Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 27-28 (11.4.1904)
- Date
- 1904-04-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450012--60420-2521343- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
595 Etwa 50 Kroaten drangen johlend in die Judengasse ein und bewarfen die Judenhäuser und Geschäfte mit Steinen; viele Fenster wurden eingeschlagen und Passanten verletzt. Die Kroaten gingen auch mit Messern los und verletzten mehrere Juden, darunter den Tempeldiener Samuel Oesterreicher erheblich durch einen Stich in die Brust. Die Juden mutzten flüchten und ihre Geschäfte schlietzcn, da die Kroaten fick anschickten, zu plündern In der Verzweiflung lietzen die Juden Feuerlärm blasen, worauf der Stuhlrichter mit einer Abtheilung Gendarmerie erschien und eine Anzahl Kroaten verhaftete. Rußland. Petersburg. (Der Judenkrawallprozctz in Homel.) Aus hiesigen juristischen Kreisen wird geschrieben: „Die vor wenigen Tagen beendete Voruntersuchung in dem Prozetz über den Krawall in Homel hat ein geradezu niederdrückendes Ergebnitz zu Tage gefördert. Die Untersuchungsbehörde hat alles gethan, um durch höhere Beeinflussung der Zeugen, nöthigcn. falls aber auch durch schamlose Anstiftung derselben zu lügenhaften Aussagen die wirklichen Vorgänge in Homel zu verdunkeln. Die Untersuchungsrichter haben sich augenscheinlich zur Aufgabe gestellt, den Homeler Krawall so darzustellen, wie er seinerzeit in dem berüchtigten Communiqu«* der Regierung geschildert wurde. Es mutz zugegeben werden, daß ihnen die Lösung dieser Aufgabe im hohen Grade gelungen ist. Tie Schlägerei am Marktplätze vom 29. August wird in den Untersuchungsprotokollen als ein von den Juden woblorganisirter Angriff auf die christliche Bevölkerung dargestellt. Es fanden sich „vertrauenswürdige" falsche Zeugen, welche bekunden konnten, daß der Angriff der Juden von diesen schon lange vor dem 29. August gut vorbereitet war, daß er zum Zweck hatte, den Christen den Krawall von Kischinew heimzuzahlen, und daß die Schlägerei auf dem Marktplatz nur die Einleitung und das Signal zum geplanten Angriffe war. Aus einer großen Reihe von geschickt untergeschobenen falschen Aussagen abgerichteter Zeugen geht eine ungeheuerliche Anklage gegen die unglücklichen Juden von Homel hervor. In dem Material zur Voruntersuchung werden die Juden als die dreisten und frechen Feinde aller friedlichen Christen sowohl wie der herrschenden staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung geschildert. Als sachverständige Spezialisten für die Psychologie der Juden werden Soldaten und Gendarmen vorgeführt. Diese Sachkundigen führen zwar sehr wenig thatsächliches Material an, dafür wiederholt aber jeder Einzelne von ihnen alle die Beschuldigungen, welche in der bekannten Ansprache des Gouverneurs Klingenberg so beredt zum Ausdruck gelangt sind. Obgleich die Voruntersuchung schon abgeschlossen ist, schmachten acht Juden (fünf aus der Schlägerei am 29. August und drei wegen der Vorgänge am 1. September) noch immer in der Untersuchungshaft, während die christlichen Plünderer, ja selbst die christlichen Mörder gegen Bürgschaft oder Kaution sich sämmtlich auf freiem Fuße befinden. Die Homeler Anklage verspricht in noch weit höherem Grade zu einem tendenziösen politischen Prozeß zu führen, als selbst die Kischinewer Prozesse. Aus den Ergebnissen der Voruntersuchung läßt sich schließen, daß den Homeler Juden der Versuch der Advokaten, den Kischinewer Behörden und der dortigen „Intelligenz" die Maske herunterzureitzen, aufs Kerbholz gesetzt werden soll. Ferner sollen sie zur Verantwortung dafür gezogen werden, daß sie die Frechheit besessen haben, mit bewaffneter Hand ihr Leben zu vertheidigen, wie auch dafür, daß die sozialdemokratische Bewegung unter den Arbeitern in Homel so große Ausdehnung gewonnen hat. Man kann sich leicht vorstellen, welches Nrtheil über die angeklagten Juden unter solchen Umständen von dem Gerichtshof aefällt werden dürfte." Petersburg, 27. März. Das eben erlassene Verbot der Pferdeausfuhr aus Rußland ist von Niemanden freudiger begrüßt worden als von der jüdischen Bevölkerung. Wurde doch die antisemitische Agitation — die auch jetzt während des Krieges nicht ruht — nicht müde, sogar in Kreisblättern die Mär zu verbreiten, die Juden kauften in großem Maßstabe Pferde für Japan. Demgegenüber konstatirten die Petersburgskija Wjedoniosti und andere Blätter, auch konservativer Richtung, daß die Pferdekäufe im Gouvernement Tambow und anderen Gouvernements des südlichen Rußlands meist für Oesterreich bestimmt waren und keineswegs den jährlich üblichen Maßstab. wie gerade im Interesse der pferdezüchtenden Großgrundbesitzer liegt, überschritten. Durch das inzwischen erfolgte Verbot ist der antisemitischen Presse dieser Agitationsstoff entzogen worden. Natürlich werden sich die antisemitischen Ehrenmänner, die alle Schuld an den russischen Mißständen den Juden ansbürden wollen, nunmehr nach neuem Material Umsehen. Die antisemitische Presse wirft den Juden ihre geringe Opferwillialeit vor. Thatsächlich fließen die bei früheren Anlässen stets sehr bedeutenden Spenden von Seiten reicher Juden diesmal sehr spärlich.. Wie sollte es auch anders sein Angesichts solcher Aufmunterung zur Opferwilligkeit wie die erwähnten Maßregeln in Kiew? Zwei reiche Israeliten in Petersburg und Odessa haben trotzdem der Regierung bedeutende Summen anaeboten unter der Bedingung, daß ihnen geüattet. wird, für dieses Geld eine selbstständige Sanitätsabtheilung aus ' jüdischen Aerzten und Krankenvflegern auf den Kriegsschauplatz zu entsenden. Eine Antwort ist auf dieses Gesuch bisher nicht erfolgt.