Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 33 (28.4.1904)
- Date
- 1904-04-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450017--60542-2521496- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
712 öffnete, vermuthlich ohne daß er es wußte, bald hier ein Schublädchen, bald dort eines, griff hinein und schloß es wieder. Aber die unterste Schublade dort in der Mitte des Tisches, die konnte er nicht öffnen, hatte sie vermuthlich feit Jahren nicht auf geschloffen, wollte vermuthlich auch nichts darin suchen. Aber es ärgerte ihn, daß sie sich nicht öffnen lassen wollte und im Aerger griff er nach einem kleinen eisernen Haken, der zufällig in seiner Nähe lag und benützte denselben als Dietrich. Und es gelang, ohne Mühe öffnete er nun die Lade, was er damit bezweckte, wußte er selbst nicht, mechanisch griff er hinein. Plötzlich stieß er einen Schreckenslaut aus. Mit weit aufgeriffenen Augen starrte er in die geöffnete Lade, als enthielte sie Grauenvolles — und dennoch war er nicht im Stande den Blick abznwenden, von dem, was er dort geschaut. — An allen Gliedern bebend griff er nach dem Gegenstand, seines Schreckens. Es war ein kleines Säckchen von rothem Sammt, auf der einen Seite in Goldstickerei ein s. g. Davidsfchild, auf der anderen Seite gleichfalls in Gold gestickt die hebräischen Worte: n mvi rrrtn pzb “I*D- Damit die Gotteslehre in Deinem Munde weile. Seit einer Reihe von Jahren hatte er dieses Säckchen nicht gesehen, mit überströmenden Augen drückte er die Goldstickerei an seine bebenden Lippen, es war die letzte Handarbeit seiner früh Heimgegangenen Mutter, gleichzeitig mit dem Ring an seiner Hand hatte sie es ihm gegeben, damit er seine Gebetriemen darein berge. O, wie oft in späteren Jahren, wenn er nach dem Morgengebete die Riemen von Haupt und Hand genommen, wie oft hatte dann sein Vater zu ihm gesagt, indem er auf die Goldbuchstaben gedeutet: Das ist das Vermächtniß Deiner Mutter, es soll Dir ein Schild sein auf Deinem Lebenswege. Und vor feinem inneren Auge erhob sich die ehrwürdige Gestalt seines Vaters, die längst erloschenen Augen schienen auf das Vermächtniß der Mutter zu blicken. „Damit die Gotteslehre in Deinem Munde weile." Die Gotteslehre! die Gotteslehre! — die er am morgigen Tage verleugnen wollte! — Nein! nein! es war unmöglich! — Verzweiflungsvoll rang er die Hände, ein Strom von Thronen entstürzte seinen Augen, laut schluchzend sank er zurück in den Sessel. Da hörte er die Hausthür in ihren Angeln sich drehen und gleich darauf elastische Schritte die Stiege aufwärts eilen, es war der Bediente, der zurück von der Apotheke gekommen war. Hastig raffte er sich aus. barg das Säckchen mit den Gebetriemen wieder in die Lade, die er schloß. Dann lehnte er zurück in den Seffel mit geschlossenen Augen. So traf ihn der Diener, der geräuschlos die Thür geöffnet und leisen Schrittes zu seinem Herrn getreten war. dem er auf einem Teller ein in Oblade gehülltes Pulver und ein Glas Wasser darbot. „Bitte Herr Doktor, es hat Ihnen neulich gut gethan." „Ich danke Ihnen," sagte Keßler, „es isi mir zwar schon etwas besser, aber das Pulver werde ich doch nehmen und dann zu Bette gehen. Und Sie, Iwan, legen Sie sich jetzt auch und wecken Sie mich morgen wie gewöhnlich." Als der Diener sich entfernt hatte, richtete sich der Doktor wieder auf. Eine seltsame starre Ruhe war über ihn gekommen. „Nur nicht denken!" murmelte er. „nur nicht denken! —" Schlafen mußte er, nur schlafen, dann würde alles gut sein — so schien es ihm wenigstens jetzt. (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit" erscheint -wöchentlich zwelma 1, Hontags und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis pro Vierteljabr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend höher. Mau abonnirt ganzjährlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Der Buchhandel vrvkrhrk durch V. ASkrinackrv,Lriprig,Rotzplatz jv. — Inserate25Pnnnigdie viergcspaltene Nonpareillezeile oder deren Raum. Preis der Zeile im Neclametheil 75 Pfennig. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 16 Kronen österr., sür's Ausland 16 Mark, an die Spedition franco einsenden. Postzeitungsliste 3932. Telephon 1015. Stellesuchende und sonstige Interessenten können auf Wunsch die jeden Dienstag und Freitag erscheinende »Kleine Ausgabe deS Israelit" vier Wochen lang gratis und franco erhalten. Wünscht man den Empfang der „Kleinen Ausgabe" längere Zelt, so kann man sich für 25 Pfennige das Vierteljahr, indeß ausschließlich bei der Post auf dieselbe unter Nr. 3933 abonniren Auf Wunsch stunde« wir die Zahlung deS JnferttonSbetragS a» außer Stelle Befindliche bis »ach Erlangung einer solche». Inhalt r lHauptblatl): Liebe und Furcht. — Zeitungsnachrlchten und Corrcspoudenzen: Deutschland: Berlin. Münster. München. Oesterreich: Prag. Ungarn: Best. Monaco: Monaco. — Sorcckxaal. —, Feuilleton: Wahrheit und Dichtung, (Fortsetzung). 4nhni< »ticn iRcUaac* (frftet Deutscher Nudentaa. — Äeltunasnackrichten u. Correloonden.ten: Deutschland: Main-t. Fürtd. Ungarn: rpeu. Monaco: Monaco. — cvtcujiuiu. — Vktuneron: ruraoryeir uno »lailllng. I,rorrievuitg/» «rlicn BrUag«: Erster Deutscher Judentag. — Zeltungtznackrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Fürth. Gleßen.^'Ocsterrcich: Wien. England: London. Palästina: Jerusalem. — Mittheilungen aus den tiid. Armenvereinen und für dieselben: in* SnSäV’S« iScUm »«Ha««: Erster Deutscher Judentag. (Schluß.) lLelletrlsrirch« DeUag«: Preßburger Takrfrm und Stadlomm in der neueren Zert. (Schluß). Verantwortliche lstedactlon: OSear Lehmann tn Mainz. — Expedition de« ^JSraelit". Schottstraß^Nr- 2. Mainz. Druck und Verlag der I ob. Wirth'schen Hofbuchdruckerei Acticn^Lesellschaft ln Mainz. Hierzu drei Beilage«.