Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 27-28 (11.4.1904)
- Date
- 1904-04-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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687 bild, und die Juden haben ihnen keinen Menschentypus von bestimmter Prägung entgegenzusteSen. Die Ethnographie unterscheidet die Menschen nach der Schädelform und theitt sie in Dolichokephale und Brachykephale, Langschadel und Kurzschädel. Nun sind aber die spanischen, portugiesischen, italienischen, provencalischen Juden dolichokephal, die polnischen, russischen und deutschen brachykephal. Die Juden bilden folglich keine Rasse. Allein es genügt, daß man sie für eine Raffe halt. Don Quixote sah Weinschlauche für Räuber an und durchbohrte sie mit seinem Schwert. Man glaubt, die Juden seien eine Raffe, und sofort heißt es auch: eine feindliche Raffe. Bei keiner Menschenfamilie, hat Alexander von Humboldt gesagt, kann man bis zum Stamm zurückgehen, und es gibt keine Wurzel, die edler wäre, als eine andere. Gleichwohl entspricht der Rassenbegrisf einer fühlbaren Wirklichkeit. Menschen, die gemeinsam dieselbe Lebensweise haben, werden immer schließlich einander ähnlich, was nun auch ihre Abstammung sein möge, denn aller Anfang bleibt uns verborgen. Nabenfamilien, die sich am Nordpol niederlassen, werden dort weiß. Tatsächlich gibt es nicht einen, sondern mehrere leicht erkennbare jüdische Typen. Mehr braucht es nicht, damit es im Sprachverkehr heiße: die jüdische Rasse. Alle menschlichen Rassenfeindschaften gründen sich auf ähnliche Scheinwahrheiten. Die wirkliche Ursache des Antisemitismus ist der Fremdenhatz, der noch immer so tief im Menschenherzen wurzelt. Die Juden gelten als Fremde. Allenfalls sagt man nicht, daß sie eine Rasse bilden, denn eine Raffe, Niemand weiß, was das ist. aber ein Volk bilden sie mit ihren Sitten, ihrem Glauben, ihrem Gemeingeist, ein Volk, das zerstreut unter anderen Völkern lebt. Abgesehen von allen anderen Umständen folgt nun daraus, daß der Antisemitismus in einem Lande umso kräftiger gedeiht, je sorgsamer dieses Land sich bemüht, von fremdem Einschlag möglichst rein zu bleiben und seine Einheit auf die Ursprungsgemeinschast seiner Bewohner zu gründen. In deutschen oder slavischen Ländern stellen sich nothwendigerweise der Pangermanismus und der Panslavismus der freien Entwicklung der Juden entgegen. Außer dieser allgemeinen Ursache hat der Antisemitismus seine besonderen Ursachen. Nur eine davon ist die Religion. Die mittelalterliche Gläubigkeit, habe ich vorhin gesagt, und die mittelalterlichen Sitten sind so ganz und gar verschwunden, daß man sich den Fluch, der in jenen glaubensstarken Zeiten auf den Juden lastete, heute kaum noch zu erklären vermag. Das hindert aber nicht, daß in katholischen Landern die frommen Seelen im Hatz und in der Verachtung des Juden von den Priestern auferzogen werden. In einem kleinen Persevrranzkatechismus habe ich diese Frage und diese Antwort gelesen: Frage: Was für eine Wirkung hat der Fluch Gottes auf die Juden ausgeübt? Antwort: Die Wirkung, welche, der Fluch Gottes auf die Juden ausgeübt hat, ist, daß sie überall arm und verachtet umherirren müssen. Verfasser dieses Katechismus ist ein Monseigneur Gaume, ein großer Feind der griechischen und lateinischen Dichter. In den theologischen Schriften der Katholiken werden die Juden je nach der Zeit verschieden behandelt; vor dem Stifter der christlichen Kirche sind sie das auserwähkte Volk, die von Gott geliebte Nation. Vousset schrieb eigens ein Buch zur Verherrlichung Israels. So sehr bewunderte dieser Bischof die Juden, daß er aus den Erzählungen der Bibel ein Negierungssystem auszog. In seiner „Politique tire6 de l'Ecriture", seiner „der Heiligen Schrift entnommenen Staatsweisheit", werden ihre Thaten und Handlungen als Vorbild aufgestellt. Nach dem Stifter der christlichen Religion aber änderte sich alles. Jetzt sind sie verflucht, jetzt haben sie das größte aller Verbrechen begangen; der Verräther Judas wird das Symbolum ihres ganzen Stammes. So will es die reine christliche Doktrin. In einer Verfallszeit des religiösen Geistes hat sie keinen Einfluß auf die Sitten. Niemals können wahrhaft philosophische Geister die Religion der Juden verwerfen, da ja beide Religionen dieselbe Grundlage haben, so kann man doch die Wahrheit der Evangelien nicht anerkennen, ohne zugleich die Wahrheit des Alten Testamentes gelten zu lassen. Das ist indeß Gegenstand der logischen Verstandesarbeit und ohne Einfluß auf den Volksgeist. Wenn in der modernen Welt der religiöse Antisemitismus sich abschwächt und erlischt, so läßt sich von dem neuerdings entfachten wirtschaftlichen Antisemitismus keineswegs dasselbe sagen. Dieser findet in der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung Nahrungsstoffe für seine Flamme. Die weitaus größere Mehrheit der Juden, fast sieben Achtel, befindet sich nach Bernard Lazare in einem Zustand äußerster Armuth. In Rußland, Galizien, Rumänien, Serbien, der Türkei ist ihr Elend jammervoll. In London, dort unter der von Schmutz starrenden Menge des Eastend, trifft man jüdische Schneider, die in den Konfektionswerkstätten kümmerlichst ihr Brot verdienen. In der russischen Stadt Wilna arbeiten die Jüdinnen vierzehn Stunden täglich und stricken Strümpfe für einen Taglohn von 40 Kopeken. Sogar in Frankreich, in Paris, gibt es wenig reiche Juden und viel arme. Früher durchwanderte ich manchmal, an einem Sommerabend das Faubourg St. Antoine und sah dort auf einem kleinen, von Bäumen umsäumten Platze zerlumpte Juden, Greise, Frauen, Kinder, schwarzhaarige Mädchen, die auf den Bänken umhersaßen und ihren Erdenjammer gleichmüthig unter dem Himmel zur Schau stellten.