Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1904-05-05 · Heft 35 (5.5.1904) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 35 (5.5.1904)
Date
1904-05-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449986-2450019--60582-2521538
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

760 in dem Erworbenen die Kraft verehren werdet, die euch das Erwerben möglich macht, wenn ihr euch, oder die von euch allein wahrgenommene endliche Ursache als Endursache betrachten werdet, wenn ihr das vorübergehende, zeitlich und räumlich beschränkte Bewirkte als das Bewirkende ansehen werdet, wenn ihr all die von Gott gesandten und bestimmten Kräfte als Urkräfte verehren werdet, dann will ich die Schale meines Zornes über euch ausgießen, dann will ich euch dem Zufall überlassen,' euch zeigen, wie ohnmächtig ihr seid ohne mich. „Wenden wir uns nun zu unserer Der Prophet Jeremias, der Zeuge der großen Katastrophe, des Unterganges von Tempel und Staat, richtet seinen Blick auf die späteste Zukunft; er schaut über die trübe Gegenwart hinaus in die verheißene große Zukunft; versunken find vor ihm die Zeichen des Verfalls, er sieht nicht mehr die Spuren der Zerstörung, hört nicht das Jammern und Wehklagen seiner Umgebung, steht nicht die bleichen Genossen seines Elends, nichts von allem Truck, Jammer, Elend, Verzweiflung, Schmerz und Pein, denn er sieht im Geiste das jüdische Volk wieder erstehen, er hört schon den Lobgesang, den die Völker am Ende der Tage dem Gotte Jakobs anstimmen, er sieht schon, wie sie ihre Götzen zerbrechen, ihre Jrrthümer abschwören, hört schon die Hymnen laut werden, die der Hoheit und Reinheit seines Volkes gelten, er sieht die helle Glückessonne den Thurm des neuen Tempels bescheinen, die Fahne der jüdischen Gesetzeslchre auf der Zionsburg wehen, er sieht schon, wie geschäftige Priester im neuerstandcnen Heiligthum, das nun Sammelstätte aller Menschen geworden, die Dankopfer der jetzt endlich in den Besitz der einzigen Wahrheit gelangten Menschensöhne darbringen, er hört wieder den herrlichen Levitenchor, wie er in feierlich gehobenen Weisen dem Schöpfer huldigt und von schwellendem Hochgefühl erfüllt, beginnt er nun das zu schildern, was er gesehen, gehört und empfunden hat. „Gott, der Du meine Kraft, meine Starke und mein Zuflucht bist am Tage der Roth; zu Dir werden Völker kommen von den Enden der Erde und werden sprechen: Nur Lüge haben unsere Väter ererbt. Eitles, woran nichts nützlich ist." Gott ist meine Kraft fr» minn nx denn Er hat uns Seine Thora gegeben. Die Lehre ist die Kraft, die das jüdische Volk erhalten bis auf uns, sie war die schützende Mauer, die es inmitten der es umgebenden Feinde beschirmt hat, sie war es, die es aufrechterhalten inmitten der Verzweiflung, sie stärkte die Hände, wenn sie schlaff zu werden drohten, sie stützte die Kniee. wenn sie zu sinken begannen. sie güß immer neuen Lebensmuth und neue Lebensfreude in das Herz, wenn $3 dem Verzagen nahe war und sie allein war es auch, die es uns ermöglichte, die Völker für die Wahrheit, die zu verbreiten unsere *) Ich verweise auf die herrliche Erklärung dieser Haftorah von Rabbiner Hirsch VT im dritten Bande de» Jeschurim. - Aufgabe, der Sinn unserer Leiden, der Zweck unseres Wandelns unter den Völkern war, zu gewinnen. Nur durch die Kraft, die wir aus ihr schöpften, wurde es uns möglich, zu bewirken, daß einst die Völker zu Dir wallen und bekennen, daß es Lüge war, was ihre Väter ererbt, was sie ererbt, aber nicht durch eigenes Denken und Forschen gefunden, denn sie haben blindlings die Unwahrheiten und Lügen der Vorfahren mit in ihr Leben hinübergenommen und glaubten, daß es eigene, auf dem Wege logischen Denkens erworbene Wahrheit ist. sie glaubten, ohne Vorurtheil und Voreingenommenheit. an die Erforschung der Probleme beronzutreten — und dabei waren sie eingeschnürt in einer Unmenge von ererbten und überkommenen Vorstellungen und Begriffen, sie glaubten und meinten zu w i s s e n. sie pochten auf die Selbstherrlichkeit ihres Verstandes — und dabei hingen sie mit rührender Naivität an den veralteten und verjährten Jrrthümern der Vorfahren. Die nim wird endlich einmal den Bann brechen und Bresche legen, in diese hinter Unglauben und Aberglauben verschanzte Mauer menschlichen Wahnes, sie wird einst den Kindern die Augen öffnen und ihnen zeigen, welcher Lüge und welchen Nichtigkeiten ihre Väter nachgejagt, welch ärmlichen- und erbärmlichen Kräften sie ihres Lebens Glück und ihres Daseins Wohlfahrt anvertraut, sie wird die Binde lösen und den Schleier lüften, die sie verhindert haben, die Unwahrheit und Haltlosigkeit ihres ganzen Denkprozesses zu sehen, die sie vor allen Dingen gehindert bat, die eine fast selbstverständliche Wahrheit zu erkennen, daß „der Mensch sich keinen Gott machen könne, wenn er selbst nicht Gott ist." daß die Wirkung niemals etwas enthalten könne, was nicht schon wenigstens andeutungsweise in der Ursache mit inbegriffen wäre, daß es durchaus nicht genügt, wenn der Mensch alle seine Kräfte ins Unendliche gesteigert denkt, alle seine guten Eigenschaften ins Unermeßliche projicirt, wenn er von seinen Schwächen und Fehlern, von'seiner Ohnmacht und Beschränktheit abstrahirt, um so den Begriff eines höheren, allmächtigen und allgütigen Wesens zu gewinnen, denn hätte der Mensch nicht schon den Begriff und die Vorstellung der Allmacht. Allgüte und Allweisbeit. so würde er seine Ohnmacht gar nicht wahrnehmen. Nur dadurch, daß vvvv mrra 'an ’n tr '2 irn woa nrn n» rirr cjm* iwta. Ich ihnen zur Erkenntniß bringe, sie Meine Hand und Meine Macht erkennen lasse, erfahren sie, daß Mein Name Haschem. Nicht der Mensch erfand den Gedanken der unbeschränkten Gewalt, den Begriff der unendlichen Güte und allumfassenden Liebe; der Mensch hätte sich niemals einen Gott konstruiren können, da er nicht Gott ist. That er es ja einmal, so waren seine Götter seine Ebenbilder, behaftet mit allen Gebrechen der Endlichkeit. ja sie waren noch elender als ihre Schöpfer, die von Gott in Seinem Ebenbilde geschaffen waren. Euch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.