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Der Israelit · 1904-03-21 · Heft 23 (21.3.1904) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 23 (21.3.1904)
Date
1904-03-21
Page
– (sequence 18)
Language
German
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514 begraben! Dort ein Völkchen, das nicht viel mehr materielle Wünsche hat, als unter seinen Weinstöcken und seinen Feigenbäumen friedlich leben zu können, fast ohne Expansionstrieb, ohne nennenswerthe Errungenschaften in Kunst und Wissenschaft, beständig im Kampfe mit sich selbst — die hebr. Litteratur enthält fast überwiegend Selbstvorwürfe und Selbstanklagen! — und dieses Völkchen hat weitaus den größten Einfluß auf die Menschheit ausgeübt! Welch' anderen Volkes Litteratur hätte eine solche Verbreitung gefunden, wie die des israelitischen? - Indem der Verfasser also die Delitzsch'fchen Behauptungen widerlegt, indem er vielfach seine Ansichten mit der Äibelgläubigkeit in Einklang zu bringen sucht und indem er thatsächlich sehr leicht ist, mit gewissen Modifikationen Anklänge an die jüdische Tradition herauszufinden, erscheint das Schriftchen — unter vollster Wahrung unseres Standpunktes — immerhin lesenswerth und diskutabel. L. A. Glauben und Wissen im Judenthum. Vortrag gehalten am 2. November im Jsraelitisch-Wrssenschafilichen Verein zu Altona von Ahron Marcus, Hamburg 3903. Druck von M. Leßmann, ABC- Str. 57. Im Interesse gründlicher Definition wird zuzunächst die Etymologie der Benennungen Glauben und Wissen geprüft und die jüdischen Beziehungen Emunoh und Joda, bezw. da entgegengestellt. Die Ergebnisse sind: dort Zweifel — hier Festigkeit, dort Erfahrung — hier Besitzergreifung der durch Vernunft und Gefühl gewonnenen Vorstellungsprodukte. Am Tefillingebote wird die Wechselwirkung zwischen Herz und Geist gezeigt und diese Vereinigung, als auf dem Weg der Offenbarung entstanden, nachgewicsen. Aus der Fülle des Stoffes, die der Vortrag bietet, sei nur besonders hingewiescn auf das Abhängigkeitsverhältniß der europäischen Alphabete vom hebräischen,, das sich besonders auch im Zahlenwerthe einzelner Buchstaben Nachweisen läßt, auf die sinnreichen Erklärungen bez. Entstehung der heidnischen Kulten (Nekrophile!) und ihrer Auswüchse, auf die Erklärungen Herders zum 19. Psalm und deren Rektifizirung. auf die Wanderzüge des jüdischen Volksgeistes, auf die verschiedenen philosophischen Systeme bis zu Kant, auf dessen bekannte Thesen und Antithesen, für die er Syllogismen konstruirt, die eben, weil sie nach den Gesehen der Logik gleichwertig erscheinen, in diesem Widerspruche die Unzulänglichkeit der menschlichen Vernunft erweisen sollen, und schließlich auf den Nachweis, wie der erste Vers der Thora gerade vier Antinomien beseitigt. Der ganze Vortrag ist so wissenschaftlich einwandfrei und doch auch so von begeisterter Glaubenstreue getragen, daß er wohl ad oculus demonstrirt, wie sich Glauben und Wissen absolut nrcyr gegenseitig ausschließen, im Gegentheil sich verpflichten, ergänzen und festigen sollen. Möchten doch die niedergelegten Ideen und Gedanken weiteste Volkskreise durchdringen und so reichen Segen stiften. L. A. Geschichte der jüdischen Traditionslehre. Vortrag, gehalten am 28. Okt. im Verein „Talmud-Thora", Jungernstieg Nr. 40, Tucher-Haus von Ahron Marcus. Hamburg 1903. Druck von M. Leßmann. ABC-Straße Nr. 57. Der Vortragende gibt einleitend die talnmdische Erzählung von jenem Proselyten, der zu Hillel kam, um sich ins Judenthum aufnehmen zu lassen, aber nur die Schrift, nicht die Tradition anerkennen wollte und dem Hillel durch verschiedene Benennung gleicher Buchstaben an zwei einander folgenden Tagen die Anerkennung der Nothwendigkeit und Verbindlichkeit der mündlichen Ueberlieferung abnöthigte. In diesem Vorgang zeigte Hillel gleichzeitig, daß die Tradition in die Anfänge der Geschichte der Menschheit hinaufreicht. Talmud und Midraschim behaupten in Anlehnung an Samuel I., 2, 27, daß die Tradition die ägyptische Knechtschaft überdauerte. Im Vortrage wirdsodann die Theorie Darwins treffend widerlegt und wissenschaftlich an zahlreichen Wortgruppen nachgewiesen, daß das Urhebräische ein lebendiger Protest des traditionellen Monotheismus gegen das Heidenthum ist. Im Anschluß hieran werden auch die Delitzsch'fchen Hypothesen über Bibel und Babel kurz gestreift, aber durch nachgewiesene, grobe Anachronismen ad absurdum geführt. Besonders der Nachweis, daß die babylonischen 168,000 Jahre für die Schöpfung nichts anderes seien, als phantastisch-symbolisch ausgeschmückt, die 7 mal 24 Stunden der adamitischen Schöpfungstradition ist höchst gelungen. Geradezu großartig aber ist der Nachweis, daß die neuesten paläontologischen Forschungsergebnisse und die Deszedenzlehre in unserer Tradition als Erklärungen zur Genesis niedergelegt erscheinen. Aber auch die Ausführungen über Menschenrassen und die Anwendung der biblischen Namen auf die Volksstämme der Erde, die Begründung der sprichwörtlichen, steno-! graphischen Kürze und vielfach scheinbaren Dunkelheit der talmudischen Ausdrucksweise erregen höchstes Interesse. Zum Schluß wird die historische Reihenfolge der Ueberlieferung nach der Aufstellung des Maimonides kurz besprochen und ein Komplex von Fragen an dieselbe geknüpft, deren Lösung sich der Vortragende für eine spätere Gelegenheit Vorbehalt. Der Vortrag ist höchst lesenswerth und gibt manche Aufklärung, manche Fingerzeige, manche Anregung; es ist ihm werteste Verbreitung zu wünschen. ' L. A.

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