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Der Israelit · 1904-04-11 · Heft 27-28 (11.4.1904) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 27-28 (11.4.1904)
Date
1904-04-11
Page
– (sequence 27)
Language
German
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611 Gewand von dünner, schwarzer Seide, verrieth, daß er ein Rabbi war, der leise ein Gebet murmelte. Ungefähr 20 Jahre alt, war er von mittelgroßer, geschmeidiger Gestalt, und der hoheitsvolle Zug. der tiefes Weh widerspiegelte und sein Gesicht verklärte, zwang zu heiliger Scheu. Die feinen, schmalen Hände, die entgegen der Landessitte, keinen Schmuck trugen, waren zum Gebet gefaltet; das schwarze, reiche Haar, in das Gesicht gekämmt, bedeckte ein rother Fez. Noch nie habe ich ein Antlitz von höherer Idealität gesehen, .als jenes scelenvolle Jünglingsantlitz, in dem zwei tiefschwarze, mandelförmige Augen glänzten, die sein kindlichreines Wesen widerspiegelten. Diese bezaubernde Unschuld, die allein ein fester, aufrichtiger, inbrünstiger Gottesglaube zu verleihen vermag, war über dem blaffen, vom eifrigen Talmudstudium ermüdeten Gesicht ausgegoffen, so daß der Beobachter des Gefühls der Rührung nicht Herr werden konnte. Soviel Reinheit und erhabene Idealität, wie sie mir hier entgegentrat, mußte mich anziehen, obgleich ein Gespräch durch den Umstand unmöglich gemacht wurde, daß der junge Rabbi ebensowenig Deutsch oder Französisch verstand, wie ich Arabisch oder Hebräisch geläufig sprechen konnte. Unsere Blicke begegneten sich. In seinen Augen wich für einen Moment der träumerische Ausdruck dem des Schreckens und der Verwunderung, der jedoch bald wieder verschwand, als ich vertrauensvoll an seiner Seite Platz nahm. Das geheimnißvolle Rauschen der wenigen zweigarmen Bäume, die bezaubernde Stille der vom Vollmond am reich besternten Himmel erleuchteten Nacht ließ unsere Herzen die Poesie eines weihevollen Augenblickes empfinden. Wohl lange schon vertieften sich gegenseitig unsere Blicke, unsere Seelen schienen sich zu gehören; unwillkürlich erfaßten «vir unsere Hände, sie innig drückend, und überwältigt von der Majestät des Augenblicks, wollte ich seine leisehebende Hand an meine Lippen führen. Er entriß sie mir. drückte mich an seine Brust, heißer Athrm entströmte seinen halbgeöffneten Lippen und voll Begeisterung rief er aus: „Chuja! Chuja!" (Dies arabische Wort bedeutet „Bruder".) Eine Welt öffnete sich mir. als der innige Ton dieser reinen Stimme, die Gottes Wort zu verkünden berufen war. an mein Ohr schlug, und ich empfand eine süße Wonne, daß sich zwei wildfremde Menschen durch den Ausdruck des offenen, freien Blickes sofort innerlich als Brüder erkannten. Ja. dieser von Begeisterung flammende Blick sprach von Bruderliebe., ohne Falsch und ohne Hehl. Indem der Rabbi sein Haupt entblößte, flehte er mit thränenerstickter Stimme Gottes Segen auf mich herab. Wieder zog er mich an seine Brust, und seine ganze Seele in den Ausruf „Chuja" legend, schloß er mich lange in seine Arme. Welche Gefühle hatten sich meiner Seele während dieses Erlebnisses bemächtigt! Ich vermochte sie nicht zu beschreiben. Bewegt, gerührt bis zu Thränen, doch glücklich war ich nicht! Meine Seele schrie nach der Mutter, und heiße Sehnsucht nach denen, die ich liebte, nach der Heimath erfaßte mich mit wilder Gewalt. Langsam entwand ich mich seiner Umarmung, stand auf und traumverloren suchte ich mein Lager auf. — Brauchte ich Ruhe? Ach nein! nicht ruhen! Ich lebte in diesem Augenblick der Vergangenheit, süße Erinnerung ward in mir wach und warf Schatten in die Wünsche für die Zukunft, die die Heimath verwirklichen sollte. — „Chuja!" Meine Kameraden schliefen fest und so wohl ihnen die Ruhe, so wohl that mir der Sturm der Empfindungen. Nachdem sich die Wellen des Gefühlslebens geglättet. war mein ganzes Innere erfüllt von einem weihevollen Gefühl; mir war's. als schlage mein Herz ruhiger, und verklärt stand das ideal schöne Jünglingsantlih vor meinem Geiste. Ich fühlte, ein Gerechter hatte für niich gebetet, und das Gebet eines Gerechten vermag viel. Eine solch gefühlvolle Stunde erhöht den Menschen, zieht ihn in eine reinere Sphäre, vornehmlich den. dessen alltägliches Merk die Gefühle hemmen, sich in seiner Gefühlswelt nicht ausleben kann, solcher Augenblick ist schön, da er Traum und dennoch Leben, nicht Dasein und wieder nur Traum ist. Kurz darauf weckte ich alle Mann, ließ satteln, ansvannen und fort ging es. .Fort — 'jeder Schritt der Zukunft naher, die die Hoffnungen erfüllen soll!! Noch saß der junge Rabbi betend auf der Brücke, dem Rauschen eines nahegelegenen Quells und dem geheimnißvollen Säuseln der Bäume lauschend, während das fragende Träumerauge gen Himmel gerichtet war. um die Wahrheit zu erforschen, die erlösende Wahrheit, die Natur in ihrer Allmacht zu erfassen. Ich nickte ihm stumm zu, als ich voriiberzog. Er erhob sich schnell, elastischen Schrittes kam er auf mich zu, streckte mir beide Hände entgegen, innig drückten wir uns die Männerban i-c. die seinige zitterte in der meinen, wir fühlten den Trennungsschmerz, und einen Augenblick schauten wir uns, weltvergessen, tief in die Augen. Er, eir» Diener des Allmächtigen, ich Soldat, aber gefunden in der Bruderliebe, die die Menschheit umfassen sollte, die ihr heiligstes Recht ist. Er weinte, ich konnte nicht, denn mir hatte das Leben schon längst die Thränen geraubt. und doch ließ jeder ein Stück seines Herzens an jenem Ort. Mir war es als ächzten und stöhnten die Röder unter ihrer Last in dieser Nacht mehr denn je, doch bald war dieses Geräusch meinem Ohr angenehm, denn auch meine Seele stöhnte und ächzte unter der Sehnsucht noch denen, die ich liebte, die in meinem Herzen lvohnten.vnach der Heimath! Dich. Chuja! werde ich nie wieder sehen, doch vergessen werde ich dich nicht, so wie ich in jener Nacht der Heimath nicht vergessen konnte!

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