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Der Israelit · 1904-05-02 · Heft 34 (2.5.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 34 (2.5.1904)
Date
1904-05-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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739 niß entweiht hat. Morgen — „Nein! nein! nein!“ schrie er auf. Da klopfte es an der Thür, es war der Diener, der ihn, wie gewöhnlich um diese Zeit, weckte. Noch vollständig unter dem Eindruck seines Traumes sprang er auf und wollte ohne sich anzukleiden zur Thür eilen, hinaus in's Freie. Da trat der Bediente, mit seinen Kleidern über dem Arm, in das Zimmer. „Der Herr Doktor haben sich gestern drinnen ausgekleidet, hier sind die Kleider. Hoffentlich sind die bösen Kopfschmerzen jetzt ganz vorüber.“ Verstand nisilos blickte Kehler ihn an, er war auher Stande zu begreifen, von was der treue Bursche sprach, gewohnheitsgemäh nahm er die Kleider und legte sie an, nachdem er zuvor den Kopf in kaltem Waffer gebadet hatte. Das hatte ihm wohl gethan. der nächtliche Spuk war bis auf die Erinnerungen gewichen. Wenn euch etwas müder und bleicher als sonst, trat er doch zur gewohnten Stunde seinen ärztlichen Rundgang an. und in Ausübung seines Berufes fand er auch sebr bald die gewohnte Frische und seine vollständige Ruhe wieder; bei seinen Kranken ward ihm wohl, denn da dachte er an nichts anderes, als wie er baldigst ihre Schmerzen lindern könne. Auch an die Verabredung mit seiner Braut, daß sie ihn zum Essen erwarte, und was dann folgen sollte, dachte er nicht. Doch als er nach Hause kam, fand er ein Villet der Gräfin, in dem sie ihn ersuchte. nicht zu vergessen, daß sie ihn erwarte. Er aihmete schwer auf und befahl dem Diener, ibm einen schwarzen Anzug zurecht zu legen. Nachdem er seine Toilette beendet, begab er sich zu seiner Braut. Heute wollte sie sich selbst übertreffen, heute sollte er effektiv nicht zu sich selbst kommen. Und was sie wollte, das war ihr noch immer gelungen. In einer berückend schonen Toilette war sie mit offenen Armen ihm entgegengeeilt, hatte sich an ihn geschmiegt und so lieblich geplaudert und so geistvoll, und das Diner war geradezu ercessent, sie hatte seinen Geschmack nach jeder Richtung hin studirt und dann das Dessert — Keine Minute hatte sie ihn allein gelassen. Während er seinen Mokka trank, war ihre Kammerfrau mit ihrem Hut und einem leichten Ueberwurf erschienen, den sie der Herrin um die Schultern legte. „Wenn Dir's jetzt gefällig ist. lieber Freund — der Wagen wartet.“ Sie sah ihn erbleichen. während er sich erhob, .sah wie sein Blick sich, während er ihr den Arm bot. auf das. verhaßte Konfirmationsgeschenk an seiner Hand richtete. „Aber Otto.“ rief sie lachend, „Du hast ja keine Handschuhe an. komm* ich will sie Dir anziehen.“ J.; Und lachend und schäkernd lieh sie es sich nicht nehmen, ihm beim Anlegen der Handschuhe behilflich zu sein, und lachend und schäkernd zog sie ihn mit sich hinunter zum Wagen. Sie war wunderbar liebreizend in ihrem' schein- . baren Uebermuth. Er war ihr beim Einsteigen behilflich Und setzte sich dann an ihre Seite. Sie nahm seine Hand und plauderte munter weiter, während die Equipage durch die Straßen dahinrollte. Als sie jedoch in's Freie * kamen und auf der Heerstraße weiter fuhren, lehnte sie den Kopf gegen seine Schulter und sprach innig: „Otto^ lieber, lieber Otto, was Du heute für mich thust. das werde ich Dir nie vergessen. — Dagegen aber verlange ich, daß Du es anerkennst, daß ich Dich verstehe.^ . „Ja, Du verstehst mich, Geliebte,“ versetzte er leise, indem er ihren Händedruck erwiderte, aber das Beben seiner Stimme hatte er doch nicht vollständig unterdrücken können. „Muth. Otto, Muth! — In einer Stünde wird alles vorüber sein und dann brauchst Du nie wieder daran zu denken; wenn Du nicht willst, brauchst Du das betreffende Dokument nicht einmal zu sehest, ich werde es nehmen und für alles Weitere sorgen.“ Sie hatten das Ziel ihrer Fahrt, das Pfarrhaus , in.f. erreicht. Der alte Pfarrer, eine Ehrfurcht gebietende Gestalt, saß im Vorgarten, eine lange Pfeife, aus der er geraucht zu haben schien, in der Hand. Doch als der Wagen vor dem Hause hielt, erhob er sich rasch, legte die Pfeife auf die Bank i nd ging den Ankommenden entgegen, die er mit herzlicher Hochachtung begrüßte. Er sprach der Gräfin seine Freude über ihr blühendes Aussehen ans. „Das ist der Verdienst meines Arztes,“ verfetztie sie lächelnd, „gestatten Sie. daß ich Ihnen denselben/ vorstelle.' Herr Doktor Otto Keßler.' meist liebster Freund und baldiger Gemahl, Herr Pfarrer JalobuS Waltber, mein einstiaer Lehrer.“ " Die Herren reichten einander die Hand und schüttelten sie kräftig, man unterhielt sich einige Minuten über qleichgiltige Gegenstände, dann forderte der Pfarrer „seine lieben Gäste“ auf. ihm in fein Studirzimmer zu folgen. .. .; ..Ick vermutbe. die Herrschaften werden es mir Dank wissen, wenn ick Sie nicht unnöthiger Weise aufbalte. Also. Herr Doktor, die Lehren des Christentbums sind Ihnen vermuthlich aus dem Katechismus bekannt..“ , - „Verzeihung. ehrwürdiger Herr.“ erwiderte Keßler. „einen Katechismus habe ich nie im Leben gesehen, denn ich bin, wie Fönen bekannt seist durfte. Jude. Als solcher wurde ich in meiner Jugend von meinem": Vater in den Lehren des Judenthums unterrichtet, nnd oft hat mir mein Vater aesaat und. vielfachauch stachaewiesen. daß sämmt licke Lehren der Sittlichkeit und:., der Moral, die auch zu den Grundlagen jünaerer Re-'-' i ligionen gehören,, der Wischen Religion entnommen sind.“ .* - -■;r:x Der Pfarrer wiegte bedächtig sein ehrwürdiges Haupt. „Hm, hm, das dürfte seine Richtigkeit haben.

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