, darum kannte ihre Ausgelassenheit bei ihrem lieben, nachsichtigen Muttchen jetzt keine Grenzen. Und so oft es ihnen die Mutter auch verbieten mochte, so oft sie von dem Vater sprachen, erfanden sie neue Schimpfworte für ihn. Inzwischen verbrachte Grunwald mit feinem Töchterchen in dem freundlichen Badeorte die angenehmsten Tage. Mochte ihn auch die Kur etwas angrcifen, die beständige Gegenwart seines Kindes that