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Der Israelit · 1904-04-25 · Heft 32 (25.4.1904) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 32 (25.4.1904)
Date
1904-04-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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» 690 religiöse Weltanschauung aus den Angeln zu heben hoffte. Die jüdische lleberlieferung, oder sagen wir besser, der jüdische Glauben, soweit er darauf Anspruch machen kann, ein positiver Glaube zu sein, geht von der Voraussetzung aus, daß das jüdische Volk durch Moscheh die Offenbarung am Sinai erhalten Hot. daß die Thora unserem Volke im Anbeginn seiner Geschichte mitgegeben wurde, und daß die anderthalb Jahrtausende jüdischer Geschichte nichts anderes sind, als eine Geschichte des immer und immer sich wiederholenden Abfalls von der Thora. Die Propheten sind die Sendboten Gottes, denen es bald mehr bald weniger gelingt, das Volk zu seinem Gotte und zu seinem Gesetze zurückzuführen. Demgegenüber behauptet die moderne Vibelkritik und unzählige wissenschaftliche Arbeiten der letzten Jahrzehnte suchen es zu beweisen: Die Thora sei das letzte Glied in einer langen Entwickelung, die die Religion Israels durchlaufen habe. Der Glaube des israelitischen Volkes sei nicht wesentlich von dem der kanaanitischen Umgebung verschieden gewesen; erst die Propheten hätten allmählich den reinen Gottesbegriff geschaffen, die Gesetze der Thora seien nacheinander entstanden und der eigentliche, wesentliche Theil der pentateuchischen Gesetzgebung erst zu Esra's Zeit dem Volke übermittelt worden. Mit dieser Darstellung ist dem positiven Glauben seine Existenzberechtigung entzogen. Der Glaube und das Gesetz soll unserem Volke nicht von Gott gegeben, sondern ein Produkt der natürlichen Entwickelung des Volkes und seiner großen Männer gewesen sein. Es bedarf nach dem Gesagten keiner weiteren Ausführung, daß die jüdische Theologie sich mit diesem Feinde messen muß; kein Frieden, als bis sie ihn niedergerungen. Der Kampf.ist besonders in den letzten Jahrzehnten unausbleiblich geworden, weil, wie schon Hervorgeboben, in den früheren Zeiten, die verschiedensten Richtungen sich bekämpften, während jetzt das eben entwickelte Sbstem allgemein zur Herrschaft gelangt ist. Und ein ferneres kommt hinzu: Vor einem Menschenalter noch waren die bibelkritischen Forschungen in großen, deutsch-gründlichen und langweiligen Werken niedergelegt (wenn wir von Ewalds Schriften absehen). Die neueren Vertreter sind größtentheils Meister des Styls und lassen es sich angelegen sein, ihre Weisheit in zahllosen populären Werken auf den Markt zu bringen. Aus alledem ergibt sich mit Rothwendigkeit: Der Bekenner des positiven Judenthums muß in der Lage sein, Angriffen gegenüber, die heutzutage von jedem unreifen und halbgebildeten Menschen erhoben werden können, den Nachweis zu erbringen, daß die überlieferte Anschauung die richtige ist und durch die Behauptungen und Beweise der Neueren nicht erschüttert werden. Was aber ist. so fragen wir. bisher geschehen, um diesen Angriffen die nach Umfang und Inhalt immer bedrohlicher wurden, entgegenzu treten? Eine Reihe von Männern hat sich freilich allmählich gegen die radikale Bibelkritik zusammengefunden. Wir nennen u. A. nur Dillmann, Halevy, Strack. Orelli, Bredenkamp, Green, Robertson, Urquardt. Aber ein Theil dieser Gelehrten ist nur Gegner der Graf-Wellhausen'schen Hypothese, sonst aber Anhänger anderer Hypothesen in der Bibelkritik. Sie alle sind mit Ausnahme von Halevy Nichtjuden, also weder berufen, noch im Stande, die jüdische Tradition zu vertheidigen. Halevy wiederum hat in seinen Ueelrer elres did1ique8 ein überaus verdienstliches Werk geschrieben, doch auch er nimmt nicht Anstand, die Quellen in der Thora von einander zu scheiden. Von traditionell-gesetzestreuer Seite ist nur von einem Einzigen auf diesem Felde gearbeitet worden, von Dr. D. Hoffmann, dem Rektor des Räbbinerseminars. Als die Wurzel des Nebels, als Wellhausens „Geschichte Israels" erschien und alle Exegeten sich vor dem „epochemachenden Werk in glänzender Darstellung" beugten, da trat er allein auf den Plan und wies die Haltlosigkeit all der Behauptungen nach, und das mit einer Tiefe und Gründlichkeit, daß seine Aufstellungen als mathematisch sichere Beweise von denen, die belehrt sein wollten, anerkannt,' von Dillmann. Strack u. a. immer wieder benutzt wurden unb nun zum eisernen Bestand der Apologetik gehören. Drei Jahrzehnte steht er nun auf der Warte im Kampfe gegen den Erbfeind des traditionellen Judenthums. Vor dreißig Jahren erschien: „Die Zeit der Omerschwingung." Es folgten: „Das Alter des Versöhmingstages", „Abhandlungen über die pentateuchischen Gesetze". „Einheit und Integrität der Opfergesetze". „Die neueste Hvvothese über den pentateuchischen Priesterkodex". „Priester und Leviten". Daneben lief die Ausarbeitung eines umfassenden alle Angriffe der Kritik berücksichtigenden Kommentars zum gesammten Pentateuch, eines Kommentars, der neben dieser modernen Seite noch den von traditionellem Standpunkt aus so werthvollen Vorzug hat, den Text durch die Halacha zu erklären. Die reife und köstliche Frucht dieser dreißigjährigen Arbeit nun liegt in dem Werke vor. dessen erstes Heft (153 Seiten stark)*) soeben erschienen ist und das sich betitelt: „Die wichtigsten Instanzen gegen die Graf-Wellhausen'sche Hypothese." Es ist ein grundgelehrtes Buch und keine Lektüre für ein Ruhestündchen. Es liest sich nicht, wie einer der oberflächlichen Vorträge von Delitzsch oder wie Cornills schönrednerische Aussätze über den israelitischen Prophetismus. nicht einmal wie Wellhausens Geschichte Israels. Denn es galt nicht, bloß Behauptungen aufzustellen und in dichterischem Schwünge eine pragmatische Darstellung nach eigener Erfindung zu geben. Die Gegner mußten Schritt für Schritt zurückgedrangt. *) Das Werk ist als Beilage zum Jahresbericht deSBerlinev RabbinersenunarS. 154 stark, erschiene» und zum Preis« oon 3 Mark durch alle Buchhandlungen zu beziehen.

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