Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 34 (2.5.1904)
- Date
- 1904-05-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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giösen Besonderheiten etwas in den Hintergrund treten lasse, eine überaus traurige Verkennung der Sachlage, Unklarheit in der Begriffsbestimmung und Verquickung jüdischer Anschauungsweise mit auf ganz andern Gebieten gereisten Vorstellungselementen und birgt die Propagirung der in dieser Broschüre enthaltenen Gedanken eine umso größere Gefahr für die Reinheit der jüdischen Gesinnung in weiteren Kreisen, die dem hier Deduzirten nicht im Stande sind, mit kritischem Auge zu folgen, in sich, 'als der Verfasser den Ruf eines orthodoxen Rabbiners genießt. Auf S. 3 werden die „Grundlagen", die Voraussetzungen zusammengefaßt.'ohne welche der Zionismus nicht gedacht werden kann: daß dir Juden, auch nach dem Verluste ihrer staatlichen Selbstständigkeit nicht aufgehört haben, ein Volk zu sein, daß mit der Zerstörung Jerusalems die Rolle des jüdischen Volkes noch nicht zu Ende sei, daß das jüdische Volk trotz seiner Zerstreuung unter allen Völkern der Erde eine Einbeit, eine ethnographische Besonderheit bilde, daß das jüdische , Volk „in Folge seiner Vergangenheit und seiner Hoffnung auf die Zukunft" nicht ausgehört habe, Palästina als sein Heimathland zu betrachten. Der Verfasser sieh! auf S. 4 in diesen Sätzen einen integrirenden Besiandtbeil unseres jüdischen Bewußtseins, deren Leugnung einer Leugnung des Judenthums gleichkommt, und könne selbstverständlich diesbezüglich von einem Antagonismus zwischen Orthodoxie und Zionismus keine Rede sein. Ja. verehrter Herr Rabbiner, stellen Sie sich denn das jüdische Bewußtsein wie einen großen Kleiderschrank vor. in den man seine jüdischen Ueberzeugunaen der Reihe nach hineinhängen kann, der Eine mehr, der Andere weniger, der Eine seinen Rock, der Andere seine Weste, der Dritte seinen Rock und seine Weste, daß der Eine behaupten kann, was meinen Rock betrifft, kann diesbezüglich von einem Antagonismus zwischen mir und dem Dritten nicht die Rede sein? l^änat bei Jbnen der nicktaesetzestreue Jude erst beim Taufbecken an? Daß die Juden auch nach dem Verlüde ihrer staatlichen Selbstständigkeit nickt aufaebört haben, ein Volk zu sein, ist denn das tbatsäcklick ein intearirender Bestandtheil Ihres jüdischen Bewußtseins? Wie nun. wenn das jüdische Volk in Wirklichkeit kein Volk mehr ist. keine Ration mehr ist in gewöhnliche m Sinne des Wortes und was man auf zionistischer Serie mit dem Worte ..Ration" für Vor stcllnnaen und Begriffe zu verbinden pflegt, ja wenn da? jüdische Volk selbst vor der Zerstörung Jerusalems kein Volk getragen von eigener Macht und eioener Krgft gewesen, lediglich hinaewiesen aus die Bedingungen seiner materiellen Existenz und nicht den Blick auswärts. v\ Gott gerichtet, der es aus Adlers slugeln über die Hohen und Niederungen des gewöhnlichen Völkerdaseins trägt — was dann Herr Rabbiner? Daß „die »sahne des jüdischen Volksgedonkens" auch in solchen Kreisen sich entfaltet hat. die wir dem Judenthum schon gänzlich entfremdet hielten, sst gewiß mit Freuden zu begrüßen. Ist es ja nicht ausgeschlossen. daß vielleicht einmal, wenn nicht beim gegenwärtigen Geschlecht, so doch in künftiger Zeit', ein Sinneswechsel eintritt. Aber wie sich der Zionismus heute in unverhüllter Thatsächlichkeit jedem klarblickenden Auge darstellt, kann doch wahrlich zu sanguinischer Zukunftsmusik nicht berechtigen, und die Thränen. die Ihren Augen entstürzten, als Sie die „Welt" zum ersten Male lasen (S. 5). ehren Ihr Herz und adeln Ihr Gemüth, aber verzeihen Sie. Herr Oberrabbiner, sie waren etwas verfrüht. Daß in weiteren Kreisen die Erkenntniß sich Bahn gebrochen, daß die Juden auch nach dem Verluste ihrer staatlichen Selbstständigkeit nicht aufgehört haben, ein Volk zu sein, daß mit der Zerstörung Jerusalems die Rolle des jüdischen Volkes noch nicht zu Ende sei. die Wahrnehmungen dieser negativen Resultate des Zionismus berauschen den Papaer Oberrabbiner so gewaltig. daß er an die f a l s ch e n Bahnen ganz vergißt. in die der Zionismus den „jüdischen Volksge- ^danken" hinübergeleitet. Denn wir wollen es uns doch nicht verheblen, daß die zionistische Bezeichnung der über den Erdboden zerstreuten jüdischen Abkömmlinge als „jüdisches Volk" mit dem Judenthum gar nichts zu schaffen hat. Die zionistische Anschauung gliedert das jüdische Volk mit dem Anspruch der Gleichberechtigung in die Reibe der übrigen Kulturvölker ein. Wie es ein französisches und englisches Volk gibt, so gibt es auch ein jüdisches mit'dem unverlierbaren Rechte zu existiren und sich auszuleben. Der Jndenstaat muß kn Jolge besten das für den Zionisten anzustrebende Ziel bedeuten. und wenn dieses Ziel im Baseler Programm nickt ausdrücklich festgeleat ist. so ist dies eine große Unterlassungssünde seitens der zionistischen Parteiführer. Das wissen die Herren ebenso gut. daß der Be- | griff Volk, ohne staatliche Oraanisation. etwas ganz chimärisches, ein nomadenhaft zigeunerisches Unding ist. Es ist klar, welche Stellung in einem solchen Staate die ..Religion" einzunehmen hat. Genau dieselbe Stellung.!uie bei den europäischen Kulturvölkern: eine hochwichtige, die Staatsinteressen förderliche, doch mit Richten die gesammten Lebensinteressen des Volkes in allen Abzweigungen für stch in Ansvruch nehmend, ein werthvolles, ja notbwendiges Zubeb'ör. doch nichts weniger, als das Meer, worin die Ströme des geistigen und sozialen Lebens bineinmünden. Hier ist unseres Erachtens der wunde Punkt, der bei Besprechung der zionistischen Frage nicht schonungslos genug berübrt werden kgnn. Hier klafft der abgrundtiefe Gegensatz zwischen Orthodoxie und Ziönismns. und wenn der Herr Oberrabbiner auf S. 8 von den Gegnern der .zionistischen Bewegung fürchtet, daß