Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 25-26 (29.3.1904)
- Date
- 1904-03-29
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
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gekleideter Mann sprang auf einen herbeigeschafften Stuhl und hielt eine das Volk aufhetzende Ansprache: „Bürger! Wir sind hierhergekommen, um das verschwundene Christenmädchen herauszuholen, todt oder lebendig, und zwar aus diesem Hause hier, in bas es gelockt wurde! Bürger! Wir alle wissen, daß viele fremde Juden heute in diesem Hause versammelt waren, wir alle wissen, daß die Juden Christenblut brauchen zu ihren Ostergebräuchcn; was liegt näher, als daß diese Judenbrut das Kind abgeschlachtet und zu ihren rituellen Zwecken verwendet hat! Wollt Ihr das ruhig dulden? Nein, tausendmal nein! Wir verlangen das Kind! Todt oder lebendig!" „Das Kind heraus!" brüllte die Menge. ..Schlagt die Thüre ein! Todt den Juden! Jn's Feuer mit der Judcnbrut!" Wülhtnd gemacht durch diese Hetzrede drang der Hause gegen die Hausthüre. Diese widerstand jedoch den Angriffen. Da — nach wenigen Minuten — wa ren aus der Nachbarschft Aexte herbeigeschafft worden, und in kaum einer Viertelstunde stürzte die schwere Thüre unter dem Triumphgeheul des sich wie wahnsinnig geberdenden Pöbels zusammen. Mittlerweile waren aber schon Andere damit beschäftigt gewesen, die an den Fenstern des Erdgeschosses befindlichen Läden aufzubrechen. Als ihnen dies gelungen, drangen sie von hier aus in das Innere und räumten die Hindernisse hinweg, die in dem Hausflur den anstürmenden Horden im Wege waren. Jetzt ergoß sich ein ganzer Strom Beutegieriger in das dem Verderben geweihte Haus. Alles, was nicht weggetragen werden konnte, wurde zertrümmert oder zu den Fenstern hinausgeworfen.- Und Reb Schwartz? Als er sah, wie der Pöbel zu Tausenden angezogen kam und vor seinem Hause Halt machte, sank sein trotziger Muth und seine Zuversicht bedeutend. Er besaß aber noch so viel Ueberlcgung. zu veranlassen, das; seine Familienangehörigen sich aus den Speicher flüchteten, der ebenfalls durch eine schwere Bohlenthüre abgeschlossen war. Er selbst blieb bis zuletzt auf der obersten Treppe stehen, um das Eindringen des Pöbels in's Haus abzuwarten, dann zog er sich ebenfalls zurück. Aus dem furchtbaren Skandal, der durch das Zertrümmern der schweren Möbelstücke entstand, konnte Reb Schwartz zu seinem Schmerze wahrnehmen, mit welcher Berserkerwuth sein Eigenthum vernichtet wurde. Immer höher, von Stock zu Stock, rückten die Zerstörer, alle Thuren wurden aufgebrochen, zum Theil auch die Zimmerböden aufgerissen, um nach Geld zu suchen. — Wenn die Horde bis auf den Speicher drang, was dann? — Dann waren sie alle verloren! Reb Schwartz stand völlig rathlos der leise weinenden Frau und seinen Kindern gegenüber. Hätte er doch auf die Andern gehört und sein Haus mit den Seinen verlassen! Aber sein unbändiger Stolz hatte es nicht zugelassen, und Gott strafte ihn nun. Da— was war das? — „Aufgemacht!" rief eine drohende Stimme von der Speichertreppe her, und gleich darauf wurde ein furchtbarer Schlag gegen die Thüre geführt. Die Frauen fingen laut an zu. weinen. Reb Schwartz aber fiel auf seine Knie und betete: „Allmächtiger! Schütze uns! Ich flehe Dich an, o Gott Israels, rette uns. rette wenigstens die Meinen vor Schande und Schmach und Tod!" „Aufgemacht da drinnen." „heraus mit Euch Judenpack." „schlagt die Thüre ein!" tönten jetzt draußen viele schreiende Stimmen durcheinander und wuchtige Axthiebe wurden gegen die Thüre geführt. Samuel konnte das Toben und Schreien des rasenden und tobenden Pöbels deutlich hören. Und als er die Wahrnehmung machte, daß es die wilden Horden speziell auf das Haus des Reb Schwartz abgesehen hatten, hielt es ihn nicht mehr in der Stube. Er stieg auf den Speicher, denn von hier aus konnte er in das Anwesen Reb Schwarh's hinübersehen. Diebeiden Grundstücke stießen in den Höfen zusammen, während die beiden Häuser seitlich durch eine schmale, hohe Dachfirst verbunden waren. Als" Samuel bemerkte, daß die Plündererbande bereits in das Innere des Hauses eingedrungen war. da überkam »ihn eine furchtbare Aufregung. Seine Recha in Gefahr! Er mußte hinüber, er mußte versuchen, sie zu retten und sollte er dabei fein Leben lassen. Samuel überlegte einen Moment, dann stürmte er hinunter in den Hof, holte sich ein in dem Hintergebäude liegendes langes Seil und eilte in großen Sätzen wieder auf den Speicher. Hier befestigte er das Seil, so fest er konnte, an einen Balken, führte dasselbe durch die Dachlucke, schlüpfte selbst hinaus auf das Dach und ging dann langsam. Schritt vor Schritt, stets das Seil nachlassend, den halsbrecherischen Weg über die Dachfirst dem Nachbargebäude zu. Er kam auch, immer den Tod vor Augen, glücklich hinüber. Hier zog er das Seil möglichst straff an und schlang es dann um den Schornstein. Auf diese Art hatte er einen Halt geschaffen, um den gefahrvollen Weg "besser paffirbar zu machen. In diesem Augenblick hörte er lautes Weinen aus einer der Dachlucken dringen, auch die betende Stimme Reb Schwarh's drang zu ihm heraus. Jetzt galt es rasch handeln. Es schien die höchste Gefahr im Anzuge. Er rutschte auf die Lucke zu und rief hinein: „Recha! Recha! Hierher!" Das Weinen verstummte und gleich darauf tauchte der Kopf Recha's aus. dem Dachfenster. „Du bist's, Samuel! O rette uns, rette uns!"