Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 33 (28.4.1904)
- Date
- 1904-04-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450017--60541-2521495- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
711 \ hättest, wie könnte ich wissen, was Dich so danieder drückt? — Nein, nein. Du brauchst nichts weiter darüber zu sprechen, sollst nur mich anhören, was ich Dir darüber zu sagen habe. Und wenn es mir nicht gelingen sollte, mit meinen Worten und meinen Händen Deine Stirn zu glätten, so werde ich eine Bürste zu Hilfe nehmen." Er nahm gezwungen lächelnd ihre Hand und zog sie an seine Lipven. „So", lobte sie, „so siehst Du schon anders ans. Aber nun bitte ich um geneigtes Gehör. — Heinrich der Vierte hat bekanntlich gesagt, Paris ist wohl eine Messe werth, ebensogut könnte ich sagen. Gemahl der geborenen Baronesse Holm zu werden, das ist wohl ein paar Tropfen Wasser werth. Aber Du hast mir gesagt, Du glaubtest, Du müßtest ersticken, wenn Du einen Meineid schwören würdest oder wenn Du ein Glaubensbekenntniß ablegen würdest von Lehren, an die Du nicht glaubst. Diese Anschauung an und für! sich ist ja aller Ehren werth. deßhalb habe ich darüber an meinen alten Freund, den Pfarrer in.f ge schrieben. Der ist ein lieber aufgeklärter alter Herr, ich habe einmal die Aeußerung von ihm gehört, die Lehren des Christenthums müßten mit der Muttermilch eingesogen werden, sonst könne man sie nicht erfassen. Du siehst daraus, daß er Deine Skrupel verstehen und würdigen wird. Ich weiß nun zwar nicht, in welcher Weise die Taufe Erwachsener gewöhnlich vorgenommen wird, aber ich habe ihn ersucht, von allen Aeußerungen deinerseits bei der betreffenden Ceremonie abzusehen und Dich ganz in derselben Weise zu taufen, wie er ein neugeborenes Kind tauft. Das hat er mir zugesagt. Du kannst Dich daher vollständig passiv verhalten und die Angst vor einer Lüge oder gar einem Meineid Deinerseits ist somit von Deinem Herzen genommen. Hier, lies selbst, was er schreibt." Er nahm den entfalteten Brief, den sie ihm reichte und las denselben unter wiederholtem Farbenwechsel. „Nun? bist Du zufrieden?" Er athmete schwer auf und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Also morgen —" „Morgen, lieber Freund. Und Du wirst sehen, dann wirst Du ruhiger werden, denn Du wirst nie wieder daran denken, an diese unbedeutende Ceremonie. die in einem Augenblick vorüber sein wird. Wenn Du aber willst, werde ich Dich zuvor narkotisiren. Du hast mir ja neulich gesagt, wie man das macht, dann wirst Du von der ganzen Geschichte gar nichts merken. Ist das nicht eine großartige Idee, Taufe während der Narkose?" War ihr Vorschlag Ernst oder Scherz? er ward sich darüber nicht ganz klar, aber sie plauderte kort und fort und es gelang ihr doch allmählich, ihn in bessere Stimmung zu versetzen, sorgfältig vermied sie es jedoch, das ihm so peinliche Thema weiterhin auch nur zu streifen. Erst als er bereits im Begriffe war, sich zu entfernen, sagte sie: „Sei morgen Mittag mein Gast, Otto, wir können dann nach dem Essen in meiner Equipage nach ..... f fahren, das ist bequemer als wenn wir uns nach den Zügen richten mußten. — Also ich erwarte Dich." Wie ein Schatten glitt es über seine Stirn, doch er zwang sich in scherzendem Ton zu erwidern: „Ich werde mir die Ehre geben." Dann küßte er ihr die Hand und eilte fort. Wie ihm das Herz pochte so laut, so stark. — Also morgen — morgen. — Er preßte die Hand gegen die Brust, als könne er das wild pochende Herz dadurch zur Ruhe zwingen. — Weßhalb klopfte es auch so wild? Tie Fürsorge seiner Braut hatte dem Ganzen ja doch den Stachel der Infamie genommen, er brauchte keinen fälschen Eid zu schwören, brauchte kein falsches Glauben sbekenntniß abzulegen, wenigstens nicht mit Worten. Und doch — und doch. — Bald eilte er überhastig weiter, bald war's ihm als wollten ihm seine Füße den Dienst versagen; in. kaltem Schweiß, wie gebadet, erreichte er endlich seine Wohnung. Auf Wunsch seiner Braut hatte er in jüngster Zeit einen Diener ausgenommen. Dieser erschrack, als er seinen Herrn erblickte, er batte ihn zwar schon öfters leidend gesehen, aber so entstellt wie heute doch noch nie. „Der Herr Doktor haben gewiß wieder die bösen Kopfschmerzen." sagte er voll Theilnahme. „sollte ick nicht die Pulver wieder holen? — sie haben doch neulich gut gethan." „Für heute ist es zu spät." erwiderte Keßler, „ich werde mich bald niederlegen, dann wird es von selbst gut werden." Aber der Bediente wußte das besser. „Der Herr Doktor werden wieder die ganze Nacht nicht schlafen und dann wird es morgen noch ärger sein. Und es ist noch gar nicht so spät, noch nicht einmal Elf. Dürfte ich nicht die Pulver besorgen?" ..Nun. wenn Sie durchaus wollen, hier haben. Sie das Recept." Der treue junge Mann eilte fort. „Ich werde in der Apotheke gleich darauf warten."; Keßler trat zum Schreibtisch, über dem der Diener die Gasflamme hotte ausleuchten lassen. Während er die eine Hand gegen die pochende Schläfe drückte, griff er mit der anderen nach einer auf dem -Tische liegenden Postkarte, die während seiner Abwesenheit gekommen war. Er wollte sie lesen, aber es flimmerte ihm vor den Augen, die Zeilen bewegten sich wie im Kreise, er vermochte sie nicht zu entziffern. Laut ächzend warf er sich aus den Sessel vor seinem Schreibtisch. Aber der Kops schmerzte ihn dermaßen, daß er nickt in» j Stande war. ibn anzulehnen; frei aufrecht saß er da, griff unwillkürlich bald nach diesem, bald nach jenem,