Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 25-26 (29.3.1904)
- Date
- 1904-03-29
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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579 Am kommenden Morgen in aller Frühe wurde der Vorsteher der jüdischen Gemeinde durch einen Gemeindediener aus das Rathhaus befohlen. Reb Amsel ahnte nichts Gutes. Als er dort angelangt war, wurde ihm vom Bürgermeister bekannt gegeben, daß eine Anschuldigung gegen die jüdische Gemeinde vorliege, das fünfjährige Kind eines Schuhmachers gestohlen und versteckt zu haben. Die Eltern des Kindes behaupteten, daß sie das Mädchen am Tage vorher mit repararirten Stiefeln in ein Judenhaus in der Schustergasse geschickt hätten, von wo es nicht mehr zurückgekehrt sei. Der Bürgermeister ermahnte den Vorsteher, alles aufzubietcn, um die Sache aufzuklären. Denn, bei der Erregung des Volkes könne er für nichts bürgen. Die Bestürzung Reb Amsels war groß. Er bat den Bürgermeister, die Eltern des vermißten Kindes jetzt gleich sprechen zu dürfen, was ihm auch erlaubt ward. Gleich darauf betraten eine weinende Frau und ein robust aussehender Mann das Zimmer. Als die Frau den Vorsteher erblickte, schrie sie auf: „Gebt mir mein Kind wieder, gebt mir mein Kind wieder! Ihr elenden Juden habt mir mein Kind gemordet." Und wie wüthend stürzte sie auf den völlig fassungslosen Vorsteher zu. Soviel sich auch Reb Amsel bemühte, das Weib zu beruhigen, es gelang ihm nicht. Immer lauter und lauter wurde ihr Geschrei, so daß sich bereits vor den Fenstern Neugierige ansammelten. Der Bürgermeister brachte es schließlich zu Wege, daß die Frau so lange schwieg, bis ihr Mann einen genauen Bericht über das räthselhafte Vorkommniß gemacht. Als hierauf Reb Amsel versicherte, genaue Erkundigungen einholen zu wollen, um dem Verbleib des Kindes auf die Spur zu kommen, gab sich das Weib nicht zufrieden, sie wollte ihr Kind sofort haben. Sie weinte und tobte wie rasend und stürzte, als der Vorsteher sich entfernen wollte, an's Fenster, riß dasselbe auf und schrie der Menge vor dem Hause zu: „Die Juden haben mir mein Kind gestohlen und gemordet! Hört es, Ihr Bürger, die Juden brauchen Christenblut!" Ein Rathsdiener riß das Weib zwar sowrt vom Fenster hinweg; es war aber schon zu spät. Wie ein Funken in ein Pulverfaß, so wirkte diese Anschuldigung auf die Volksmenge. Rufe wie: „Schlagt sie todt, die Mörder!" „Auf den Scheiterhaufen mit der Judenbrut!" wurden ausgestoßen. Als in diesem Augenblick Reb Amsel auf die Straße trat, wurde er sofort umringt und von allen Seiten erhoben sich drohende Fäuste. Es wäre sicher um das Leben des Bedrängten geschehen gewesen, hätte nicht der Bürgermeister, der die gefahrvolle Lage des jüdischen Vorstehers gewahrte, sofort einige RathSdicner zum Schutze desselben hinausgesandt. Diesen gelang es mit vieler Mühe, Reb Amsel bis an da8 Haus des Reb Schwartz in der Schustergasse zu bringen, da sich der lobende und schreiende Pöbel mittlerweile zu Tausenden angesammelt hatte und ein Weiterkommen unmöglich war. Die Rathsdiener pochten gegen die verbarrikadirte Hausthüre und begehrten, daß Reb Amsel eingelassen würde. Durch das heftige Pochen und Hämmern wider die Thüre veranlaßt, zeigten sich plötzlich an verschiedenen Fenstern des Hauses ängstlich auf die Volksmenge blickende bleiche Gesichter. Da drängte sich, wüthend gestikulirend, die Mutter des verlorenen Kindes durch die Reihen und rief schreiend: „Gebt mein Kind heraus, mein Kind will ich haben? Seht. Ihr Leut', hier sind sie versammelt, die elenden Juden, um mein Kind abzuschlachten! Hier in dieses Haus wurde mein Kind hineingelockt!" Der Pöbel brach in ein förmliches Wuthgeheul aus und drängte dichter an die Thüre heran. Die Rathsdiener trieben mit vieler Mühe die aufgebrachten Horden zurück. Bei dem dadurch entstandenen Tumult gelang es Reb Anisel, in die Thüre zu schlüpfen, die sofort wieder von innen durch allen möglichen Hausrath verrammelt wurde. Als der Pöbel sah, daß ihr Opfer entschlüpft war, richtete sich seine Wuth in verdoppeltem Maße gegen das Haus. In wenigen Minuten waren sämmtliche Fensterscheiben in den oberen Stockwerken eingeworfen — im Erdgeschoß waren die Fenster mit dicken Holzläden geschlossen — und bereits schrieen etliche nach Leitern, um einzusteigen und das Haus im Innern zu demolrren, als eine größere Zahl bewaffneter Knechte erschien, um die Menge auseinander zu treiben. Wie dankten die Eingeschlossenen auf den Knien inbrünstig dem Allmächtigen für die Rettung aus höchster Gefahr. Reb Amsel berichtete dem Hausherrn über den sonderbaren Vorfall mit dem verschwundenen Kinde, und da stellte sich heraus, daß ihatsächlich das Mädchen am Nachmittag des vorhergehenden Tages im Hause gewesen und die reparirten Stiefel Reb Schwartz gebracht hatte. Sonst war nichts zu erfahren, trotzdem alle Insassen des großen Hauses auf's genaueste ausgefragt wurden. Niemand verhehlte sich die gefährliche Situation, in der die jüdische Gemeinde sich befand, wenn der mysteriöse Vorfall nicht schnellstens aufgeklärt wurde. Die Knechte und Rathsdiener drängten die Menge nach und nach aus der Schustergasse, und gegen Mittag hatten sich der Tumult und die Aufregung in der Stadt