Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 29 (14.4.1904)
- Date
- 1904-04-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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62S »Schwöre nicht. Gustav, und ereifere Dich nicht, aber stelle auch nichr in was meine eigenen Augen gesehen haben." »Deine Augen Haben sich getauscht/ murmelte er ohne es jedoch zu wagen, ihrem Blicke zu begegnen. »Lassen wir das, nicht darüber wollte ich mit Dir sprechen, denn das nehme ich Dir durchaus nicht übel." »Du bist ein Enge!/ sagte er. indem er ihre Hand an seine Lippen zog, »aber in Wirtlichkeit, die paar Worte, die ich hin und wieder mit der Hellmuth wechsele —" »Lassen wir das/ wiederholte sie. „ich versichere Dich nochmals, daß ich darauf keinen Werth lege. Aber wie bist Du heute so ungalant, ich komme zu Dir und Du bietest mir nicht einmal einen Sitz an/ »Ach verzeih!" rief er, indem er sich mit der Hand gegen die Stirn schlug, und ihr ein Fauteuil nahe ruckte »bitte, setze Dich. Me übergroße Ehre hat mich ganz konfus gemacht." „Das scheint beinahe so/ erwiderte sie lächelnd, indem sie sich in das Fauteuil niederließ, „aber bitte, setze Dich auch. Wenn ich sitze und ein anderer mir gegenüber steht oder im Zimmer herum läuft, das macht mich noch nervöser als ich sch«n bin/ »Es plaudert sich auch weit gemächlicher, wenn man einander gegenubersitzt/ sagte er. ihrer Aufforderung nachkomwend, »aber Steffi, ich freue mich aufrichtig. Du scheinst Dich heute viel Wähler zu fühlen, als seit längerer Zeit/ Die Farbe stieg und schwand in ihrem Angesicht, wahrend sie schwer aufathmetc. «Der Schein trügt — ich fühle mich heute keineswegs Wähler — im Gegentheil —" „Im Gegentheil? — Du fühlst Dich schlechter?" Sie ließ wie kraftlos das Haupt sinken. ..Des;- halb bin ich zu Dir gekommen," sagte sie leise. »Steffi, liebe Steffi, wie danke ich Dir, daß Du bei mir Trost und Hilfe suchst — wenn Du wüßtest, wie gern ich Dir helfen möchte —" Er hatte ihre Hand genommen und druckte sie leise. »Wenn ich nur wüßte, wie ich Dir helfen könnte —" „Du kannst mir helfen. Gustav, gewiß. Du kannst es »Dann ist Dir geholfen. Geliebte. Aber nun sage mir, wie kann ich Dir helfen — an meinen Willen Dir zu helfen wirst Du doch nicht zweifeln?" Sie blickte zu ihm hinüber, seltsam forschend. „Nein." sagte sie zögernd, »an Minen Willen, mir zu helfen, zweifle ich keineswegs. Aber — aber —* Er schüttelte den Kopf. »Sprich, Steffi — wie kann ich Dir Helsen? — was kann ich für Dich thun — wenn ich es nur wüßte, nichts wird mir zu schwer sein." »Ich glaube auch. daß es Dir nicht zu schwer fein würde —* »Und dennoch zögerst Du? — das begreife ich nicht." „Das begreifst Du nicht? — begreifst Du nicht, daß man manches leichter denken als aussprechen kann?" „Ich wüßte doch nicht —" „Sieh', ich habe doch zuweilen mancherlei über Dich gehört, darüber habe ich allerdings gedacht, aber darüber zu sprechen —" „Ich bitte Mch, Steffi, was Du über mich gehört haben kannst, es war doch nie Ernstes, immer nur Tändelei." Sie zuckte die Achseln. „Nur Tändeleien? — Ich möchte wissen, was Du gethan hättest, wenn Du dergleichen über mich gehört hättest/ „Genau dasselbe, was Du gethan hast/ »So? — das glaube ich nicht. Wenn zwei dasselbe thun, ist es doch nicht immer dasselbe." „Das ist wohl richtig, aber —" „Wie bezeichnest Du mein Verhalten Dir gegenüber?" „Du hast weise Nachsicht geübt." „Aber wenn Du dergleichen über mich gehört und dazu geschwiegen hättest, würde man Dein Verhalten ehrlose Niederträchtigkeit nennen/ Er ward glühend roth. „Bei Gott, ich glaube Du hast recht. — Aber wie sind wir nur auf dieses unerquickliche Thema gerathen? —" „Es ist unerquicklich, das gebe ich zu, aber ich hielt es für gut, Dich durun zu erinnern, daß ich Dir keineswegs immer genügt habe." „Du hättest mir nicht genügt? Ich bitte Dich um Himmelswillen, wie kannst Du so reden!" „Aber es ist doch die Wahrheit, die Du nicht in Abrede stellen solltest." „Aber liebe gute Steffi, willst Du denn mit einem Mal die bisher geübte weise Nachsicht nicht mehr gelten lassen?" „Wer sagt das? im Gegentheil, ich will meine geübte Nachsicht zur Geltung bringen, indem ich —" Sie stockte, er nahm ihre Hand und streichelte sie leise, während ein Lächeln seine Lippen umspielte. „Sprich, Geliebte — sage mir. was Dich drückt." „Ja. ich will es Dir sagen, Du mußt es wissen. — Und Du weißt auch, ich habe Dich wahr und innig geliebt. denn Du kannst nicht vergessen haben, was es mich gekostet hat, beit Widerstand meiner Eltern gegen unsere Heirakh zu besiegen/ „Dafür bin ich Dir dankbar bis zu meiner letzten Stunde, das habe ich nicht vergesse^ und kann es nie vrrgessen, denn ich liebe Dich heute noch mit derselben Gluth, wie vor sieben Jahren." „Gustav! Gustav!" sie drohte ihm lächelnd mit dem Finger. „Du sprichst ein großes Wort gelassen aus. Wenn Du mich heute noch eben so liebst wie vor sieben Jahren, dann — dann möchte ich beinahe vermuthen. <