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Der Israelit · 1904-04-11 · Heft 27-28 (11.4.1904) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 27-28 (11.4.1904)
Date
1904-04-11
Page
– (sequence 26)
Language
German
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610 Pflicht zu genügen. Autorität wohl, die Furcht säet, Unterwürfigkeit erntet, aber-keine Freiheit, die beglückt!!! Da hieß es, Augen und Ohren öffnen, daß nichts gestohlen wurde, denn ich als Eskortenchef war für den Transport verantwortlich, hatte somit Strafe zu gewärtigen, wenn etwas'abhanden gekommen wäre und den Arabern ist das Stehlen zur zweiten Natur geworden. Er ist der echte Dieb, denn sein Rassencharakter suggerirt ihm den Trieb der Habsucht. Dieser Trieb verleiht ihm Muth und er entzieht sich, nicht gefa^vollen Abenteuern, vielmehr er sucht sie und ihr blutiger Ausgang vermag ihn nicht abzuschrecken. Sagt doch der Eingeborene: „Der Mensch kann alles entbehren und verbergen, nur nicht die Frau, das Pferd, die Waffe und das Rasirmeffer." Gegen acht Uhr Morgens erreichten wir bei großer Sonnengluth unsere Etappe, nahe einenr Chausseewärterhause gelegen, nachdem wir 33 Kilometer zurückgelegt hatten. Das Naturbild war nicht mehr so schön wie die Gegend Mascaras, aber dennoch hoben sich rings am Horizonte Formen, bebautes Land,- ab und das Gefühl der Weltfremdheit, das sich uns aufzwang, wurde dadurch gemildert. Die Nähe bot genügenden Wasservorrath, der Hauptfaktor auf der Reise in afrikanischen Gefilden, und nachdem die ermüdeten, verstaubten Thiere, denen die nach Trunk lechzende Zunge weit zum Halse hinaushing, ausgespannt, abgekühlt und abgesattelt waren, schlugen wir, uns nur der drückendsten Last entledigend, unser bescheidenes Zeltlager auf. Einige Stunden der Ruhe, — dann brodelte auf dem schnell aufgeworfenen Feldherde im zinnernen Kessel das frugale Mahl, das in Reis, Speck und einigen Kartoffeln bestand, während in einem anderen Kessel der Mokka gebraut wurde. Doch war alles schneller verzehrt. denn zubereitet. Die Thiere wurden zur Tränke gerittejt; unterdessen richteten einige Leute eine aus Alfagras bestehende Unterlage her, die die zurückkehrenden Maulesel und Pferde zum übermüthigen Wälzen, wie zur späteren erquickenden Ruhe einlud. Die Futtersäcke, die die tägliche Ration enthielten, waren bald geleert, und nun herrschte wieder ungestörter Friede. Schlaf. Traum in unserem Kreise. — Noch einige Stunden Rast und bald hieß es satteln, sick marschbereit halten und die Nacht wieder auszunühen. um an die zweite Etappe zu gelangen, die noch 47 Kilometer entfernt lag. Um 10 Uhr gab ich einen leisen Pfiff' sprach mehr, als ich kommandirte: „Aufgeseffen! Vorwärts marsch!" Die Thiere zogen ruckweise den Lastwagen an. die Reitpferde betveglen sich zuerst tänzelnden Schrittes, der durch das Berühren des schlanken Leibes mit den blinkenden Sporen hervorgerufen ward, dann wieder vernahm man nur noch das monotone Hufgeklapper, Waffengeklirr und Rädergeräusch, ab und zu einige anspornende Zurufe, Schnalzen der Zunge. Peitschengeknall. . Keine Weinfelder mehr, kein Stückchen kultivirter ] Erde, keine Form zu erblicken, während der langen Reise, nichts Grünes, das das Auge erfreuen könnte.! Ebene, gelbgrauer Sand, und in der Ferne winkten allen Baumschmuckes entbehrende Berge, ab und zu begegnete man rollendem Gestein — eine armselige Natur! i denn auch die Natur kann armselig sein. So hungrig i wie die dürftige Natur, so hungrig schienen die heulen j den Schakale zu sein, die, schattenhaft durch die Steppe jagend, Lebenszeichen von sich gaben und außer uns : die einzigen lebenden Wesen in dieser Luft zu sein j schienen; doch horch! ein schriller, unheimlich klingender . Schrei durchzitterte die Lüfte; ein nach Raub jagender. großer Nachtvogel stieß ihn aus, aber auch er klang wie! — Gier — nein, wie Hunger! I Gegen 9 Uhr Morgens erreichten wir endlich ( unsere zweite Etappe, Mann und Thier abgespannt, bestaubt. ermüdet, ein aus 20 Häusern bestehendes Dorf. ' Tagremaret genannt. Die Einwohner sind auf den ' Verkehr der durchreisenden Karawanen. Handelsleute,! Hirten angewiesen und betreiben ausschließlich Handel, mit Ausnahme eines Europäers, der Besitzer einer großen Farm ist, in jungen Jahren ebenfalls Soldat war und als solcher mitgeholfen hatte, Algerien für Frankreich zu erobern. Im Schutze eines immensen Ströhhaufens schlugen wir unser Nomadenlager ans, und nachdem wir unserer Pflicht gegen Mensch und Thier genügt hatten, fühlten wir das Bedürfniß, zu ruhen. Die Anstrengungen der Reise ließ der Alltröster Schlaf, der uns bald gefangen hielt, vergessen, und der wohlthuende Schatten sorgte, daß brennende Sonnenhitze uns nicht belästigte und kein lästiges Insekt unseren Schlummer störte. Nach einer sechsstiindigen Siesta begab ich mich an den nahen Fluß, der weder breit noch tief war und nahm ein erquickendes Bad. mährend die Kriegskameraden für das frugale Reismahl mit Speck sorgten. Nachdem dieses eingenommen, reinigte ich Gewehr und Bajonett von dem dicken Staub und ließ meinen Kleidungsstücken dieselbe Sorge zu Theil werden. Die Trainsoldaten ritten ihre Maulesel, die chasseur d'Asrique ihre Pferde zur Tränke, während ich das mir anvertraute . Gut einer eingehenden Revision unterzog, um mich davon zu überzeugen, daß nichts daran fehlte. Die Sonne gab der Erde ihren Scheidekuß und übergoß selbst diese so wenig reizvolle Natur mit magischem Zauberlicht, das fast eine poetische Stimmung in uns wachrief. Im Dorfe selbst hatte ich noch einige Besorgungen zu machen: meinen Tabaksvorrath ergänzen, meinen Marschbefehl vom Amtsvorsteher visiren lassen, u. s. w. Tiefer Kommissionen entledigt, begab ich mich bummelnden Schrittes nach unserem Lager, als ich auf einer Brücke von bröckelndem, moosbedecktem Gestein einen jungen Mann, der in tiefes Sinnen versunken schien, sitzen sah. Seine Kleidung, ein talarartiges

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