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Der Israelit · 1904-04-11 · Heft 27-28 (11.4.1904) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 27-28 (11.4.1904)
Date
1904-04-11
Page
– (sequence 28)
Language
German
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612 krhte %fe t von Mköinand 6s ist ein Freitagabend. Der Dezemberwind weht um das Haus, das in tiefes Dunkel gehüllt ist und düster auf den Vorübergehenden hinabblickt. In einem der Zimmer, entfernt von den Wohnr'äumen der Familie. brennen zwei Kerzen, so daß der Hintergrund des Raumes nur spärlich erleuchtet ist. Auf weißen Kiffen erblicken wir hier eine Frauengestalt, ruhig schlummernd und leise athmend. Warum beugt sich ab und zu der Mann im Silberhaar über dein Lager? Warum sind seine Mienen so vergrämt, warum seine Schritte so leise? Er weiß, daß der Tod bereits seinen Stempel auf deine Stirn gedrückt hat, du edles Weib, und ehe noch die Lichte verlöschen tverden, hat dein Herz aufgehört zu schlagen, welches einst so warm für ihn gepocht hat, den liebenden Gatten, und auch für sic. die ebenso geliebten Kinder. Und ruhig schlummerst du weiter, sein Stolz, seine Freude, sein über alles geliebtes Weib, dessen Besitz ihn so glücklich gemacht, und dessen Verlust ihm bald den größten Schmerz verursachen wird, den er jemals erlitten. Kaum hörbar treten von Zeit zu Zeit die andern Familienmitglieder ein, um noch einen Blick zu erhaschen, um noch einmal ein Mntterauge auf sich gerichtet zu sehen. Aber umsonst! Der unerbittliche Tod zieht immer engere Kreise um das Lager, und Trauer prägt sich auf den Gesichtern aus, welche so sehnsüchtig auf ein letztes Erwachen warten. Und heute ist es Sabbat! Wie froh waren alle, wenn sie sonst um die Tafel saßen und still und friedlich das Mahl verzehrten! Wie dankten sie Gott, daß er sie bis dahin beschützt und ihnen manche Freude bereitet hatte! Und wenn auch das Unglück dem Hause nicht fern geblieben war, so hatte es doch nicht vermocht, ihren Glauben auf Beistand des Herrn zu erschüttern, und muthig ertrugen sie das Unheil, das von Gott gesandte Schicksal, richteten sich einer an dem Vertrauen des andern auf, und frisch und unverzagt lenkten sie gemeinsam die Schritte durch das Pilgerleben. Aber jetzt sitzt die Familie schweigsam uzn den Tisch, jeder seinen Gedanken nachhängend, welche düsterer sind als der schwarze Himmel der Dezembernacht. Nun naht der Vater, ergreift den mit Wein gefüllten Becher und sagt mit matter Stimme den Segensspruch. Dann läßt er den Pokal herumkreisen, in dem sich wohl so manche Thräne mit dem purpurnen Weine mischt. Ohne die Stille auch nur durch einen Laut zu unterbrechen, wird das Mahl eingenommen, und dann spricht der Hausherr das Tischgebet. Wie Nein—B erlin. verändert klingt heute seine Stimme, wie abgebrochen fließen die Worte von seinen Lippen, welche ihm doch von Jugend auf geläufig sind! Und mit dem Aufwande seiner Kräfte betet er weiter, um die Herzen der Anwesenden nicht noch schwerer zu machen. Wie niedergedrückt sind sie alle, deren fröhliches Lachen sonst die trauten Räume erfüllt hat! Ach, sie wissen es ja, daß bald das Wesen die Augen für ewig schließen wird, welches der Sonnenschein des Hauses, die Zierde der Familie war und mit treuer, aufopfernder Liebe für sie sorgte und wachte. Immer langsamer wird das Gebet weiter gesprochen, dann hält der Vater inne, und gemeinsam sprechen die Kinder die Worte: „Der Allbarmherzige, er segne meinen Vater, meinen Erzieher, den Herrn dieses Hauses." Und dann — banges Schweigen. Aber noch einmal ergreifst du das Wort, du tief gebeugter Mann, und mühsam stößt du hervor: „Kinder, zum letzten Male das Gebet für Eure Mutter!" Dann versagt ihm die Stimme, unterdrücktes Schluchzen bricht sich Bahn und durchhallt dumpf die Räume. Aber wenn auch das Herz der Kinder zu brechen scheint, noch einmal wollen sie für die heißgeliebte Mutter flehen, und mit thränenden Augen sagen sie weiter: „Und meine Mutter, meine Erzieherin, die Frau dieses Hauses." Dann lautlose Stille, und jeder versucht, den brennenden Schmerz den Blicken des andern zu verbergen. Die Zeit schreitet weiter, unerbittlich weiter. Sie kennt nicht die drückende Hand des Schicksales und kümmert sich nicht darum, daß jeder Augenblick den Menschen der Ewigkeit näher bringt. Der Gatte begibt sich zurück an's Todtenbett und lauscht dem Athem der schlafenden Frau. Die Andern bleiben zurück, um ihren letzten Schlummer nicht durch Schluchzen zu stören, und spinnen trübselige Gedanken weiter, sich ab und zu wehmüthig anblickend. Da plötzlich ein Schrei, noch einer! Sie sitzen wie festgebannt, und dann erschallen die Worte: „Sie hat gelebt!" So hat der Todesengel sich Deiner bemächtigt. Du herrliches Weib! Er trägt Deine Seele hinauf in jene , lichten Höhen, aber Dein Andenken wird nie verlöschen. Du bleibst denen, die Du zurückläßt, ein leuchtendes Vorbild, und wenn auch Jahr um Jahr im Strome der Zeit dahinschwindet, Dich werden sie nie vergessen, sie werden Deiner gedenken, bis auch für sie einstens gemurmelt wird — das letzte Gebet!

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