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Der Israelit · 1904-04-11 · Heft 27-28 (11.4.1904) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 27-28 (11.4.1904)
Date
1904-04-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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588 Es war ein altehrwürdigeS Elend, nicht ohne orientalischen Glanz und Farbenschimmer. Tagsüber arbeiteten sie bei den kleinen Werkmeistern der Vorstadt oder handelten mit alten Kleidern. Ich glaube, daß sie ihrm Glauben treuer anhingen, als die israelitischen Barone, die in unserer Gesellschaft etwas zu viel Raum beanspruchen. Ich kenne Israeliten, die ihr Dasein der Wissenschaft geweiht haben und mit ihren Werken den Ruhm Frankreichs vergrößern. Der eine ist einer von den ersten Hellenisten der Welt, der andere hat aus dem Gebiete der Affyriologie große Entdeckungen gemacht, ein dritter mit bewundernswerther Methode die Gesetze der Sprache erforscht. In allen Bezirken des Menschenwissens findet man Juden, und diese stehen dem Goldhandel ebenso fern, als Abulaffia der Kabbalist, der sich in die mühevollsten Rechnereien vertieft, nicht um seinen Vermögensstand festzustellen, denn er besaß nichts, sondern um den numerischen Werth des Gottesnamens wissenschaftlich zu erkennen. Ich habe in diesem Artikel nur den französischen Antisemitismus im Auge. Ganz ohne Zweifel ist es, daß in Frankreich der Antisemitismus ausschließlich in adeligen, klerikalen und großbürgerlichen Kreisen seine Truppen wirbt. Das Volk ist nicht antisemitisch, weil es nicht religiös ist und nicht einen Theil der Kapitalisten dem anderen vorzieht. Das Volk haßt einen Menschen nicht wegen der Form seiner Rase. Das Volk hat sich losgeriffen von den Superstitionen, welche die Bourgeoisie verdummen und boshaft machen. Es glaubt nicht, daß die Juden Bockgesichter haben, Hörner auf der Stirne und hinten ein Schwänzchen tragen, daß sie am Charfreitag nach feierlichem Ritus einen Knaben kreuzigen. Das Volk weiß, daß es einige wenige habsüchtige Juden gibt, die sich durch Agiotage und Wucher bereichert haben und an nichts als an unredlichen Erwerb denken. Es weiß aber auch, daß es andere Juden gibt, die einzig und allein für soziale Gerechtigkeit arbeiten. Und es sieht auch ein, daß diese die Mehrzahl bilderr. Um Raffenunterschiede kümmert sich das Volk nicht, weil dies Lug und Trug ist. weil das Volk im Wirklichen lebt und die rauhe Hand der Rothwendigkeit täglich zu fühlen kriegt. - 3eiiitt?0Öt?d3tf Otot und Correspottdsrszerr. Deutschland. Mainz, im April. Angeregt durch die verschiedenen militärischen Schmähschriften auf die deutsche Armee, ist auch jetzt ein Werk eines ehemaligen österreichischen Offiziers erschienen, betitelt: „In k> u. I. Diensten." Konnte sich in den deutschen Werken der Antisemitismus gar nicht oder nur in beschränktem Maße bemerklich machen, da es in Deutschland eben keine jüdischen Offiziere gibt, so ist das vorerwähnte Buch hauptsächlich antisemitischer Tendenz. Es schildert eine verkommene Truppe, die nur dadurch auf eine so niedrige Stufe gelangt sein soll, daß ihr Oberst, der jüdischer Abstammung ist, den man allgemein „den dummen Dovidl" nennt und dessen Sprechweise von seinen Offizieren bei Festen im Kasino, kopirt wird, vollkommen unfähig ist, wofür er zum General befördert wird. Auf diesem antisemitischen Gebiete kann sich unsere Militärlitteratur gottlob nicht versuchen. Ja. man ist sogar geneigt, es bei den jetzigen Verhältnissen fast für ein Glück zu halten, daß es in Deutschland keine aktiven jüdischen Offiziere gibt, wer weiß, ob man ihnen dann nicht alle Skandalaffairen der letzten Zeit in die Schuhe geschoben hätte. Berlin, 23. März. Die Religionsschule „Beth Zion", Linienstraße 162. versendet soeben ihren fünfzehnten Jahresbericht. Der Direktor. Herr Rabbiner Höxter, wirst einen Rückblick auf den verflossenen Zeitabschnitt, und wir gewinnen ein erfreuliches Bild von dem Interesse und dem Vertrauen, das man von Anfang an dieser Unterrichtsanstalt entgegengebracht hat. Mit fünf Schülern wurde sie am 3. März 1889 eröffnet, und hat sich heute der Besuch auf 293 Kinder, 206 Knaben und 87 Mädchen, erhöht. Im Ganzen wurde die Schule bis jetzt von 1021 Kindern besucht. Dieselbe besteht aus sieben Knaben- und fünf Mädchenklassen, und wirken anderselben außer dem Direktor sechs Lehrer. Die Kinder erhalten einen gründlichen Unterricht in biblischer und jüdischer Geschichte, in Gebet-, Pentateuch-, Propheten-, Psalmen-und Mischlehübersetzen. An dem fakultativen Unterricht in Mischnah und Talmud nehmen 26 Kinder Theil. Jeden Mittag und Sabbat-Nachmittag findet am Schluffe des Unterrichts Jugendgottesdienst statt. Berlin, 5. April. Neu nach Berlin zuziehende Russen werden in letzter Zeit bei ihrer Anmeldung auf der Polizei einem scharfen Verhör unterworfen. Sie müssen über ihre Vermögensverhaltniffe, ihre Herkunft' und ihre Absichten in Berlin genau Auskunft geben. Erst wenn diese befriedigend ausfallt, wird ihnen der AufenthaÜ gestattet, jedoch mit dem Bemerken, daß sie als Ausländer nur geduldet werden und ihnen die Aufenthaltserlaubniß jederzeit entzogen werden kann. Berlin. Wegen der Anstellung eines staatlichen' Schulinspectors fiir den jüdischen Religions-Unterricht, in den öffentlichen Schulen finden, wie in der Repräsen-? tantenversammlung der Jüdischen Gemeind« mitgesheilt

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