Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1904)
- Date
- 1904-03-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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602 geisterte Mitarbeiter und Mitstreiter; dem Bedruckten gibt sie Hoffnung, uns allen ein Ideal. Wir ersuchen Sie. treten Sie ein in dieses Heer arbeitswilliger Juden, das da freudig folgt dem Kommando eines selbstgewählten Führers, um in demokratischer Marschordnung unsere Brüder einer herrlichen Zukunft entgegenzuführen. Die Zionistische Vereinigung Würzburg I. Ä.: H. Oppenheimer. Nachschrift: Der Unterzeichnete ist bereit, sowohl Anmeldungen als auch Anfragen aller Art entgegenzunehmen. Auf Wunsch senden wir Ihnen auch einen Redner. D. O. Da der Unterzeichnete des Aufrufes ja in der Nachschrift erklärt, Anfragen entgegennehmen zu wollen, so ist jedem, der sich dafür interessirt, Gelegenheit geboten, sich über alle Ziele und Bestrebungen der „Zionistischen Vereinigung Würzburg" informiren zu lassen, denn, wie bereits erwähnt, kann man für die Kolonisation Palästina's auch ohne Zionismus sehr wohl und eifrig wirksam sein. B. I. Oesterreich. Wien. (K. k. Baurath Max Fleischer.) Die „Wiener Zeitung" meldet, daß der Kaiser dem Architekten Max Fleischer den Baurathstitel verliehen hat. Die unmittelbare Veranlassung war das uneigennützige und hingebungsvolle Wirken Fleischer's beim Bau des Asyls für obdachlose Familien. Diese kaiserliche Auszeichnung wurde allgemein mit hoher Befriedigung ausgenommen. Denn die selbstlose Thätigkeit Fleischer's ist eine sehr vielseitige. Seit vielen Jahrzehnten ist er Mitglied des Kultusvorstandes und steht an der Spitze des hochangesehenen Mariahilfer Tempelvereins, den er zu hoher Blüthe brachte. Fleischer betheiligt sich auch an vielen anderen Humanitären Vereinen und entfaltet sowohl im israelitischen Gemeindeleben, als auch als Architekt eine unermüdliche Arbeitskraft. Er war nicht nur einer der fleißigsten Mitarbeiter Friedrich Schmidt's beim Bau des neuen Rathhauses, sondern auch der treueste, indem er bis zum letzten Momente beim Bau aushielt, nachdem alle anderen Mitarbeiter Schmidt's sich schon auf die Posten zurückgezogen hatten, die ihnen als „Schmidt's-Schüler" gern geboten wurden. Nach dem Tode Schmidt's widmete sich Fleischer hauptsächlich dem Synagogenbau, und die von ihm erbauten Tempel zeichnen sich vornehmlich durch große Stilreinheit aus und bilden Kunstwerke ersten Ranges. Allein auch zahlreiche Profanbauten legen Zeugnis ab von dem guten Geschmack des Architekten. Die Bauherren aber wissen besonders seine Gewissenhaftigkeit zu rühmen und seinen Eifer, die Interessen der Kunst, die er immer hochstellte, mit ihren Interessen in Einklang zu bringen. Wie er sich als Künstler des besten Rufes erfreut, so ist er auch ein treuer Jude und Hai als Mensch und Freund sich immer bewährt und in Folge dessen einen Kreis um stch versammelt, in welchem er die größte Verehrung genießt. _ Rußland. Petersburg. (Der Pirogow-Kougreß und die russische Judenfrage.) Bor einiger Zeit hat Hierselbst ein Aerztekongreß stattgefunden, vor welchem auch die Judenftage im Zarenreiche besprochen wurde. Die Ergebnisse dieser Debatten wurden in folgender Resolution zufammengefaßt. und zwar auf einstimmigen Beschluß: „1) Der Pirogow-Kongreß lenkt die Aufmerksamkeit auf den Schaden und auf die Gefahr, welche aus der künstlichen Konzentration der Juden in den Städten und Städtchen Westrußlands erwachsen, und erachtet es für nothwendig. den Juden das Recht der Freizügigkeit einzuraumen. 2) Der Pirogow-Kongreß erachtet es als. schädlich und gefährlich, kranken Juden den Aufenthalt auf dem flachen Lande, in den Sommerfrischen in den Sanatorien und Kurorten zu verbieten." Erläuternd sei hinzugefügt, daß dieser Kongreß nach seinem Begründer, dem bewahrten Chirurgen Pirogow. seinen Namen trägt. Nicht bloß auf seinem eigentlichen Spezialgebiete hat Pirogow sich unsterbliche Verdienste erworben, sondern er ragte auch als ein ungewöhnlich veranlagter Mensch hoch über Tausende, ja über Hunderttausende hervor. Pirogow war ein ungewöhnlich gebildeter und ideal-gesinnter Mann, der nicht einen Augenblick zögerte, in einem Widerstreit zwischen seinen Ueberzeugungen und dem Staatsamte dem letzteren zu entsagen. Etwa 50 Jahre alt, legte er sein Amt als Kurator des Kiewer Lehrbezirkes nieder, weil er wegen seiner echtliberalen Ansichten mit seinen Vorgesetzten in einen harten Streit geriet, ging auf sein Landgut und wurde Friedensrichter. Von allgemeinem Interesse sind Pirogows Lebensaufzeichnungen, in denen ein Tolstoi verwandter Geist weht. Pirogow arbeitete Zeit seines Lebens auch an der Verbesserung der russisch-jüdischen Zustände. Dem Geist dieses großen Vertreters des Humanitätsgedankens in Rußland getreu, protestirte auch der Pirogow-Kongreß gegen die Beschränkungen, die bei der Aufnahme jüdischer Aerzte in die Dienste der Gemeinden bestehen, durch folgende Resolution: „Der Kongreß erachtet es als der Gemeindeinstituiion und der angestellten Aerzte unwürdig, Beschränkungen aufrecht zu erhalten, welche durch nationale und religiöse Vorurtheile hervorgerufen find." Der russischen Regierung und namentlich dem Minister Plehwe war diese Kundgebung von so hochansehnlicher Stätte aus unbequem, fie verbot daher kurzerhand die Veröffentlichung dieser Beschlüsse des Pnogow-Kongresses. Es geht eben nichts über die Toleranz der russischen Regierung.