Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 24 (24.3.1904)
- Date
- 1904-03-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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527 denn wenn es ihr auch angenehmer gewesen Ware, ihn für sich allein zu haben, hoffte sie doch durch den Vorschlag des Grafen, weit länger mit ihm zusammen zu sein. Und überdies hin und wieder namentlich im Winter, war der Graf einige Tage abwesend, denn er war ein leidenschaftlicher Jager und versäumte ungern eine Jagd, da wokte sie dann schon sorgen, daß ihr Zusammensein mit dem Freunde nicht durch Fremde gestört werde. Vorläufig war es jedoch dazu noch nicht gekommen. Der Verkehr im Hause des Grafen Steinfels hatte das Ansehen des jungen Arztes sehr gefördert, bald gehörte es zum guten Tone, sich von ihm behandeln zu lassen, und seine Praxis nahm in einem Maße zu, daß er sie größer kaum hätte bewältigen können. Seit einigen Tagen weilte Baron Holm, der Vater der Gräfin Steinfels, als Gast im Hause seiner Tochter. Seit Jahren war er nicht in der Stadt gewesen, doch die hier stattfindende Vermählung «nes Neffen hatte ihn hergeführt und die Bitte seiner Steffi ihn bewogen, seinen Aufenthalt hier auf kurze Zeit zu verlängern, obgleich er sich, wie er scherzend äußerte, dem Adler gleich, zu seinem Felsenneste zurücksehnte. An dem Abend, an dem Doktor Keßler, wie vereinbart, ihr Gast war, hatte ihn die Gräfin ihrem Vater vorgestellt. Der alte Herr hatte ihm vor allem seinen Dank ausgesprochen für die Sorgfalt, die er den Mittheilungen feines Kindes zufolge, seiner Tochter hatte zu Theil werden lassen und hatte sich dann noch längere Zeit mit sichtlichem Wohlgefallen mit ihm unterhalten. Dann waren noch einige Freunde gekommen, man war zu Tisch gegangen, bei dem eine sehr animirte Stimmung herrschte. Nach dem Essen jedoch hatte der Arzt den Hausherrn um eine Unterredung gebeten. „Gleich, lieber Doktor, gleich stehe ich zu Ihren Diensten — das heißt, wenn's nicht eilt —" „Auf einige Minuten kommt es vielleicht nicht an. aber ich möchte sehr bitten, nicht zu zögern." „Die Sache scheint ja doch dringend zu sein, also kommen Sie sofort hinüber in mein Zimmer." Er ging voraus, Keßler fotzte ihm in sein Arbeitszimmer. „Also Herr Doktor, ich bin zu Ihrer Disposition — Aber was haben Sie? Sie machen ja ein verteufelt ernstes Gesicht." „Ich wünschte, daß die Situation weniger ernst wäre. Aber ich muß mir erlauben, darauf aufmerksam zu machen, daß Ihr Herr Schwiegervater gegen eine ernste Indisposition ankämpst." Der Graf blickte ihn betroffen an. „Mein Schwiegervater soll sich unwohl fühlen? Doktor, Sie sehen Gespenster, er ist ja frisch und munter. Aber Sie kennen ihn nicht, Baron Holm setzt oft solch eigenthümliche Menen auf. Der.Arzt zuckte die Achseln. „Ich wünschte, daß ich mich irre, aber ich furchte sehr, daß ich mich nicht irre. Jedenfalls wäre eS gut. den Herrn Baron zu veranlassen, sich baldigst niederzulegen." „Dazu wert« ich ih« auffordern, für emenalten Herrn ist es ohnehin nicht zu früh." „Der Herr Baron schläft doch nicht allein?" „Sein langjährtzer Bedienter schläft im Vorzimmer." „So müßte die Verbindungsthür offen sein. Und — ich bitte mich nicht für zudringlich zu Hallen, Herr Graf, aber wenn Sie gestatten, würde ich über Nacht hier bleiben, es dürfte ärztliche Hilfe erforderlich werden — und je früher diese zur Stelle wäre Der Graf wechselte die Farbe. „Ich begreife Ihre Befürchtungen nicht, ' habe keine Ahnung, was Sie furchten. Aber ließe sich denn dem nicht Vorbeugen?" „Wenn der Herr Baron vielleicht aufmerksam gemacht würde, daß er ermüdet aussieht, so würde er sich höchst wahrscheinlich über irgend etwas beklagen, da ließe sich möglicherweise erleichternd eingreifen." „Wenn die gnädige Frau nur veranlaßt werden könnte, sich früher zur Ruhe zu begeben." „Das wäre allerdings sehr wünschenswerth, meine Frau ist gleich ängstlich, aufgeregt, möchte das Unterste zu Oberst kehren, ich aber hoffe noch immer, daß Sie sich geirrt haben, Doktor, doch für jeden Fall rechne ich auf Ihre Anwesenheit." Die Herren begaben sich wieder hinüber zu den andern, der Graf zog seine Gemahlin bei Seite. „Steffi, der Doktor meint, es wäre Zeit, daß der Papa zur Ruhe käme, er findet ihn etwas ermüdet aussehend." „Ja, das ist mir auch so vorgekommen, aber der Papa will noch nicht zu Bett gehen." „Das ist selbstverständlich, so lange Du dabist, zieht der Papa sich nicht zurück. Darum würde ich Dir rathen, Schläfrigkeit vorzuschützen und gut Nacht zu sagen, dann werde ich schon dafür sorgen, daß der Papa baldigst in's Bett kommt." „Du hast recht, ich werde mich sofort zurückziehen." Sie umarmte ihren Vater, bat um Entschuldigung, daß sie nicht langer bei ihm bleibe, aber sie fühle das Bedürfnis, sich niederzulegen. Dann nickte sie den andern freundlichst zu und verließ das Zimmer. Jetzt erst wandte sich der Graf an seinen. Schwiegervater mit der Frage, ob er sich nicht ganz wöhl fühle. Der Baron athmete schwer auf. und strich mit der Hand über die gefurchte Stirn7 Schon den ganzen Abend fühle er sich nicht wie gewöhnlich, doch in Gegenwart seiner Tochter habe er nichts davon erwähnen.wollen. „Das war aber unrecht von Ihnen, lieh« Papa." sagte der Graf, „namentlich da doch unser. Arzt während des ganzen Abends anwesend war, er hätte Ihnen etwas verschreiben können und Sie hatten..sich ver-