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Der Israelit · 1904-03-29 · Heft 25-26 (29.3.1904) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 25-26 (29.3.1904)
Date
1904-03-29
Page
– (sequence 26)
Language
German
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578 „Habt Jhr's schon gehört. Reb Goldscheider, in Speyer und Würzburg mordet man unsere Glaubensgenossen! Soeben trafen einige Flüchtlinge ein; sie sind drüben in der Schul!" „Boruch dajon eines," rief Reb Goldscheider fchreckensvoll. „der Allmächtige beschütze uns!" „Furchtbares haben die Armen erlebt!" fuhr der Schammes fort. „Man beschuldigte sie des Kindesmords! O, Reb Goldscheider, kommt gleich in Schul, die ganze Gemeinde muß berathen, was geschehen soll." Und hinaus stürmte er wieder, um seine Schreckensbotschaft weiter zu überbringen. Reb Goldscheider schickte sich sofort, an, nach Schul Zu gehen. „Vater, ich geh' mit." sagte sein Sohn Samuel und wollte sich ebenfalls erheben. „Nein, Du bleibst beim alten Großvater und der Mutter, lieber Sohn, sie dürfen nicht ohne Schutz sein in diesen schweren Zeiten." Und Goldscheider verließ das Zimmer. Als er an der Ecke in die Schustergasse einbog, begegnete ihm Reb Zacharias Schwartz, dessen Haus unmittelbar neben der Schul gelegen war. Reb Goldscheider begrüßte denselben freundlich, doch dieser fand es nicht für nöthig, selbst mit einem nur kurzen Nicken des Kopfes den Gruß Goldscheiders zu erwidern und eilte schnell an ihm vorbei. Vor zwei Jahren, als Reb Goldscheider noch reilb war und sein Sohn Samuel als gute Partie galt, war Zacharias Schwartz eitel Freundschaft und Liebe zur Familie Goldscheider, denn er hatte Samuel in Gedanken bereits als Schwiegersohn gesehen — als Gatten seiner ältesten Tochter Recha. Die beiden jungen Leute betrachteten sich schon als Verlobte und waren sich innig einander zugethan, denn beider Väter Segen war ihnen gewiß. Da geschah der Diebstahl bei Goldscheider. der dessen Verarmung mit sich brachte, und vorbei war es mit allen Zukunftsträumen der Beiden, Reb Schwartz wollte von einem vermögenslosen Schwiegersöhne nichts wissen. Da aber Recha von anderen, selbst reichsten Partien, auch nichts wissen wollte, so betrachtete Reb Schwartz die Familie Goldscheider als die eigentliche Ursache dieser Weigerung und war darum auf alle Mitglieder derselben nicht gut zu sprechen. Als Reb Goldscheider die Synagoge betrat, war die Gemeinde schon fast vollzählig versammelt. Die ungeheuerlichsten und haarsträubendsten Raub- und Mordgeschichten wurden in der. erregten Menge kolportirt und besprochen; da sollte der Pöbel in Speyer auf eine falsche Anklage hin wegen Kindesmordes unaussprechliche Scheußlichkeiten an jüdischen Gemeindemitgliedern verübt haben, in Würzburg seien mehrere Juden verbrannt worden, Frauen geschändet, überhaupt das ganze Judenviertel ausgeraubt worden. Inmitten der heftig gestikulirenden Menschenmenge'. standen einige Männer und Frauen in beschmutzten und zerrissenen Kleidern, die wehklagend von dem über sie hereingebrochenen Unglück berichteten. Der Lärm dauerte bereits längere Zeit, als es endlich dem Vorsteher gelang, sich Gehör zu verschaffen. „Rabbaußai, hört mich an! Wir müssen zu einem Entschlüsse kommen, bevor uns das Unheil auch hier erreicht. Wir müssen Maßregeln ergreifen, uns zu schützen; denn wenn mich nicht alles trügt, so sehen wir auch hier schweren Tagen entgegen!" Es herrschte jetzt lautlose Stille. „Rabbaußai! Wir stehen vor Pesach," fuhr der Vorsteher fort, „Ihr wißt alle, daß vornehmlich, in diesen Tagen von unfern Feinden Lügen verbreitet werden, daß unsere heilige Religion in den Schmutz gezerrt, daß uns die ungeheuerlichsten Thaten angedichtet werden, uni einen Grund zu finden, über uns herzufallen!" Von allen Seiten wurde dem Vorsteher zugestimmt. „Also, Rabbaußai! Vermeidet es, so viel Ihr könnt, auf der Straße Euch sehen zu lassen, denn gerade vor unserem heiligen Pesachfeste kann der geringfügigste Umstand Veranlassung zu den größten Greuelthaten geben! Vermeidet jeden, auch den geringsten Anlaß zu Zank und Streit mit Euren christlichen Mitbürgern, und der Allmächtige wird uns nicht verlassen und uns beistehen in diesen schweren Tagen." Ein beifälliges Gemurmel folgte diesen Worten. Aus der Versammlung heraus wurden nun verschiedene Vorschläge gemacht, betreffs der Unterbringung der Flüchtlinge, aber alle erwiesen sich als unausführbar. Endlich meldete sich Reb Goldscheider zum Wort. Er erbot sich, da in seinem Hause der Raun, dazu vorhanden, fünf der Flüchtlinge aufzunehmen. Als Reb Schwartz dies vernahm, schrie er laut in die Versammlung hinein: „Ich nehme sie Alle bei mir auf!" und warf einen triumphirenden Blick auf Goldscheider. Der Vorsteher stellte den Flüchtlingen anheim, beide Anträge anzunehmen. Diese entschieden sich für Schwartz. Bevor die Versammlung auseinander ging, ermahnte der Gemeindeälteste nochmals alle Anwesenden. Vorbereitungen zu treffen, auf daß sie jeden Augenblick in der Stunde der Gefahr bereit wären, die Flucht zu ergreifen. In den Straßen von Mainz fanden bereits am selben Abend Zusammenrottungen des Pöbels statt, denn auch in den niederen Volkskreisen hatte sich das Gerücht von den Judenverfolgungen in Würzburg und Speyer verbreitet. Drohrüfe und Verwünschungen gegen die Juden wurden laut, aber weiter wagte der Pöbel noch nicht vorzugehen.

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