Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 25-26 (29.3.1904)
- Date
- 1904-03-29
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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580 so weit gelegt, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde zusammenberusen werden konnte. Es wurde eine große Belohnung ausgesetzt für denjenigen, der über den Verbleib des Kindes solche Auskunft geben konnte, daß es möglich war, es seinen Eltern zurückzustellen. Dieser Aufruf wurde seitens der Rathsdiener an allen öffentlichen Plätzen der Stadt an die Mauern geschlagen. Trotzdem rotteten stch Mittags an verschiedenen Plätzen Pöbelhaufen zusammen, die lärmend und Drohungen gegen die Juden ausstoßend durch die Straßen zogen. Ausgesandte Kundschafter berichteten, daß die Erregung des Volkes stetig im Wachsen begriffen sei und nlan sich auf das Aeußerste gefaßt machen müsse. Im Hause des Reb Schwartz war die Angst und Aufregung auf's Höchste gestiegen. Man wußte, daß die Wuth des Pöbels sich in erster Linie gegen das Haus richten würde, in dem das Kind angeblich verschwunden war. Die Hausthüre wurde mit dicken Balken unpassirbar gemacht, die eingeworfenen Fenster mit Brettern zugenagclt und Wasser bereit gestellt, um es bei einem ausbrechenden Brande bei der Hand zu haben. So glaubte Reb Schwartz hinlänglich Vorsorge getroffen zu haben, um einem Ansturm des Pöbels Stand halten zu können. Der Vorsteher hatte ihn wiederholt gebeten, während der heiligen Pesachtage mit seiner Familie zu ihm, Reb Amsel, überzuüedeln. aber nichts vermochte Reb Schwartz zu bewegen, sein Hab und Gut im Stiche zu lassen. Die Flüchtlinge aus Speyer und Würzburg hatte man in unauffälliger Weise bei den verschiedenen Gemeindemitgliedern untergebracht, da die Armen unter keinen Umständen im Hause Reb Schwartz verbleiben wollten.- Der Tag neigte stch allmählich seinem Ende zu und der Beginn des heiligen Pesachfestes rückte näher und näher. Auch Reb Goldscheider war mit seinen Zurichtungen zunl Pesachfeste fertig, und Vater und Sohn besprachen noch einmal das unerklärliche Verschwinden des Mädchens, während der alte Goldscheidcr in einem heiligen Buche studirte. - „Wurde denn auch Alles gethan, Vater, was zum Auffinden des Kindes beitragen konnte? Es müßte doch irgend ein Anhaltspunkt gefunden worden sein!" „Daß unsere Gemeinde Alles aufbot, um' Klarheit in die Sache zu bringen, ist selbstverständlich, und doch war alles vergebens. Glaube mir. mein Sohn, wir befinden uns auf einem Vulkan, kommt er zum Ausbruch, dann webe, wehe uns!" - „Wenn nur Reb Schwartz -zu bewegen wäre, mit den Seinen sein Haus zu verlassen! Findet ein Angriff des Pöbels statt, so richtet sich die Volkswuth zuerst gegen es. Er ist mit seiner Familie rettungslos der Willkür dieser wüthenden Horde ausgesetzt! — Vater, lieber Vater, ich hätte eine Bitte an Dich, gewähre sie mir!" „Um was bittest Du, mein Sohn?" „Laß mich zum Schuhe Recha's hinübergehen zu Reb Schwartz! Ich vergehe hier vor Angst um ihr Schicksal, und wenn ich mir denken sollte, daß das Mädchen in ihrer Roth vielleicht vergeblich nach mir um Hülfe rufet — ich mag es nicht auszudenken!" Und erregt sprang der junge Mann auf. „Vater, Vater, laß mich gehen!" bat er noch einmal, indem er flehend vor demselben stehen blieb. „Und Deine Eltern, sollen diese ganz ohne Schutz sein? Dein Großvater, Deine Mutter-" „Halt ein, Vater! Ich ertrag es nicht. Wenn Du glaubst, daß auch Ihr des Schutzes bedürfen solltet, dann bleibe ich selbstverständlich hier!" „Geh' nur, mein Sohn! Mit Gottes Hülfe werden wir hier wohl von den Insulten des fanatischen Pöbels verschont bleiben, denn derselbe hat es stets auf das Plündern bei reichen Glaubensgenossen abgesehen!" Und Reb Goldscheider segnete seinen Sohn. „Sehe Dich nicht unnöthig der Gefahr aus. Samuel! Du bist der Trost und die Hoffnung unseres Alters!" „Laß ihn ziehen zum Guten!" mischte stch plötzlich der Greis in das Gespräch, „laß ihn ziehen! der Ewige beschützt ihn?" Samuel drückte Vater und Großvater innig dankend die Hand und eilte dann hinaus, um auch der Mutter einen Abschiedsgruß zu sagen und darauf schnellstens das Haus zu verlassen. Kaum zehn Minuten später kehrte er betrübt zurück. Reb Schwartz hatte ihm den Einlaß verweigert und ihm noch höhnend zugerufen, ob er, Samuel, bei ihm Schuh suchen wolle; er solle nur zu Hause bleiben, seines Vaters Haus werde nicht gestürmt von dem Pöbel, da sei ia nichts zu holen. Reb Goldscheider tröstete seinen verzweifelten Sohn. „Mer weiß, wozu es gut ist? Gottes Wege sind oft wunderbar!" tönte die Stimme des alten Großvaters dazwischen.- Kaum eine halbe Stunde war verflossen, als man aus der Ferne ein dumpfes Brausen, ein tausendstimmiges Geschrei und Gejohle vernahm. Eine ungeheure Menge wälzte sich, vom Markte herkommend, in die Schustergasse hinein. Das fanatisch entflammte Volk schien ein bestimmtes Ziel zu haben, denn ohne die jüdischen Häuser und Geschäftsläden, an denen es vorbeizog, zu beachten, strebte die Menschenmasse unaufhaltsam vorwärts. Vor dem Hause Reb Schwartz angekommen, machte die unheildrohende Volksmenge Halt; ein sein-