Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 33 (28.4.1904)
- Date
- 1904-04-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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722 folgen: „Seid einig, einig, einig!" Der Vorsitzende schlägt alsdann vor, zur Vermeidung einer Zersplitterung die nunmehr beginnende Diskussion in eine Generaldiskussion und Spezialdiskussion zu trennen und in der ersteren die Hauptgesichtspunkte, Zweck des Verbandes. Zusammensetzung desselben, Oeffentlichkeit und Beitragspflicht, zur Erörterung zu bringen. In der Generaldebatte spricht Justizrath Friedm ann - Glogau seine Freude aus über die Idee der Begründung der Organisation, welche für die innere Kräftigung und das Ansehen der deutschen Judenheit nach aussen nothwendig sei, warnt aber vor allzu grosser Zuversicht in die sofortige Wirkung der Leistungen des Verbandes. Herr B l u m e n t h a l - Kassel glaubt nicht, daß die Leistungen eines offiziellen Verbandes andere Aufnahme finden würden als bisher diejenigen des Eentralvereins. und fürchtet, dass man die Juden wegen ihrer politischen Ohnmacht — im Gegensatz zu dem politisch kräftigen Bund der Landwirthe, zum Katholikentag -- genau so behandeln tverde wie bisher. Es sei nicht opportun, die Organisation als Verband der deutschen Juden zu bezeichnen, wenn ein wesentlicher Theil Deutschlands fehle, und es sei ein beschämendes Zeichen nach aussen, wenn die Juden in einer solchen Frage nicht vollständig geschlossen, da stehen. Schliesslich hält er es für nicht ungefährlich, dass nach Gründung des Verbandes nun das gesammte Judenthum die Verantwortung für die Massnahmen des Ausschusses tragen solle. Abgeordneter Dr. E o h n Dessau hält bei der sprichtwörtlichen Uneinigkeit der deutschen Juden den zahlreichen Besuch der Versammlung schon für einen grossen Erfolg für die Sache des Verbandes, der das sein tverde, was aus ihm gemacht werden würde. Wenn man freilich mit vorgefassten Meinungen an die Gründung herantrete und tausendfache Rücksichten auch hier walten lassen wolle, so werde der Verband nur ein Verein wie die anderen sein. Wenn wir aber lernen vom Bund der Landwirthe, vom Katholikentag, vom Handwerkertag. so werde auch bald eine Macht hinter den. Verbände stehen: denn das Judenthum mit seinen wirthschaftlichen und geistigen Intelligenzen fei eine Macht, die man nur zu gebrauchen wissen müsse. Es sei irrig zu sagen. Schreien und Agitation helfe nichts, wenn nicht eine Macht dahinter stehe. -Schreien schaffe Macht, und nur dadurch könne die Macht der Partei wachsen. Allerdings könne der Verband nur Erfolge erringen, wenn er auf deutschem Nechtsboden bleibe, die Grenzlinie zwischen Antisemiten und Juden solle nicht verstärkt werden. Eine centrale Instanz der Juden müsse geschaffen werden, deren Fehlen bei den Vorgängen in kanten, in Konih so schmerzlich empfunden worden sei. Die Lage der Juden könne nicht schlimmer werden, als sie schon sei. Im öffentlichen, wie im gesellschaftlichen Leben würden die Juden zurückgesetzt als Menschen zweiter Klasse betrachtet. die wenigen Ausnahmen seien um so beschämender und diesenigen. die Ehrenbezeugungen erhalten. sollten sie vielmehr zurückweisen. (Sehr richtig!) Wer gebe ein Recht dazu, die Juden, die doch Deutsche seien, erzogen in deutscher Sprache, Gesittung und Bildung, schlechter zu behandeln als die Andersgläubigen. Der Verband müsse begründet werden, alle Juden Deutschlands müssen sich ihm anschließen, kleinliche Bedenken zurückgestellt werden. Mit den Maßnahmen des Ausschusses werde man sich, wie zu hoffen stehe, mit Stolz solidarisch erklären können. Nicht gegen die politischen Parteien solle angekämpft, nur ein schneidiges Organ solle geschaffen werden, eine blanke Wehr zur Vertheidigung. Wenn sich dem Verband alle anschliessen. so werde dieser ein Segen werden für die Juden in Deutschland. Rechtsanwalt Dr. H o l z - Königsberg hält es für die Aufgabe des Verbandes, schnellstens Bayern und Württemberg zum Anschluß zu gewinnen. Der Verband könne nur dann eine Bedcutung gegenüber den Regierungen haben, wenn er sich auf den Gemeinden aufbaue, den gesetzlichen Vertretungen der Juden; durch die Berufung von sog. Notabeln stehe ein Pairsschub zu befürchten. Der Vorsitzende Dr. H o r w i tz stellt sachlich fest, dass die Zahl der zu delegirenden Einzelpersonen auf eine Ouote der sonstigen Vertreter beschränkt und damit genügende Vorkehrung gegen einen Pairsschub getroffen sei. Auf Antrag Geiger- Frankfurt wird alsdann die Redezeit auf fünf Minuten beschränkt. Rabb. Prof. Dr. M a y b a u m gibt für den Rabbinerverband die freudig aufgenommene Erklärung ab, daß dieser sich der Gesammtorganisation anschliessen werde. Dr. Bode n h e i m e r - E'öln begrüßt die Schaffung des Versandes als ein neues Mittel zur Hebung der Selbstachtung und des Selbstbewusstseins der Juden. Ihm scheint auf der einen Seite die Aufgabe des neuen Verbandes zu eng gefasst, wenn inan es prinzipiell ablehnen wolle, sich mit den Zuständen der Juden außerhalb Deutschlands zu befassen, und er bittet, in der Behandlung dieser Dinge die Grenze für den Verband nicht so eng zu ziehen. Auf der anderen Seite erscheine die Aufgabe zu weit gefasst, wenn alle Dinge, die in Deutschland passiren, den Regierungen durch Petitionen und Eingaben zur Kenntniss gebracht werden sollen, eine Aufgabe, die der Eentralverein bisher geleistet habe. Die allgemeine Unterdrückung und die unwürdige Behandlung der Juden solle vielmehr deutlich und in einer Kundgebung von hervorragender Bedeutung den Negierungen zur Kenntniss gebracht werden. Zu den Verhandlungen der Delegirten müsse die größere Oeffentlichkeit zugelassen werden. Redakteur Klausn er-Berlin wünscht, daß die den Juden bisher zu Unrecht vorgeworfene Solidarität sich nun endlich geltend machen sollte. Das Judenthum biete als hinter ihm stehende Macht das moralische Gewicht, denn es vertrete durch den Verband nicht Interessen, sondern die Sache der Gerechtigkeit, für welche der.Sinn im deutschen Volke noch nicht erstorben sei. Die Frage der Behandlung der Juden in den Handelsverträgen sei absolut eine Machtfrage, und der neue Verband werde in dieser Beziehung gerade Rußland gegenüber schwer-