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Der Israelit · 1904-04-14 · Heft 29 (14.4.1904) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 29 (14.4.1904)
Date
1904-04-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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618 Ja, das war einst! Und jetzt muß man oft nach einer jüdischen Häuslichkeit suchen, um den so schmerzlich vermißten, religiösen Eifer zu finden. Einst, so wird uns gesagt — waren die Zeiten und Verhältnisse anders, als jetzt. Tie gesteigerten Lebensverhältniffe erhöhen auch heute die Lebensbedürfnisse. — Ja, unsere Vorfahren waren bescheidener in ihren Ansprüchen; ste lebten in einfacher Zurückgezogenheit und in Folge dessen kannten sie auch nicht den fortwuchernden Hang und die Sucht nach der vergnüglichen Seite. War aber deßhalb das Leben weniger erquicklich zu nennen? Sicherlich nicht! Unsere Väter und Mütter lebten damals mindestens ebenso glücklich, als heute, wo das Gebotene nicht Ruhe gönnt; wo Arbeit und Vergnügen den Menschen in fortwährendem Athem hält, ihn nicht mehr Zeit finden läßt, zur Ausübung seiner religiösen Pflichten. Man hält heute vieles in religiöser Beziehung nicht mehr für zeitgemäß, was weder in der Zeit, noch außer der Zeit liegt. Unseren Vorfahren machte es keine Mühe, nach streng ritueller Vorschrift für des Hauses Tisch zu sorgen. Ihr Gaumen lechzte noch nicht nach Verbotenem, trotzdem unter ihnen wohl die verwöhntesten Feinschmecker waren, die es in mannigfacher Art verstanden, lukullische Genüsse zu bereiten. Und heute dient jede geringste Schwierigkeit als Anlaß zur Uebertretung und Nichtachtung des Rituals. Mit den ehrwürdigen Gebräuchen unserer lieben Eltern wird unbarmherzig, pietätlos aufgeräumt, um dafür der „modernen Welt" Platz zu machen. Es ist nichts Neues, denn schon z. Z. der Griechen galt derjenige als klug und weise, welcher der neuen Richtung huldigte, und die Geschichte zeigt uns-die überwiegenden Nachtheile, die hieraus dem jüdischen Volke erwachsen sind. Es sind aus der damaligen Zeit zur Genüge Beispiele bekannt, die uns beweisen, wie ein Abweichen vom Religiösen die Zerstörung des innigen Familienlebens zur Folge hatte. Und so auch heute. Den Festen Andersgläubiger wird von manchen unserer Glaubensbrüder mehr Aufmerksamkeit gewidmet, als den eigenen. In vielen jüdischen Familien wird den Kindern der Weihnachtsbaum entzündet und hiermit in den Kinderherzen eine Saat gesät, die zu bösem Unkraut wuchert; ein Glaube erweckt, der im krassesten Widerspruch zur Religion unserer Väter steht! Kann da das zarte Reis am Stamme Juda gedeihen; kann man da auf eine gesunde Entwickelung des Judenthums rechnen, wenn schon im Elternhause religiöse Gebräuche Andersgläubiger, mithin die Verehrung einer anderen Religion, dem Kinde gezeigt wird?! Ist das Judenthum so arm an feinen Festen geworden, daß es solche von andern Religionen bedarf? Die „modernen" Eltern wollen ihren Kindern eine Freude bereiten, die dann zum Leide wird. Sie glauben womöglich durch das Mitfeiern kirchlicher Feste der Tochterreligion Liebe zu bezeigen, welche aber noch nie den erhofften Erfolg, sondern eher Haß gezeitigt. Wir wollen und können mit unserem Nächsten, — und jeder Mensch ist unser Nächster, von welcher Religion. Nation und Menschenklaffe er auch sein mag — in Frieden leben, ohne Schädigung des eigenen Glaubens. Nur wer seinen Gott liebt, kann Menschenliebe empfinden. Eine Verachtung eines Gottesgebots, ob ritueller oder ceremonieller Natur, ist gleich einer Herabwürdigung des eignen Jch's. Wenn wohl diese Mißstände auch schon oft zur Genüge gekennzeichnet wurden und auf Mittel gesonnen ward, wie man diesem religiösen Rückschritt Einhalt gebietet. welche Mittel geeignet um unserem ehrwürdigen Glauben wieder mehr Anerkennung und Liebe zu verschaffen, so waren alle Mittel machtlos gegen den immer mehr und n>ehr nach Neuheit ringenden Geist. Nur ein eignes Aufraffen aus dieser Schlaffheit, wenn Ehre und Gewissen von Feindes Macht verwundet und verletzt wird, wenn von ungerufener Seite, du erst in deine Schranken gewiesen, nicht zu rütteln am Zaune des Gesetzes, dann erst kehrt die Erkenntniß ein: Juda bleibe bei dem Glauben deiner Väter und versuche nicht andere Götter, eigne dir nicht Sitten und Gebräuche Anderer an, die dir nicht gehören und auch nicht kleiden. Schäme dich nicht deiner Geburt, nicht deines angestammten Glaubens, und wer uns unseres Glaubens wegen spottet und verachtet, kennt keine Achtung. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M. Den „Mittheilungen" des „Vereins zur Versicherung gegen Stellenlosigkeit" ('ivv nsr) entnehmen wir zum fünften Rechenschaftsbericht: Das abgelaufene Vereinsjahr vollzog sich für uns in den Bahnen einer ruhigen, stetigen. Weiterentwicklung. Die Besserung der allgemeinen wirthschaftlichen Lage, auf die schon unser vorhergehender Jahresbericht Hinweisen konnte, machte weitere Fortschritte und ermöglichte speziell unserer Versicherungskaffe einen wesentlich günstigeren Abschluß als im Vorjahr. In 1902 mußten wir bei dieser Kaffe ein Defizit von Mk. 628.28 verzeichnen, während der diesjährige Abschluß einen Ueberschuß von Mk. 805.92 aufweist. Auch unser Reserve-Fonds konnte an dem günstigen Verlauf des Jahres theilnehmen und zeigt nunmehr einen Bestand von über Mk: 19,060. Hiermit hat der Reserve-Fonds in verhältnißmäßig kurzer Zeit annähernd jene Höhe erreicht, die wir von Anfang an

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