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Der Israelit · 1904-05-02 · Heft 34 (2.5.1904) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 34 (2.5.1904)
Date
1904-05-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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788 englischen Wesen hielt, die Farbe halten, sobald dafür Opfer zu bringen find. Konnte doch ein Redner der Mehrheit, Herr Gordon. unter Bravorufen der Regierungspartei verlangen, daß man nicht immer von offener Thüre schwatzen solle. „Die offene Thüre ist eine sehr schöne Sache, so lange es jemandes anderen Thüre ist!" Don dem Minister des Innern. Herrn Akers-Douglas. wurde bestritten, daß die Bill sich gegen politisch Unterdrückte richte, die Traditionen des englischen Asylrechts antasten wolle. Das liegt auch gewiß nicht in der Absicht der Regierung. Nur sind eben die politisch Verfolgten heute nicht mehr intereflante Bombenwerser mit dramatischer Vergangenheit und leidlichen Umgangsformen, sondern schmutzige und engbrüstige Paupers, die nichts wollen, als in Freiheit ein Stück Drod verdienen. Es ist unbestreitbar, daß in der niedrigen Lebenshaltung dieser Leute eine Gefahr für das Londoner Proletariat liegt; in der Stimmung weiter Volkskreise ist das Gesetz daher begründet. Nur darf man sich nicht darüber täuschen, daß es von den überlieferten Grundsätzen wieder einen opfert und eine neue Etappe auf dem Wege ist, auf dem jetzt Herr Chamberlain fährt. Dieser hat übrigens nachträglich in einem.eben veröffentlichten Briefe die Einführung der Chinesen als Minenarbeiter in Transvaal genehmigt. Natürlich verweisen die Gegner des englischen Fremdengeiehes auf diese Chinesenbill; in Südafrika vertreibt man den englischen Arbeiter, weil er zu hohe Löhne verlangt. und importirt den Kuli; in England vertreibt man den armen Juden, weil er zu billig arbeitet. Der Arbeiterabgeordnete John Vurns machte sich den Spaß, der Behandlung der armen Juden vom Ostende die der reichen jüdischen Mineninteressenten von Parklane entgegenzustellen, „die seit fünf Jahren die Regierung von Dan nach Verseba schleifen." Hätte Krüger so ein Fremdengesetz gemacht, wie würde man da geschrieen haben. England verliere rasch die Kennzeichen eines freien Volkes. Wenn es sich einmal ganz und gar zu Rußlynd. der Türkei.und Deutschland — die Zusammenstellung ist köstlich — gestellt haben werde, dann werde es Zeit sein, auszuwandern. Japan. Nagasaki. Ueber die Juden in Japan erhält „Der Fraind" einige wissenswerthe Mitiheilungen. Erst seit kurzer Zeit dürfen sich Fremde in Japan niederlassen. Eingeborene Juden gibt es daselbst nicht. Sie sind ein- - gewandert aus Sibirien, aus. den englischen Häfen, aus Palästina und. China. Die jüdische Kolonie im Lande des Mikado wächst von Tag zu Tag. Außer einigen " großen Geschäften befassen sie sich mit Kleinhandel; die aus Sibirien Eingewanderten betreiben dos wenig be- ..uerdenswerthe Gewerbe ' von Schnapsschänken. Die Juden," welche' aus dem Osten eingewandert sind, sind sehr fromm und führen ein ordentliches Leben. Die arabischen und Palästinajuden kommen zumeist als Sendboten, um Spenden zu sammeln. Nur ein kleiner Theil von Japan ist für Europäer geöffnet. Der größte Theil ist unerforscht. Soviel wir wissen, befinden sich jetzt in Japan 200 jüdische Familien. Einzelne jüdische Familien wohnen in mehreren Städten Japans; eine organisirte israelitische Gemeinde besteht aber nur in der Stadt Nagasaki. Die Gemeinde zählt zwar nur 122 Seelen; trotzdem besitzt sie eine Synagoge; vor einigen Jahren ließen sie drei Thorarollen kommen; auch eine Chewra Kadischa besteht daselbst und die kleine Gemeinde hat bereits einen Friedhof angelegt, einen Rabbiner, einen Schächter, einen Kantor angestellt. Auch ein Mohcl ist vorhanden, sowie alle Kultuseinrichtungen einer jüdischen Gemeinde. Ein deutscher Jude, welcher vor Jahren in Nagasaki eingewandert war und dort ein Hotel eröffnet hatte, heirathete eine zum Judenthum übergetretene Japanerin. Der Mann starb und die Wittw'e leistete den größten freiwilligen Beitrag zum Bau der Synagoge. Feuilleton. Wahrheit und Dichtung. Von Friedrich Rott. >38 Mechanisch begann er sich zu entkleiden, noch in seinem Arbeitszimmer, drehte dann die Gasflamme ab und begab sich im Finstern in das anstoßende Schlafzilnmer. der Thür gegenüber stand sein Bett, auf das er sich streckte. Es war vollständig finster in beiden Zimmern, ob er die Augen offen hatte oder geschloffen, das wußte er nicht. Aber es war seltsam, im Finstern sah er durch die offen stehende Verbindungsthür direkt in's andere Zimmer auf seinen Schreibtisch hin. und obgleich die Lade desselben, in der er das Säckchen mit den Gebetriemen geborgen hatte, geschloffen war, sah er durch das Holz hindurch auf die goldgestickten Buchstaben. und obgleich ihm vorhin das Gold etwas matt vorgekommen war, jetzt funkelte es und warf weithin Strahlen. Und die Buchstaben wurden immer größer und größer, wie gebannt hing sein Blick an der Riesenschrift und unablässig las er. mußte er lesen: nvw po> 1'v2 n xTOi. Wie lange er das unaufhörlich gelesen hatte, ob Stunden oder Tage oder Jahre, das wußte er nicht. Da vernahm er in der Ferne ein unsäglich schmerzliches Weinen, verzweiflungsvolle Laute drangen an sein Ohr und eine Stimme, in der er die seines.verfiorbenen Vaters erkannte, fragte bebend: Hörst'Du, I wie Deine Mutter weint? — sie weint um ihren Sohn, um ihr Kind, um ihr einziges Kind, das ihr Verwacht-

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