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Der Israelit · 1904-03-29 · Heft 25-26 (29.3.1904) · page 25

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 25-26 (29.3.1904)
Date
1904-03-29
Page
– (sequence 25)
Language
German
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29. s»«n 1804.1 PZMxrsk. JBtäUgß m M. LS & LA. l»r. 1« ftfm <SO ür das ^qaiatt^ic fr ab« nsa»f» 2T1IE5 eitt von Linil Knegten, Mainz. lNachdruck verboten. Es war im Frühjahr des Jahres 1146. Fast überall in Deutschlanv gährte es in den breiteren Volksschichten. Die Lasten und Abgaben des Volkes waren Unerschwingliche gestiegen und an jedem kommenden Tage fürchteten die damaligen Machthaber einen Ausbruch der entfesselten Volksleidenschaften. Um dem Pöbel einen Ablenker für den immer wachsenden Unwillen zu schaffen, wurden die unsinnigsten Lügen und Verleumdungen gegen den wehrlosesten Theil des Volkes, gegen die in allen Landern gehetzten, verfolgten und rechtlos gemachten Juden verbreitet. Auch hier in Mainz zitterten die Juden tagtäglich um ihr Eigenthum, ja um ihr Leben. Die jüdischen Bürger waren auf den Straßen den rohesten Insulten ausgesetzt und jüdische Frauen konnten nicht mehr ohne männlichen Schutz das Haus verlassen. Gerne hätten die Juden von Mainz die ungastliche Stadt verlassen, aber wohin sollen sie sich wenden? Nirgends wären sie ausgenommen worden, überall waren sie ihres Lebens und ihrer Habe nicht sicher; sie waren in Acht und Bann gethan im ganzen Reiche. So rückte allmählich das Pesachselt näher und naher. In der jüdischen Gemeinde rüstete man sich allenthalben zu seiner würdigen Feier; es wurde gescheuert und gereinigt vom Boden bis zum Keller. Das Judenviertel befand sich zur damaligen Zeit in der heutigen Schusterstraße, Betzelsgasse und Carmelitenstraße. Es war lein eigentliches Ghetto, aber die jüdische Gemeinde war trotzdem von allem übrigen Veri ' kehr ausgeschlossen, da es unter den Christen fast als Schande betrachtet wurde, mit einem Juden oder einer jüdischen Familie Umgang zu pflegen. Desto inniger war der Verkehr der jüdischen Gemeindemitglieder. unter einander. Waren sie schon vorher fast wie eine einzige Familie, so schloß sie das Unglück und dw Drangsale nur noch fester und inniger zusammen. Sie suchten sich gegenseitig Trost zuzusprechen in dieser schweren, unheilschwangeren Zeit. In der Betzelsgasse wohnte damals in dem Hause „Momblesier" die Familie Pistor Goldscheider. Sie bestand aus dem a?-n Goldscheider, einem patriarchalisch aussehenden, gebrechlichen Greise, der im Rufe eines großen Kabbalisten stand, dessen Sohn nebst Frau und dem 26jährigen Enkel Samuel." Einst zu den Reichsten der Gemeinde zählend, war sie durch fortgesetzte Schicksalsschläge nahezu verarmt. Durch einen nächtlichen Einbruch in dem Hause Goldscheiders zwei Jahre vorher, bei dem das vorhandene Geld nebst allen Werthpapieren und Urkunden gestohlen worden, wurde die Familie fast an den Bettelstab gebracht. Doch ungebeugt nahm sie auch diesen vernichtenden Schlag als eine Schickung Gottes hin. Drei Tage vor Pesachanfang saß die Familie um den Mittagstisch, und der alte Goldscheider hatte gerade den Segenssprnch über das Brod gesprochen, üls plötzlich die Thüre ausgerissen wurde und der Scham-! mes der Gemeinde hereinstürmte.

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