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Der Israelit · 1904-03-17 · Heft 22 (17.3.1904) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 22 (17.3.1904)
Date
1904-03-17
Page
– (sequence 18)
Language
German
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490 der Wächter der Kultur und der Menschheitsbestimmungen. Von der Macht wunderbarer Ereignisse dazu gezwungen, mußten die Aegypter von der Tyrannei lassen und menschrnbefreiende, welterlösende Kulturarbeit thun. Sie mußten es, die Träger jener alten Kultur, die durch Despotenwuth und Göttrrwahn in die Finsterniß der Selbstvergötterung und Selbstentmenschung gesunken war. Den Sklavenhaltern wurde anstatt der blutigen Geißel die Pflugschar in die Hand gedrückt, die den Acker für die ihm entsteigenden Saaten der Zukunft urbar zu machen hatte. Die Pflugschar ging über uns Juden hin. Wir wurden nicht befragt und nicht zu Rathe gezogen; es wurde berathen und verfügt alles über uns, ohne uns. So erging es in späteren Zeiten noch manch anderem Volke, das hart am Rande des eigenen Unterganges zu dieser Pflugschaar greifen mußte, und der Pflug ging über die dem Untergang geweihten Parias des Landes dahin. In noch späterer Zeit und in anderen dem weckenden, segnenden Strahl der Kultursonne näher gelegenen Ländern riefen selbstbewußte Männer der Aufklärung und der Menschlichkeit zur Kulturarbeit auf und verrichteten diese zum Wohle ihres Landes und Volkes. Doch auch da blieb anfangs der Jude mit seinem Geistesleben von den Wohlthaten der fortschreitenden Civilisation ausgeschaltet. Das jüdische Leben mit seiner Kraft und seiner Jugend blieb im Ghetto vergraben — vom Erboden verschlungen' und erging alles über ihn, ohne ihn, bis — nun bis der grimmige Zug vorbei und die ersten Furchen vom Kulturpflug gezogen waren. Da geschah das Wunderbare, nao 7m mm mpn Da fing es im Kreise der Judenheit zu svrießen an. Das Ghetto gab seine Kinder, der Erdboden seine so lange verschütteten Schätze an Geist und Cemüth heraus. Ein neues Geschlecht entstieg dem Boden, und es zeigte sich, daß die so lange von der Bodenflächc staatlichen Wirkens verschwundenen, als lichtscheu verschrieenen Kinder des Ghettos, lichtverwandt und mit dem Sonnenblick der Kultur vertraut waren. Die so lange von den Hallen der Kunst und Wissenschaft, von der Schwelle der Parlamente, ja auch der ehrenhaften Gewerbe fern Gehaltenen, in ihre direkte Eigenwelt Zurückgeschobenen erwiesen sich bald als die sehr gelehrigen Jünger der helleren Zeit, als die versiändnißinnigeren Freunde ihrer Bestrebungen und als die tatkräftigen Helfer aller Förderer der wahrhaft humanen Kulturzwecke. DaS Ghetto hatte der ihm fernliegenden Außenwelt vortreffliche Mänker erzogen, und nun trugen diese Männer aus dieser Außenwelt die schonen Errungenschaften der modernen Zeit heim in ihre altjüdischen Wohnstätten, Schulen. Vereine, Familien und Gemeinden. Israels Söhne und Töchter wurden nützliche, angesehene Bürger und Bürgerinnen ihres Vaterlandes, und blieben dabei Söhne und Töchter Israels, jrrrab m omj pjo pVnaw po Groß geworden, kamen sie in Gruppen nach ihrer Zusammengehörigkeit gegliedert, in ihre Häuser, und das waren jüdische Häuser, die sich weiteten und hoben, und das war der Vollschmuck dieser Söhne und Töchter ■D’ny Von solchen Jsraelsscharen ist es zu erwarten, daß sie den allmächtigen Gott erkennen, der die Zeiten wechseln läßt und die Menschen mit den Zeiten, der aber ewig bleibt der unveränderliche Eine. Solche Schaar, mit dem Ewigkeitsgedanken in der Seele, ahnt, schaut den Herrn der Ewigkeit und sie jubelt ihm zu. wenn er durch tobende Stürme und wogende Meere daherschreitet, wenn er Verfolgte schirmt und Verfolger zermalmt: 'brr rrr dies ist mein Gott, und ich will ihn rühmen! (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 2. März. Von dem Sekretariat des deutschen Bureau der „Alliance isr. univers." erhalten wir folgende Zuschrift: „In hilfsbereiten Kreisen der deutschen Juden wurde bedauert, daß die barbarischen Ausschreitungen gegen die Juden der marokkanischen Ortschaft Stat nicht sofort gemeldet wurden, „obwohl mehrere Schulen der „Alliance" in der Nähe liegen." Es verhält sich damit folgendermaßen: Am 17. Dezember erfolgte der Ueberfall in Stat. Die ersten Berichte des Direktors der Alliance-Schule in Casablanca, der sich, wie bekannt, unserer verfolgten Brüder auf's thatkräftigste angenommen hat. datiren vom 22. und 27. Dezember. Sie beruhten auf unsicheren Nachrichten, die sich später zum Glück als übertrieben herausstellten. Erst am 17. Januar, als die große Masse der Unglücklichen, die sich zuerst nach allen Seiten zerstreuten, in Casablanca anlangte, konnte ein den Thatsachen entsprechender Bericht abgesandt werden, der der „Alliance" eine genügende Unterlage bot. um sich an die Oeffentlichkeit zu wenden. Briefe von Casablanca nach Paris brauchen 10, auch 14 Tage. Wenn übrigens in dem Berichte der „Alliance" das warmherzige Verhalten des englischen Konsuls hervorgehoben wurde, so sei der Gerechtigkeit halber nachträgj lich bemerkt, daß er als Doyen zugleich im Namen der übrigen Konsuln handelte, die den Verfolgten ebenfalls ihre Sympathie bezeigten." Breslau, 6. März. Ungesühnt geblieben ist eine 1 ruchlose Mordthat, welche vor 80 Jahren — in ' der Nacht vom 5. zum 6. März 1864 — an der in der

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