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Der Israelit · 1904-04-11 · Heft 27-28 (11.4.1904) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 27-28 (11.4.1904)
Date
1904-04-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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lieber den Antisemitismus?) Vou Arratole France,. Mitglied btt französischen Akademie. Wer sich zum Antisemitismus bekennt, sagt damit, daß er ein Gegner der Söhne Sems, ein Feind aller Völker semitischer Zunge sei, also der Syrier, Assyrier, Phönizier. Araber und Juden. Man würde es aber kaum begreifen, wenn jemand allen diesen Völkerschaften, die größtentheils längst ausgestorben, den Krieg erklären wollte. Man wird daher auch zugeben müssen, daß sich die Antisemiten in Wahrheit sehr wenig um Syrier, Assyrier, Phönizier und Araber kümmern, die Juden vielmehr die einzigen sind, gegen die sie zu Felde ziehen. Doch würde uns nicht wohl anstehen, hierauf besonderen Nachdruck zu legen. Ein Wort hat nur den Sinn, den man ihm gibt. Antisemit heißt Antijude. Antisemitismus ist so viel als Antijudaismus, und in diesem Sinne der Ausdruck für ein von' alters her in der Welt verbreitetes Gefühl. Tie Römer der Kaiserzeit verabscheuten die Juden, die sie allerdings von den Christen nicht zu unterscheiden lvußten. Tacitus, der als Historiker ernst genommen sein will, überschüttet sie mit Schimpf und Schande. Er wi'-^' ihnen ihren entsetzlichen Aberglauben vor, spricht von ihren albernen, unheimlichen, schmutzigen, ekelhaften Gebräuchen. Ihr Haß erhebe die Waffe gegen jeden. der nicht gleich ihnen sei. richte sich gegen die ganze Menschheit. Sie sind ihm ein schandvolles, fluchwürdiges Pack, die Hefe des Sklavenpöbels, ein gottverdammtes Geschlecht,, das in allen Tiefen der Bosheit wühle, das sündhafte Gezücht, ein Verbrechervolk, der blutigsten Buße würdig. . Juvenal häuft nicht geringen Unglimpf auf sie. und selbst Martial. doch eine ziemlich gutmütbige Natur, bemüht sich, sie zu mißhandeln. Es ist nicht leicht, in diesen Verwünschungen, welche die römichen Schriftsteller gegen die Hebräer ausstoßen, die wahren Ursachen ihres Judenhasses zu erkennen, eines Hasses, der in den letzten Jahren der Republik entbrannte und erst mit der Zerstörung Jerusalems erlöschen sollte. Tacitus spricht von entsetzlichem Aberglauben und rühmt doch den hohen, reinen Gottesbegriff der Juden. Er nennt sie die Hefe des Sklavenpöbels, und das isi wirk-' lich ein Vorwurf, der sich am wenigsten begründen läßt. Was die Römer den Juden nicht verzeihen konnten. im'Grunde war's nichts anderes, als ihre Macht im Staate. ' . In großer Anzahl waren sie für den Triumph- *) Wir bringen einen Ans.wg bicteä Artikels, den der bekannte frflitf. SÄriitsteller in der >N. ffr. Vi." verüslentlickte. anm Abdruck, trvl'dein wir in »erfdjiebener Beziehung seinen Standvmikt. den eine^reutralen Nichtiuden. nickt theNen können. E» smd ledvck m bem Aufsake soviel gute und richtige Gedanken enthniten. daü wir bn unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Vied. d. »Jsr". zug des Pompejus nach Rom geschleppt worden, und dort wie überall hatten sie sich bqld eine einflußreiche Stellung geschaffen. Nach Cicero waren sie im Verlauf von fünf Jahrn so zahlreich und so mächtig geworden. daß sie Volksversammlungen zu stören vermochten und ein Redner, der nicht Stürme entfesseln wollte, sie zu schonen genöthigt war. Philo, der unter Tiberius in Alexandrien lebte und dort zum Zwecke der Versöhnung der mosaischen Gebote mit den Lehren der Platoniker seine Abhandlungen schrieb, frohlockte über die Ausbreitung des Judaismus über die ganze bekannte Erde. Die Gesetze Mosis, sagt er. üben ihren Reiz auf die ganze Welt, auf Barbaren, Fremde und Griechen, auf die Bewohner des Festlandes wie der Inseln, auf die Völkerschaften des Abendlandes wie des Morgenlandes, auf Europa und Asien. Auch Flavius Josephus bestätigt die Ausbreitung des Judaismus zur Titus-Zeit. Er sagt darüber in seinem Buche gegen Apion: Es.gibt keine griechischen und fast keine Barbarenstädte mehr, wo die Arbeit nicht am siebenten Tage feierte, wo man nicht Lampen anzündete und Festtage hielte. Viele enthalten sich sogar gleich uns gewisser Fleischgaltungen. Das Gesagte genügt, um die Ursachen des Hasses, den die Juden den Römern der Kaiserzeit einfl'ößterr. ahnen zu lassen. Einige dieser Ursachen leben heutigen Tages wieder auf. Auch im Mittelalter wurden die Juden von den christlichen Völkern als Feinde behandelt, dies geschah aber aus Gründen, deren Kraft im heutigen Europa erloschen ist oder wenigstens beträchtlich abgeschwächt wurde. Die moderne Welt ist von jener des fünfzehnten Jahrhunderts himmelweit entfernt. während sie im Gegentheil dem römischen Imperium darin einigermaßen ähnlich ist. daß hier wie dort Kultur und Bildung gemeinsame Weltgüter bilden und der Gedankenverkehr zwischen den Völkern sich glatt und leicht vollzieht. Das Wellige, was ich über die Lage der Juden im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung gesagt habe, läßt uns die Stellung besser verstehen, die sie im zwanzigsten Jahrhundert auf der ganzen Welt einnehmen. Alles hingegen, was ich über das Ghetto, die gelbe Mühe, die Blechscheibchen und andere Schimpfzeichen.'die Marannen. kurz über die mittelalterliche Noth dieses Volkes Vorbringen könnte, wäre hier nicht am Platze und würde zum Verständnisse des Judenschicksals in der modernen Welt nichts beitragen. Gehen wir also ohne weiteren Verzug zum'zeitgenössischen Antisemitismus über. Viele sagen, es handle sich da um Rassenhaß, es bestehe eine unüberwindliche Abneigung zwischen Semiten und Aryas. So scheint es. Aber die Aryas. wie man zu sage» pflegt, oder die Jndogermanen, wenn man dies lieber Hört, bieten uns kein gemeinsames ethnisches Charakter-

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