Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1904)
- Date
- 1904-03-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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603 «Jf e u 11 I 11 o it. Wahrheit und Wichtung. Von Friedrich Rott. >30 „Ich habe die Mitte der Dreißiger bereits überschritten, doch darauf kommt es nicht an, ich fühle mich noch jung und kräftig. Aber hören und lesen wir denn nicht beinahe Tag für Tag, daß bald hier, bald dort eine Eisenbahn- oder eine Schiffskatastrophe, oder sonst derartiges statigefunden, und daß dabei junge, kräftige Menschen den Tod gefunden haben?" „Das ist allerdings richtig, wenn Sie dergleichen in Betracht ziehen, kann man Ihr Vorhaben nicht mehr als sinnlos bezeichnen. Doch ich gestehe, ich habe nie an dergleichen gedacht." „Ich bisher auch nicht. Aber, wie bereits erwähnt, seit ich gesehen habe, wie mein Lieblingskind einzig und allein äuf mich angewiesen ist, muß ich mein Mchtdasein auch in Betracht ziehen, muß ich dafür sorgen, daß es nicht vollständig verlaffen wäre, wenn ich vorzeitig abberufeil werden sollte." „Darin kann man Ihnen nicht Unrecht geben, in Ihrem Falle würde ich vermuthlich auch mein Testament machen, denn vom Testamentmachen ist noch Niemand gestorben." „Aber durch mein Nichttestamentmachen könnte eventuell mein Kind zu Grunde gehen." „Also frisch an's Werk! Morgen wird Ihr Rechtsanwalt wohl den Entwurf Ihnen vorlegen?" „Morgen, ich habe ihm meine Intentionen genau mitgetheilt, bis auf den Namen desjenigen, den ich zum Vormund meiner Kinder ernennen möchte. — Dürfte ich Ihren Namen nennen, Herr Doktor?" Der Arzt zuckte die Achseln. „Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt, Vormünder pflegen gewöhnlich älter zu sein." „O, Sie sind alt genug. Ihre Einsicht, Ihre Besonnenheit würde die Ihnen mangelnde Erfahrung ersetzen. Und außerdem, ich glaube — wenigstens ist tl mir so vorgekommen — als ob Sie sich für meine Kleine ganz besonders intereffirten." „Das ist Ihnen nicht nur so vorgekommen, die Charakterfestigkeit des zarten Kindes hat mir imponirt und dadurch mein besonderes Interesse erweckt." - „Sie wären demnach einverstanden?"- . „Wenn es sich blos um Ihr Töchterchen handeln wurde, wäre ich einverstanden. Abgesehen davon, daß ich mit Zuversicht hoffe, nie in die Lage zu kommen, die Konsequenzen meiner Zusage ziehen zu müssen, würde ich es auch nicht als Schwierigkeit betrachten, die Leitung der Erziehung Ihrer pflichtliebenden Kleinen zu übernehmen. Aber Ihre Knaben sind getauft, stehen unter dem Einfluß ihrer gleichfalls getauften und. wie ich gehört habe, sogar bigotten Mutter. Da könnten Differenzen entstehen, denen ich möglicherweise nicht gewachsen wäre. Nein, Herr Grünwald, so gem ich Ihnen gefällig wäre, diesem Wunsche von Ihnen kann ich nicht entsprechen." „Vielleicht doch — ich wüßte Keinen, dem ich meine Frieda, hauptsächlich handelt es sich nur um diese — so ruhig anvertrauen möchte, wie Ihnen. Ueberlegen Sie es, Herr Doktor, vielleicht wäre es Ihnen doch möglich, mir diesen großen Freundschaftsdienst zu erweisen? Wollen Sie?". „Wenn Ihnen mit dem Versprechen gedient wäre, daß ich Ihren Wunsch noch in Erwägung ziehen will, dieses Versprechen könnte ich Ihnen leicht geben. Aber ich bin überzeugt, daß ich nach noch so langer Erwägung oder lleberlegung zu keinem andern Resultat kommen würde. Die Vormundschaft über Ihre Sichne könnte ich nicht übernehmen, die Verantwortung wäre mir zu schlver." Grünwald athmete tief auf. „Vielleicht haben Sie recht. — Aber es liegt mir so sebr daran. Frieda unter Ihrer Obhut zu wissen — wie wäre es, wenn ich Sie als Frieda's Vormund be Cjeidincn würde und für meine Knaben einen meiner christlichen Bekannten—" „Damit wäre ich einverstanden," sagte der Arzt, „ich habe zwar noch nie gehört, daß Geschwister verschiedene Vormünder haben — aber ich kann mir nicht denken, daß ein Staatsgesetz dieses verbieten kon".te. Sind Geschwister verschiedener Confession, können die Vormünder es auch seinK „Das ineine ich auch, nur müßte das Vermögen dann sofort grtheilt werden. Das muß ich mit dem Doktor Norden eingehend besprechen. Änd wer weiß."' fuhr er scherzend fort, „was die Zeit noch in ihrem Schoße birgt, vielleicht verlieben Sie sich in Ihr Mündel und heirathen sie. Mir tvär's recht, meinen Segen haben Sie." - - -- „Besten D ank." versetzte der Doktor lachend, „mir märe es vermuthlich auch recht, denn die Kleine ill ein liebliches Persönchen, verspricht einmal eine Schalheit zu werden, doch ich fürchte, ich würde von dem mir zilgedach'.-i Bräutchen auch einen Korb erhalten." „Auch einen Korb." wiederholte der Bankier. „Haben Sie denn schon einmal einen derartigen Gegenstand Erhalten?^—'Das kann ich mir ddch kauni denken."^ ' „Und'dennoch ist es Thatsache.ünd zwar allerneuester Zeit?- -.• --v-r' -~ „Das batte ickin der Thai nicht geglaubt. Wenn es nicht indiskret wäre, würde ich mir die Fragt erlauben, welche unserer jungen Damen Sie mit dem Artikel beglückt hat?" ' /; \ .V