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Der Israelit · 1904-04-14 · Heft 29 (14.4.1904) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 29 (14.4.1904)
Date
1904-04-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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621 r y . den bekannten Antisemiten Max Regis, den ehemaligen Bürgermeister der Stadt Algier und Kandidaten für das Parlamentsmandat im elften Pariser Arrondissement bei den jüngsten Wahlen, ist eine Strafanzeige erstattet worden, welche auf folgenden Thatsachen beruht: Ein reicher Pariser Bauunternehmer und Kunstsammler, Besitzer einer großen Gemäldegalerie, entdeckt ein ihm'gehöriges Bild bei einem Kunsthändler auf Montmartre. Nachforschungen ergaben, daß der Kunsthändler dies Gemälde von einem Individuum erworben hatte, welches sich nicht nannte und in Wirklichkeit Max Regis war. Regis ist beschuldigt, gewisse Briefe, welche er von der verheirateten, inzwischen jedoch geschiedenen Tochter dieses reichen Kunstsammlcrs in Händen hat, zu einer Erpressung benützt zu haben. Dadurch sei die junge Frau gezwungen worden, dem Max Regis außer dem Gemälde auch werthvolle Schmuckgegenstände zu geben. Auch die Schmuckgegenstände soll Regis zu Geld gemacht haben. Die Untersuchung ge^n Regis wurde eingeleitet. Paris, 4. April. Vorgestern traf ich einen bekannten jüdischen Herrn, der sich einbildet, ein großer Philosoph zu sein, und stets mit Wohlbehagen den Freidenker zu spielen sucht. Ich habe ihn in Begleitung seines kleinen siebenjährigen Söhnchens getroffen und ihn gefragt, woher er denn komme. Er gibt mir zur Antwort: „Aus der Synagoge." Ich mache ein ganz erstauntes Gesicht. „Wie? Sie aus der Synagoge?!" Und ich erhalte zur Antwort: „Sie kennen meine Ansichten. Ich wünsche aber trotz alledem, daß dieses Kind — und er zeigte auf den neben ihm stehenden Knaben — Jude bleibe. Und ich habe nach langem Nachdenken und Grübeln einsehen müssen,, daß das einzige Mittel, ihn dem Judenthume zu erhalten, darin besteht, ihn von Zeit zu Zeit in die Synagoge zu führen." Diese aufrichtigen Worte eines ehrlichen Mannes haben auf mich einen tiefen Eindruck gemacht. Kurz darauf begegnete ich einem christlichen Bekannten, in dessen Gesellschaft ich dann meinen Weg fortsetzte. Unterwegs grüßte mein Bekannter einen vorbeigehenden Herrn. Ich frage ihn: „Wer ist denn dieser Herr?" Und ich erhalte zur Antwort: „Ce monsieur est uu grand imbßcil: c’est un colonel juif qui n’est pas dreyfusard/* Auch diese Worte sind sehr charakteristisch. Sie zeigen uns, was anständige Christen von Juden denken, die, sei es aus Dummheit, sei es aus Eitelkeit, die Sache ihrer Bruder verrathen. Pi. Rumänien. Bukarest, 8. April. (Judenszene inLomp a l a n k a.) Die hiesigen Blätter veröffentlichen Einzelheiten über die antisemitischen Exzesse in Lompalanka (Bulgarien). Bor vier Jahren ist in dieser Stadt ein Bursche verschwunden und die Bevölkerung glaubte seither, daß die Juden ihn für Ritualzwecke ermordet hatten. Vor Kurzem verschwand wieder ein 22 Jahre alter Mann. Die Bevölkerung erhob abermals Anklage gegen die Juden. Um die Geister zu beruhigen wurden gerichtliche Haussuchungen vorgenommen, welche die Haltlosigkeit der Anklage ergaben. Samstag, den 2. April, zogen nun einige Fischer die Leiche des Verschwundenen aus der Donau. Sofort wurde der übliche gerichtliche Augenschein vorgenommen. Die Hetzer verbreiteten das Gerücht, daß der Leiche die Zunge fehle und daß mehrere Adern an Händen und Füßen ausgeschnitten worden seien. Die abergläubische Bevölkerung wollte nun die jüdischen Häuser zerstören, doch stellte sich Militär der Menge entgegen. Es wurde aber aus dem Pöbel heraus geschossen und das Pferd eines höheren Offiziers unter ihm tödtlich getroffen. Die Juden hatten sich alle in ihre Häuser eingeschlossen. Mittlerweile wurde die Leiche des angeblich für rituelle Zwecke Gemordeten sezirt und es stellte sich die vollständige Unrichtigkeit der Behauptung heraus, es fehlte weder die Zunge noch waren ihm Adern geöffnet. Sonntag, den 3. April, versammelte sich ein Theü der christlichen Bevölkerung vor dem Todtenhause, um der Leiche das letzte Geleite zu geben. Da man Wuthausbrüche gegen die Juden befürchtete, wurde Militär konzentrirt. Der Geistliche aber, der die Leiche begleitete, soll nun geschrieen haben: „Vorwärts Leute, das Kreuz hilft!" und die Menge zerstreute sich, um aus Umwegen zu den Judenwohnungen zu gelangen. Zu gleicher Zeit erschien ein Frauenzimmer mit einer Fahne in der Hand und gab dasselbe Stichwort aus. Die Menge zerstörte darauf alle jüdischen Häuser und plünderte die Banken, Geschäfte und die Synagoge aus. Am Montag Früh flüchteten sich die Juden nach Rustschuk und Widdin. In Widdin erwartete sie aber bereits eine aufgehetzte Menge, der zwar Militär gegenüberstand, vor der die Juden aber doch vom Staatsanwalt gewarnt wurden, so daß sie — 50 an der Zahl — ohne erst das Schiff zu verlassen, gleich an das rumänische Ufer nach Calafat gingen. Hier befinden sie sich jetzt in großer Noth. Wie schlimm muß es doch um die bulgarischen Juden sieben, wenn sie in Rumänien ihre Zuflucht nehmen müssen! Rußland. Petersburg. (Ein Erlaß über die Behandlung der Juden.) Die ..Franks. Ztg.* schreibt: Wir erhalten von einem vertraulichen'Erlasse des russischen Ministers des Innern. Kenntniß, in dem unter Hinweis auf die offen zugestandene Mangelhaftigkeit der russischen Judengesetze eine mildere Praxis, zunächst bis zum Ende des Krieges vorgefchrieben wird. Folgendes ist der Wortlaut des Erlasses: Ministerium Vertrauliches Zirkular. : der Inneren Angelegenheiten An die Herren Gouverneure. Stadtoberen und Oberpolizeimeister. Die Anordnungen zur Entfernung der Juden aus den Orten außerhalb der jüdischen AnsiedelungSzone,

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