Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 29 (14.4.1904)
- Date
- 1904-04-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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45. Jahrgang. Der assyrisch-babylonische Labbat. Lin Irrthum des Professor Delitzsch. Die Kcilinschriften sind recht undankbar. Statt die Bermuthungen von Professor Delitzsch, der sich um das Versiändnitz der assyrischen Litteratur die höchsten Verdienste erworben, zu bestätigen, statt dessen dementiren sic ihn in der allerschärfsten Form. Professor Delitzsch hatte in seinen bekannten Vorträgen über „Bibel und Babel" behauptet, „der hebräische Sabbat und eben damit die in der Sabbatruhe beschlossene Segensfülle wurzele im letzten Grunde in einer babylonisch-assyrischen Institution" (Bibel und Babel 111, b. 28). Er hatte die Hnpothese aufgestellt, der 7., 14., 21.. 28. sowie 19. des (assyrischen) Monats seien die „vom König heilig zu haltenden Tage Gottes (!), das ist Sabbatlage." Damit noch nicht genug, war Delitzsch. fortgerissen von dem Schwung seiner Phantasie, zu der kühnen Behauptung gekommen, die von den Sumerern als böse Tage ausgeschiedenen 7.. 14., 21. etc. eines Monats hätten bereits durch die babylonischen Semiten „eine sehr wesentliche sittlich-religiöse Vertiefung (!) gefunden." „Gleich den Hebräern von dem Bewußtsein durchdrungen, daß alles menschliche Thun eitel „Nichtigkeit und Sündenlast" ist, machten die Babylonier den Sabattu-Tag zu einem Tag der Versöhnung der Götter mittels Fastens und insonderheit Unrerlassens jedweder Thäligkeit." Ich sagte oben, die Keilinschriften wären ganz anderer Meinung, und ich will nun auch verrathen, von wannen mir diese Wissenschaft kommt. Am 10. Febr. dieses Jahres verlas Mr. Pinches, ein verdienstvoller Assyriologe in der Society of Biblical Archäology zu Lonoon einbn Aufsatz über ein von ihm im Britischen Museum ausfindig gemachtes Keilschriftfragment, das sehr dankenswertste Aufschlüsse über den Monatskalender der Affnrer gibt. Dieser Aufsatz ist inzwischen in den Proceedings der genannten Gesellschaft erschienen. Der von Mr. Pinches mitgetheilte Text hat zwei Kolumnen. Die eine enthält die sumerische Bezeichnung der Tage, die andere die assyrische Uebersetzung. Da gibt cs einen „Tag der Reinigung," einen „Tag der (kultischen) Waschung." mehrere Festtage etc. Zu beachten ist. daß es sich um ein Kalendarium des Normalmonats handelt. Nachdem die Tage 1—10 aufgezählt (erster Tag, zweiter Tag etc.) heißt es in der sumerischen Spalte: 1.». Tag, was in der assyrischen Kolumne als Aequioalent sabattu hat. Damit ist klipp und klar dargcthan, daß es nur einen einzigen sabattu-Tag gab. und daß dieser auf den 15., die Monatsmitte, fiel, daß aber der 7., 14., 21. etc. die Bezeichnung sabattu nicht führten. Wenn aber dem so ist — und jeder Zweifel daran ist ausgeschlossen — so ist weiter zu folgern, daß die für den 7., 14. etc. geltenden Vorschriften für den 15. nicht zutreffen, daß somit der 15. — das ist der sabattu-Tag — kein Ruhetag war. Diesem eignet vielmehr astronomisch-astrologische Bedeutung, der 15. ist der Vollmondstag (s. Zimmern, Keilinschriften und das alte Testament. 3. Auflage S. 593. Anmerkung 3. woselbst die anderweitig vorkommende Gleichung 15. Tag — fa ... treffend zu sa(battu) ergänzt wird, eine Annahme, die ja jetzt glänzend bestätigt ist.) Ueber die kultische Bedeutung des 15. erfahren wir nur aus einem Vokabular, daß es ein Tag der Beschwichtigung (der erzürnten Götter) war. Weiter läßt sich über den 15. — das heißt sabattu — zur Zeit nichts aussagen. Daß andererseits die oben erwähnten „bösen Tage" (7., 14. etc.) Ruhetage gewesen wären, läßt sich nicht erweisen. Nur gewisse Handlungen waren an diesen Tagen verpönt, keineswegs aber ruhte jegliche Arbeit. Die Assyro-Babylonier waren außerordentlich abergläubisch. und besonders die Zahl 7 hatte es ihnen ongeihan. Jeder Tag. in dem die 7 steckte, galt ihnen als dies «it-r. als unheilbringender Tag. (Beiläufig bemerkt, geht auf diesen assyrischen oder eigentlich sumerischen Aberglauben unsere „böse Sieben" zurück.) Auch heutzutage gibt es bekanntlich noch „böse Tage", an denen man — das heißt abergläubische Leute — keine Reise antritt und anderes. Aber wenn solch abergläubischer Zeitgenosse am Montag oder Freitag oder ain 1 ."August oder 1. April keine Stellung annimmt, keinen Vertrag schließt etc., so unterläßt er darum an dem betreffenden Tage noch nicht jede Beschäftigung und feiert nicht den ganzen Tag. Dasselbe gilt von den alten Assyrern. Die Stelle, aus der Delitzsch die Folgerung zieht, daß an den „bösen Tagen" jegliche Arbeit untersagt war, ist von ihm schwerlich richtig überseht worden. Statt ana kal sibuti (Bibel und Babel l p. 02) ist vielmehr nach Zimmern. Rijualtafeln 196 (Zeile 22) nna epo« .«ilmtu zu lesen, und das bedeutet, „einen Wunsch auszusprechen (ist der siebente etc. Tag nicht geeignet)." Schließlich wäre noch zu untersuchen. ob zwischen diesem so ganz anders gearteten assyrischen sabattu (Vollmondstag) und den hebräischen Sabbaten (Ruhetagen) wirklich ein Zusammenhang besteht, ob ferner das assyrische Wort sabuttu sumerischen oder semitischen Ursprungs. Das ist aber eine rein philologische Frage und würde die Geduld des Lesers auf eine harte Probe stellen. Zudem würden wir uns damit auf das Glatteis der Kombination begeben, und wohin das führt, ersieht man aus der gescheiterten Delitz'schen Hypothese. „Berl. Tagblatt."