Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 33 (28.4.1904)
- Date
- 1904-04-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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45. Jahrgang. rße Beilage zu /»s 33 des „Israelit". Erster Deutscher ^udelltag.- (Öriginal-Bcricht des „I sracli1E.)j Berlin, 24. April. Unter außerordentlich reger Betheiligung und in arbeitsreicher Tagung — die Sitzung dauerte von 10 Uhr früh mit einer nur halbstündigen Unterbrechung bis 6 Uhr Abends — fand heute im Repräsentantenfaale der jüdischen Gemeinde die Hauptversammlung zur Begründung des Verbandes der deutschen Juden statt. Bis auf Bayern und Württemberg hatten alle Theile des deutschen Reiches ihre Delegirten entsendet. Es waren etwa 130 Personen anwesend, hervorragende Männer des deutschen Judenthums, außer sämmilichen Mitgliedern des engeren Ausschusses zur Vorbereitung des Verbandes Vertreter der verschiedensten Gemeinden, der Bezirks- und Provinzialverbände, des Rabbinerverbandes, des Lehrerverbandes, des Eentralvereins deutscher Staatsbürger, des Deutsch-Jsr. Gemeindebundes, der Synagogenvcrbände. der drei Rabbinerseminare und zahlreiche Einzelpersonen, deren aller Namen hier aufzuzählen zu weit führen würde. Namens des engeren Ausschusses hieß Rechtsanwalt Dr. H o r w i tz die Erschienenen willkommen. Er sah in dem zahlreichen Besuch einen Beweis, daß die unter die Glaubensgenossen getragene Idee einer Gesammtorganisation Verständniß und Anklang gefunden habe, daß man sich überall und auch an den Stellen, an denen man aus formalen Gründen Bedenken zu haben glaubte, der Bedeutung eines Verbandes bewußt geworden sei. daß die Sympathien, die der Sache entgegengebracht würden, uneingeschränkte seien. Nirgends in Deutschland sei man der Meinung gewesen, daß es sich um einen Gedanken handle, der nicht der Propagierung werth gewesen wäre. Heber die Nothwendigkeit der Schaffung einer Gesammtvertrctung werde eine Aussprache kaum mehr nöthig sein, und einig seien alle, daß diese Organisation eine segensreiche werden müsse, wenn sie in der richtigen Weise ausgebildet werde. An der Versammlung werde es sein, die Wünsche betreffs einer Aenderung der vorgeschlagenen Ausgestaltung des Verbandes zu äußern und in der Abstimmung über ein Werk zu beschließen, das, wie alle überzeugt lein werden. zum Segen unseres geliebten Vaterlandes und zum Segen unserer Glaubensgemeinschaft aussckckaa/n werde. Dr. Horwitz beklagt alsdann die getroffene Eintheilung der Delegationen als recht mangelhaft, an der Hand der Satzungen werde es aber erst möglich sein. eine bessere Eintheilung zu treffen. Nach Verlesung der Präsenzliste durch Herrn Justizrath Dr. Fuchs- Berlin gibt alsdann Prof. Dr. Philippson in einem groß angelegten und klaren Referate die Zwecke und Ziele des Verbandes. Er hebt hervor, daß die Versammlung in einem epochemachenden Moment vereinigt sei, um sich, nach zweitausendjähriger Geschichte zu gemeinsamem Thun und gemeinsamem Wirken zusammenzufaflen. ein Moment, wie er für die ganze Zukunft der deutschen Israeliten von maßgebender Bedeutung sein werde. Ohne Ueberireibung könne man sagen, daß die Augen des ganzen deutschen Israels auf dieser Versammlung ruhen werden, und man dürfte hoffen, daß der Geist, der die heutige Versammlung beherrschen werde, der gelvannten Aufmerksamkeit des gesammtcn jüdischen Deutschlands entsprechen werde. Er verweist auf die in dem Auszug aus dem Protokoll der Sitzung vom 20. November v. I. gegebene Vorgeschichte und auf die dort gefaßten Beschlüsse. Zur näheren Kennzeichnung aller den Juden im deutschen Reiche gemeinsamen Interessen legt er zunächst das Negative dar, worin die Interessen nicht bestehen sollen. Es könne sich nicht um eine Einmischung in die inneren Kultus- und Gemeindeangelegenheiten handeln, die von jeder Gemeinde selber in voller Autonomie geregelt und, festgestellt werden müssen. Die verschiedenen religiösen Richtungen innerhalb des Judcnthums würden, wie es in den Satzungen ausdrücklich niedergelegt sei, von der neue« Vereinigung nichts zu fürchten haben: die religiöse Freiheit einer jeden Gemeinde werde von dem Verbände niemals angetastet werden. Alle Angelegenheiten, die sich auf Dinge außerhalb Deutschlands bezögen, seien gleichfalls von den Verhandlungen des Verbandes ausgeschlossen. Die Interessen des Verbandes könnten sich nur auf Deutschland und deutsche Angelegenheiten. soweit sie das Judcnthum betreffen, beziehen. Die Sorge für die östlichen Glaubensgenossen inüsse anderen Vereinen für immer überlassen bleiben. Nicht allgemeine Politik soll im Verbände getrieben, kein jüdisches Eentrum gebildet werden. Mit den Regierungen und Volksvertretungen solle über die Aufrechterhaltung unserer Rechte und Interessen verhandelt werden. Unter den gemeinsamen Interessen sei alles zu verstehen, was die Ehre und die verfassungsmäßigen Rechte unserer Glaubensgemeinschaft sowohl im Ganzen. wie auch in den einzelnen Ländern betreffe, alles, was die Stellung der einzelnen Individuen betreffe. Der Einwand, daß dies vielmehr eine Angelegenheit der Einzelstaaten sei. lasse sich nicht aufrecht erhalten. Denn da die Gleichberechtigung Aller im Gesetz des deutschen Reiches vorgesehen sei, könne diese auch von * einer allgemeinen deutschen Vereinigung verfochten wer-