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Der Israelit · 1904-04-25 · Heft 32 (25.4.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 32 (25.4.1904)
Date
1904-04-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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695 gegen ein Haus, gegen das er sich, wie der Stutze bedürftig. lehnte. Doch schon nach einigen Sekunden raffte er sich wieder auf. Fort mit dieser unmännlichen Schwäche! Sein Beruf erforderte Geistesklarheit, Gefühlsduseleien durfte er sich nicht überlaffen. Stramm richtetet er sich auf und trat in das gegenüberliegende Haus, in dem ein Schwerkranker seines Besuches harrte. Und es war ihm geglückt, alle jene berückenden und aufregenden Gedanken und Empfindungen zu bannen, in seiner gewöhnlichen ruhig freundlicken Weise sprach er mit seinen Kranken und deren Umgebung und Niemand konnte ahnen, welche Stürme kurz zuvor seine Brust durchtobt. Nachdem er seine Besuche beendet, suchte er vor allem einen Juwelier auf, um einen Verlobungsring für seine Braut auszuwählen. Der Juwelier, der auch schon einige Mal seine ärztliche Hilfe in Anspruch genommen hatte, errieth sofort den Zweck des Verlangten. „Der Ring soll vermuthlich ein Gegenstück zu dem da sein," sagte er lächelnd, indem er auf den Ring an der Hand des jungen Arztes deutete. Dieser bejahte erröthend. „Wenn ich nicht fürchten würde, zurückgewiesen zu werden, würde ich mir erlauben, Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche auszusprechen, Herr Doktor." „Glückwünsche braucht man nie zurückzuweisen/' erwiderte Keßler lächelnd und entfernte sich grüßend. Als er die Wohnung seiner Braut erreicht hatte, kam ihm deren Verwandte mit ausgestreckter Hand entgegen. «Herr Doktor, lieber Herr Doktor, empfangen Sie meine aufrichtigste Gratulation. Nein, wie ich mich darüber freue, das können Sie sich in Wirklichkeit nicht denken." „Du hast doch nichts dagegen, lieber Otto, daß ich Frau von Brodeck zur Mitwisserin unseres Geheimnisses gemacht habe?" „Was sollte ich dagegen haben. Geliebte? Am liebsten möchte ich mein junges Glück der ganzen Welt verkünden." „Nun. warte nur noch wenige Tage, dann wollen wir die ganze Welt in Staunen sehen." „Da ist meine Gratulation wohl die erste, die Sie erhalten haben." sagte Frau von Brodeck. Er schüttelte verneinend den Kopf. „Ich habe bereits eine Gratulation erhalten von dem Juwelier Reinhold, der die Bestimmung des Ringes, den ich bei ihm ausgesucht, sofort errathen hat. Darf ich Dich bitten, liebe Steffi, zu versuchen, ob dieser Ring Dir Paßt?" „Dank Dir, lieber Freund." sagte sie, indem sie das Etui, das er ihr gereicht hatte, öffnete. „Der Ring ist wunderschön und paßt mir auch. Aber weißt Du, daß ich mich doch noch mehr mit dem schmalen Reifen, den Du da an dem Finger trägst, gefreut hätte. Eben weil Du ihn getragen hast." „Ich bedauere aufrichtig. Deinem Wunsche nicht entsprechen zu können, ich bringe den Ring nicht vom Finger." „Darf ich versuchen, ob ich vielleicht geschickter bin?" „Wenn Du ihn herunterbringst, ist er Dein," sagte er lächelnd, indem er ihr die ausgestreckte Hand entgegen hielt. Sie versuchte nun in verschiedener Weise den Ring in Bewegung zu setzen, bestrich den Finger mit Del. ließ ihn die Hand in kaltes Wasser halten und dergleichen mehr; der Ring war nicht von der Stelle zu bringen. „Wie lange trägst Du den Ring?" „Seit ungefähr fünfzehn Jahren." „Wie alt warst Du damals?" „Dreizehn Jahre." Sie athmete erleichtert auf, wer ihm damals den Ring geschenkt, auf den konnte sie nicht eifersüchtig sein. „Vermuthlich ein Geschenk von lieber Hand." „Meine Mutter hat mir den Ring zu meinem dreizehnten Geburtstag geschenkt." Seine Stimme war belegt, sie blickte ihm forschend in's Angesicht. „Zu Deinem dreizehnten Geburtstag — ach ja. so — nicht wahr, die israelitischen Knaben werden an ihrem dreizehnten Geburtstage konfirmirt? — Also ist der Ring ein Konfirmationsgeschenk Deiner Mutter." „Wie gut Du rathen kannst." sagte er lächelnd, aber es war ein nervöses Lächeln, das um seine Lippen zuckte. „Ja, ich kann gut rathen." versetzte sie. „und darum weiß ich auch, alles, was Du da gesagt hast, ist wahr. Du hast den Ring zu Deinem dreizehnten Geburtstage von Deiner Mutter erhalten. Aber, daß Du es aufrichtig bedauerst, ihn mir nicht schenken zu können, das ist nicht wahr." „Aber Steffi!" „Aber Otto, nie hätte ich geglaubt, daß mein Herzallerliebster eine Unwahrheit über seine Lippen bringen könnte." Sie blickte neckend zu ihm hinüber, er ward rotb über und über. „Du hast recht, ich bedauere es nicht. Dir den Ring nicht schenken zu können, es war das nur eine unbedachte konventionelle Aeußerung von mir. Aber sage mir. Geliebte, woher tveißt Du. daß, selbst wenn ich's hätte können, ich mich nur sehr schwer entschlossen hätte, ihn Dir zu überlassen?" „Weil, als ich den Ring nehmen wollte. Du die Hand rasch geschlossen hast. — Ich vermuthe. Du hast im Augenblick selbst nicht gewußt oder nicht bedacht, daß es ohne Weiteres geradezu unmöglich ist, ihn vom Finger zu entfernen." „Mehr und mehr bewundere ich den Scharfblick meines hellsehenden Brautchens."

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