Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1904)
- Date
- 1904-03-21
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450009--60339-2521241- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
517 sätzen über biblische und rabbinische Stoffe, die in den weitaus meisten Fallen ganz neue Forschungsergebnisse aus dem betreffenden Wissensgebiete bringen. Sie sind für Theologen nicht minder lehrreich wie für Laien. Aus der Fülle des Inhalts seien hervorgehoben die vortrefflichen, an Umfang fast an Abhandlungen heranreichenden Artikel über „Juden in Europa", „Juden in Egypten", von Max Müller über „Juden in Frankreich", und endlich als ganz besonders bemerkenswerth der Aufsatz „Juden in Deutschland" (Germany) von dem Breslauer Historiker Professor Dr. Bran, dem Nachfolger von Professor Grätz. Von allgemeinem Interesse dürften ferner die Artikel sein über „Erziehung während der talmudischen Zeiten" von dem bekannten Geschichtsschreiber-des jüdischen Erziehungswesens Dr. Güdemann in Wien, der „Garien Eden" von Montgomery, dem Verfasser der „Briefe aus der Zeit Hamurabis", sodann „Familie und Familienleben" von Guttmacher, „Feste und Fasttage", und die Abhandlung „Ghetto" von Professor Dr. Krauß in Budapest. Fast auf jeder Seite des vorliegenden Bandes wird der Leser einen nach irgend einer Richtung interessirenden Artikel, eine belehrende Notiz finden. Die Illustrationen sind ebenso sauber ausgeführt wie kritisch auf ihre Verwendbarkeit geprüft. Hoffentlich wird das Werk die ihm gebührende Verbreitung finden. I. K. Litterarischer Brief. Sehr verehrte Redaktion! Sie senden mir zwei Schriftchen von Dr. jur. M. de Jonge, betitelt „Hörer Rathenau und Genossen" und „Jerusalem oder Mombassa?" (Berlin 1903. Hugo Schildberger 56 und 63 S. 8°) mit dem Ersuchen, dieselben zu beurtheilen. Mein Urtheil über dieselben läßt sich in sehr wenige Worte zusammenfaffen. Herr de Jonge war in friihercn Jahren jüdischer, antisemitischer Schriftsteller, taufte sich, und glaubte ..auf diesem nicht w.ehr ungewöhnlichen Wege" den Eingang zur Gnadenpforte preußischen Beamtenthums zu finden. Schon war er auf dem besten Wege hierzu. Ministerialdirektor Althoff hatte ihm sogar eine Arbeit über die „Reform der preußischen Universitäten" übertragen. Da kam der Minister Althoff dahinter, er trug Bedenken an de Jong's Person und es mußte „Vertagung" der Arbeit eintreten (vielleicht bis zum jüngsten Tag oder mindestens doch bis zur Einführung eines liberalen Regiments in Preußen). Da entdeckt Dr. M. de Jonge. „der nunmehr eigentlich lieber Moses heißen möchte", fein jüdisches Herz, will sagen vorerstmal nationaljüdisches, er wird Zionist und endlich, Eres Simchas Torah 1903, will er sich wieder umtaufen lassen „in's Jüdische"; ich sage absichtlich in's Jüdische, weil er nicht so ganz Baal teschuwob werden will, ein Jehudi, der Tarjag Mizwaus beachten will, sondern ein Jude mit „evangelischem Vorbehalt", so ähnlich etwa den Judenchristen der ersten christlichen Jahrhunderte. Ja noch mehr, er ist aufgebracht über „Rathenau und Genossen", welche den Juden als Gegengift gegen den Antisemitismus die Assimilation empfehlen, ist aufgebracht über „die Rabbiner und die jüdischen Schriftsteller." weil sie bis jetzt Rathenau noch immer keine entsprechende Abfertigung zu Theil werden ließen. Dieses himmelschreiende Unrecht will de Jonge sühnen und schreibt seine Broschüre „Höret Nathenau und feine Genossen." „Dixi et salvavi auiniaur* sollte man meinen! Doch nein! Dr. Jonge thut noch ein Uebriges, veröffentlicht in der zweiten Broschüre „Jerusalem oder Mombassa" eine ungehaltene Zionistenrede zu dem sechsten Zionistenkongreß. worin er gegen das „Afrikaprojekt" Zctermordio schreit, heute, nachdem England sein Anerbieten zurückgenomen und somit dem Palästinavrojek: gar keine Gefahr doht. Rührend sind die Abfchiedsworte de Jonge's: „Nach Babel, statt nach Basel mit diesem falschen Zionistenkongreß!" Beide Schriften de Jonge's gehören ebenso wie die Rathenau's zu jenen, welchen Effekthascherei ihre Entstehung verdanken und in keiner Weise ernst zu nehmen sind. Durch Rathenau wird Niemand Antisemit, durch de Jonge Niemand Philosemit. Am interessantesten ist der Anhang in beiden Broschüren. Er enthält die Leidensgesüa h*e d? Jcnce's, wie er am Eref Simchas Torah "er Gesellschaft zur Beförderung des Christenthums unter den Juden zu Berlin mittheilt, daß er seine vor zwölf Jahren vollzogene Taufe für null und nichtig erklärt, wie er dem Kgl. Amtsgericht Berlin seinen Austritt aus der Religionsgesellschaft der evangelischen Kirche mittheilt. endlich, wie er die Herren Rabbiner Dr. Frank in Köln und Dr. Eschelbacher in Berlin um Wiederaufnahme in's Judenthum ersucht, was ihm aber — wie de Jonge mit Entrüstung uns erzählt — von Beiden verweigert wird. De Jonge's Entrüstung ist unberechtigt, Dr. Frank und Eschelbacher haben kein Recht, cften 7»udk?. de» Tcsckmwoh thun will, daran zu hindern. Eine „Umlaufe" gibt es bei uns im Judenthum allerdings nich<; denn Aph al pi schechoto Israel und zu Teschuwoh bedarf de Jonge keines Rabbiners. Dies vom theologischen Standpunkte aus, selbst dann, wenn de Jonge z. Z. noch seinen „evangelischen Vorbehalt" hat. Rechtlich allerdings, d. h. in synagogengemeindlichen Verbänden, wird de Jonge mit seinem „evangelischen Vorbehalt" wohl nirgends Aufnahme finden können. Unser wohlgemeinter Rath für ihn ist das Wort, das Rabbi Melr seinem Lehrer Elischah ben Abujab zurikf: „Avh atoh chasaur boch." Es dürften Ihnen diese Zeilen, die Sie in Ihrem werthen Blatte abdrucken können, genügen. Hochachtungsvollst Dr. M. L. B a m b e r g e r. M ü r z b u r g, im Marz 1904.