Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 64 (11.8.1904)
- Date
- 1904-08-11
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1376 Sie werden sagen, es sei ganz schön, die indischen Religionsgesetze im allgemeinen und den Sabbat sowie die Vorschriften über Speise und Trank im besonderen zu beobachten. Auch sie selber würden z. B. am Sabbat viel lieber ruhen, als arbeiten, aber die Verhältnisse seien eben stärker und gestatten nicht den Ausfall eines ganzen Tages. Handle es fick nun aber gar darum, eine nach Hunderttausenden zählende Bevölkerung vor Hunger und Verkümmerung und geradezu vor physi schem und psychischem Untergang zu retten, so könne es doch gar nicht zweifelhaft sein, daß diese höheren Rücksichten gegenüber, der Sabbat und die Beachtung anderer Observatizen zu weichen habe. Oder könne Jemand, der unsere Zeit und ihre Ansprüche kennt, wirklich glauben, man solle das ganze galizische Rettungswerk ausgeben, sobald es sich mit den Rücksichten auf den Sabbat u. a. nicht verträgt? Die Herren Rabbiner von Wien bedürfen meines Rathes nicht und werden ganz gut ohne mich wissen, daß sie und wie sie einem solchen Standpunkt gegenüber den ihrigen zu wahren haben. Aber es interessirt vielleicht auch sie, wie in einem ähnlichen Falle ein berühmter elsässischer Rabbiner — es war der Grand- Rabbin Salomon Wolf Klein s. A. in Colmar — gehandelt hat. Diesem legte ein dortiger Fabrikant folgende Frage vor: „Sie kennen die traurige Lage der Wittwe S. mit ihren sieben Kindern, da Sie selber Kollekten für die arme Familie vorgenommen haben. Der älteste Knabe ist ein intelligenter, sechzehnjähriger Junge; ich will ihn in mein Geschäft aufnebmen und ihn monatlich so honoriren, daß die Familie durch diesen Zuschuß wenigstens vor der größten Roth bewahrt ist. Aber ich kann wegen dieses Knaben mein Geschäft am Sabbat nicht schließen, ich kann auch nicht gestatten, daß der Knirps von Lehrling am Sabbat dispensirt sein soll, während sein Chef im Schweiße des Ange sichts arbeitet. Die Mutter will ihr Kind am Sabbat nicht arbeiten lassen und ich habe chr daraufhin erklärt, daß ich darüber Euer Ehrwürden befragen wollte. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, das Leben von acht Personen ist gerettet und ihre Zukunft gesichert, wenn der Knabe am Sabbat arbeitet. Dagegen ist die ganze Familie dem Hunger und Elend verfallen, wenn die Mutter sich darauf kaprizirt, den Knaben am Sabbat nicht arbeiten zu lassen. Tritt der Sabbat nicht zurück, wenn das Leben von acht Personen dadurch gefährdet ist?- „Gestatten Sir mir. mein Herr,- entgegnete der Gefragte, „daß. bevor ich auf Ihre Frage antworte, ich Ihnen eine Gegenfrage vorlege. Sie erinnern sich vielleicht noch des Kunstschlossers G.. der vor zwei Jahren in bitterer Armuth gestorben ist. nachdem er durch Krankheit lange Jahre arbeitsunfähig geworden war. Dieser legte mir eines Tages folgende Fragen vor, die ich Ihnen heute ohne Indiskretion mittheilen kann, da sie den Fragesteller im Grunde genommen in hohem Grade ehrt. Ich wohne. sagte er, wie Sie wissen, fjort neben dem vielfachen Millionär Dollfaß. Die Wand meines Schlafzimmers stößt an die Wand seines Comptoirs, an der ein großer, eiserner Geldschrant steht. Es wäre mir ein Leichtes, eine Oesfnung in meine Schlafzimmerwand zu brechen und von der Rückseite des eisernen Schrankes ein Stück auszufeilen, ohne daß der Eigenthümer etwas davon merkt. Ich könnte dann ein Hundertfrancs-Billet aus dem Schranke nehmen, ohne daß es vielleicht vermißt wird. In besseren Zeiten will ich es gern wieder zurückaeben. denn die Roth ist groß. Aber ich will es nicht thun. ohne daß es der Herr Rabbiner erlaubt, darf ich nlich und meine unglückliche Familie aus diese Weise vor Hunger. Schande und Untergang retten? Wie hätten Sie, mein Herr in dieser Frage entschiedenV „Ich denke/ erwiderte dieser, „daß die Antwort auf der Hand liegt. Wer kann dem Manne einen solchen Schritt erlauben, ein Dieb zu werden?" „Aber bedenken Sie. das Leben, die Ehre, die Zukunft einer ganzen Familie steht in Frage!" ..Das habe ich wohl bedacht, aber das ändert doch nichts an der Thatsache, daß in den Zehn-Geboten steht: „Du sollst nicht stehlen." „So habe ich auch entschieden," entgegnete der Rabbiner, ..und freue mich, daß wir in diesem Punkte übereinstimmen. Run hoffe ich auch, daß wir in dem andere Punkte einig gehen, wenn ich Sie daran erinnere. daß in denselben nrc-in mw noch vor zzr. »S sich das Verbot bz wwi rrb findet." So gewiß sämmtliche Ehrenmänner, welche an der Spike des galizischen Hilfsvereins stehen, davor zurückschrecken würden. ihren Schutzbefohlenen eine Zukunft zu sichern, die nur durch Uebertretung des Verbots rrb zu ermöglichen wäre, so sehr müssen sie darüber wachen, daß sie das materielle Wohl der dem Elend Entrissenen nicht auf die Enttveihung des Sabbat gründen. Sollten die leitenden Kreise des Vereins diese gleiche Würdigung aber vermissen lassen, so werden es die Herren Rabbiner von Wien gewiß als Pflicht erachten, das recht angelegentlich zu betonen und davon ihre Mitwirkung abhängig machen. 3ettrnrgS«echrkch1e« und Eorrespsadenrert. Deutschland. Berlin. Arnold K o l z - Saatel schreibt dem „B. T.": Aus Abessinien kommt die Kunde, daß der französische Journalist Hugues le Roux dort alte Handschriften aufgefunden habe, durch die die Geschichte der Königin von Saba kritischer Forschung näher geruckt sei. Bekanntlich leitet der Negus von Abessinien, Me-