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Der Israelit · 1904-03-29 · Heft 25-26 (29.3.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 25-26 (29.3.1904)
Date
1904-03-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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L53 auch sie sich heute zeitiger von ihrem Lager, um in seiner Gesellschaft das Frühstück einzunehmen. Gegen neun Uhr schickte sie hinüber und ließ fragen, ob es ihm jetzt gefällig wäre. Die Kammerfrau kam zurück und berichtete, der Herr Baron habe noch nicht geschellt, ' sein Bedienter vermuthe. daß er noch schlafe. Auch ' der Herr Graf wäre nicht sichtbar. Die Gräfin nahm daher, wie gewöhnlich, das Frühstück in ihrem Boudoir ein. Nach einer halben Siunde, lieh sie abermals \ fragen, ob ihr Vater noch nicht erwacht wäre, und gegen zehn schickte sie nochmals hinüber — immer die i gleiche Antwort. Als sie jedoch nach Verlauf einer i halben Stunde abermals fragen lieh, trat ihr Gatte | in Begleitung ves Arztes in ihr Zimmer. Nach der! gegenseitigen Begrüßung, wandte sie sich an den . Grafen:' „Ich bitte Dich, Gustav, sieh' Dich nach dem Papa ' um, ich habe schon dreimal hinüber geschickt und höre immer, daß er noch nicht geschellt hat. Ich kann mir kaum denken, daß Papa noch schlaft." „Das kann ich mir auch nicht denken," erwiderte - er, indcni er es vermied, ihrem auf ihn gerichteten Blicke zn begegnen. „Ich habe vorausgesehen, daß Du | beunruhigt sein wirst und habe deßhalb Hern Doktor Keßler herbitten lassen." „Das ist sehr freundlich von Dir." entgegnete sie. ' ihm zunickend, „aber wenn Du den Herrn Doktor hinüber führen wolltest —" „Ich bin schon drüben gewesen," sagte Keßler ernst. „Sie sind schon drüben gewesen? — Nun, wie > finden Sie meinen Vater? — ist er in Wirklichkeit leidend?" „Nein, gnädige Gräfin, der Herr Baron leidet j nicht — hat auch nicht viel gelitten." fügte er mit seit-; samer Betonung hinzu. > Sie blickte betroffen auf die ihr Gegenüberstehen- - den, auf beider Angesicht lagerte tiefer Ernst. Unwilli -kürlich wiederholte sie die Worte des Arztes: „Hat : auch nicht viel gelitten? — Was soll das heißen?" - „Steffi, liebe Steffi!" sagte der Graf, indem er, j wie um sie zu stützen, den Arm um ihre Taille legte, j „kannst Du Dir nicht denken, was das heißen soll?" j Sie starrte ihn an wie geistesabwesend, daun stieß! sie einen gellenden Schrei aus und stürzte zur Thür. j Beide Herren eilten ihr nach und suchten sie aufzubalten, doch wie eine Schlange entwand sic sich ihnen und ohne daß sie es hindern konnten, hatte sie das Sterbezimmer erreicht und sich laut weinend über die Leiche ihres Vaters geworfen, dessen Angesicht sie mit ihren Küssen und Thränen bedeckte. Ihr wildes Schluchzen durchhallte das Haus, bleich und bestürzt schlichen die Dienstboten einher. Vergebens bat der Arzt, flehte der Gatte, sie möge > das Sterbezimmer verlassen. « „Gnädige Gräfin, ich bitte inständigst —" „Steffi! Nm's Himmelswillen! Du wirst Dich noch krank machen!" Sie hörte auf Keinen. Wilder und wilder ward ihr Schluchzen, lauter und gellender die Schreie ihrer Verzweiflung, bis sie in einem erschreckenden Nerven - anfall zu Boden stürzte. „Das war vorauszusehen." sagte der Graf, indem er mit Hilfe des Arztes und der Kammerfrau die in allen Gliedern Bebende hinüber in ihr Zimmer trug. Der grauenvolle Anfall währte mehrere Stunden, bis sie mit dunkel glühenden Wangen und rothen verschwollenen Augen vollständig erschöpft dalag. Auch an den folgenden Tagen war sie nicht im Stande, das Bett zu verlassen, vermochte nicht einmal der Beisetzung der Leiche, die mit großem Pompe vollzogen ward, beizuwohnen. Ihr Gatte umgab sie mit zartester Fürsorge, einerseits ging ihm ihr Schmerz in Wirklichkeit an's Herz, andererseits war sie durch den Hintritt ihres Vaters Erbin eines ungeheuren Vermögens geworden, man sprach sogar von einer Milliarde. Aber die Gräfin achtete wenig auf die Trostesworte und die Aufmerksamkeiten des Gemahls ebensowenig. als auf das freundliche Zureden der ihre Theilnahme ausdrückenden Verwandten; nur wenn ihr Arzt in freundlich theilnehmenden Worten sich nach ihrem Befinden erkundigte und ihr Muth zusprach, dann schien sie aus ihrer Theilnahmslosigkeit zu erwachen. Die Katastrophe im Hause des Grafen Steinkels hatte das Renommee des jungen Arztes überaus gefördert. Sowohl der Graf, als auch die Freunde, die an jenem verhängnißvollen Abende seine Gäste gewesen waren, erzählten überall, daß der Verstorbene während des ganzen Abends frisch und munter gewesen wäre, und dennoch hatte der Arzt, der ihn früher nie gesehen, sofort seine ernsteste Besorgniß ausgesprochen. Von Tag zu Tag wuchs die Zahl der seine Hilfe Suchenden, so lange als möglich folgte er jedem Rufe, doch als der Winter zu Ende ging, fühlte er, daß wenn er in dieser Weise fortarbeiten würde, auch seine Kräfte bald zu Ende gehen würden. Er entschloß sich daher dem Drängen befreundeter Kollegen nachzugeben und eine mehrwöchentliche Erholungsreise anzutreten. Am Tage vor seiner Abreise besuchte er den Grafen Steinfels, um ihm mirzutheilen, daß er für einige Zeii leine wöchentlichen Besuche aussetzen müsse. ..Man'steht es Ihnen an." sagte der Graß' „Erholung ist Ihnen noihwendig. Meine Frau hat es erst gestern gesagt. Sie richten sich zu Grunde, wenn Sie's in dieser Weise weiter treiben." Keßler zuckte die Achseln.

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