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Der Israelit · 1904-03-17 · Heft 22 (17.3.1904) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 22 (17.3.1904)
Date
1904-03-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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in fortwährender Angst lebt, da sie den Ausbruch neuer und blutiger antisemitischer Excesse befürchtet. Die Ursachen dieser Besorgniß sind verschiedener Art. wurzeln aber in erster Reihe in der Konstatirung. daß, wo in Rußland Straßenbewegungen Vorkommen, die Russen der niederen Volksschichten Ausschreitungen gegen die Inden begehen. Da diese Erfahrung richtig ist, so haben die Juden thatsächlich Grund zur Furcht, da niemals noch die Straßenbewegungen so groß gewesen sind, wie jetzt zur Zeit des Krieges. Man befürchtet, daß ein noch so geringer Anlaß ein schreckliches Blutvergießen zur Folge haben könne. In Bessarabien, wo die jüdische Bevölkerung noch mehr unter dem Eindrücke der im vergangenen Jahre vorgekommenen Greuelthaten steht, ist die Panik am größten. Die russischen Behörden scheinen übrigens diesesmal den Ausbruch der Judenverfolgungen verhindern zu wollen, da sie strenge Sicherheitsmaßregeln ergriffen und den Zeitungen verboten haben, gegen die Juden zu Hetzen. MltzellWes ans deu W. AmeMerelne» Md für dieselben. (SSwmttiHe jüv. Wanderdettelvereine und Oaste« für Durchreisende sind gebeten, uns LUtttzeilrrngen über Grfsyrunaen, die sie auf den Gebiete ihrer Lhütigkeit machen, -ukommen zu lassen.) Burgknndstadt, 9. März. An hiesiger Kasse sprach heute ein Mann vor, der einen Wanderschein auf den Namen Samuel Wolf, geboren am 2. April 1848 zu Bingen a. Rh., vorlegte, in welchem derselbe als Israelit und Kaufmann bezeichnet ist. Die Personalbeschreibung ist durchstrichen und ist solcher am 10. Oktober 1903 von Leck, Kreis Tondern, ausgestellt, und als Ausfertigungsbeamter ist A. Klind, Hausvater, unterzeichnet. Anstatt eines Stempels ist die Zahl 344 eingetragen. Dieser Wanderschein ist gefälscht, und als ich Wolf — da er mir weitere Papiere nicht vorlegen wollte und den im Wanderschein bezeichneten Reisepaß verloren zu haben angab — mit Polizei drohte, so legte mir derselbe zwei Reisepässe, auf den Namen Georg Hartmann, Goldschmied und Uhrmacher aus Oberstem lautend vor, welche aus Birkenfeld (Großh. Oldenb. Negierung des Fürstenthums Birkenfeld) am 14. April 1903 ausgestellt sind. Nach diesem Paß ist Hartmann 64 Jahre alt. Derselbe hat mittlere Statur, dickes, röthliches Gesicht besonders rothe, dunkle Nase, schwarze Haare-und schwarzen Vollbart, beides etwas melirt. D-rs:"b2; l:r. \t a:iß einer ihm vorgelegten Tefila nicht lesen und wußte keine jüdischen Feiertage zu nennen, soll aber, wie ich erfuhr und wie mir Hartmann selbst gestand, häufig die Synagoge, besuchen. Hartmann ist kein Jude, der aber die iSr. Unterstützungskaffen aufsucht und vor dem ich andurch warne. Moritz Lonnerstaedter, Kaffirer der israelitischen Unterstützungkaffe. F e u i i 11 * o tt. ahrheit und ung. Bon Friedrich Rott. Seufzend griff sie wiederum nach ihrem Roman und versuchte zu lesen — es ging nicht, die Buchstaben schwankten vor ihren Augen hin und her, klarer . und klarer ward es ihr, daß sie in Wirklichkeit daS Spiel verloren hatte. Wie ihr Mann da immer unaufhörlich herumrennen konnte? Und wie seine Stiefel knarrten! Sie konnte es kaum ertragen. Und dennoch konnte sie sich nicht entschließen, das Zimmer zu verlassen, ohne wenigstens noch einen Versuch gemacht zu haben, ihn zu versöhnen. Aber wie sollte sie es beginnen? — Abermals war eine Viertelstunde verstrichen, ohne daß ein Wort gesprochen worden wäre, er schien seine Zimmerpromenade heute nicht enden zu wollen, so wenig. als sie ihre Lektüre. Endlich schien er aber doch ermüdet. laut ächzend warf er sich in ein Fauteuil, zog sein Etui aus der Brusttasche, brannte eine Cigarre an und ließ blaue Dampfringel wie mit größtem Behagen in die Luft emporsteigen. Es war zum ersten Male, daß Grünwald in einem Zimmer rauchte, in dem seine Frau sich befand. Sie preßie die Lippen aufeinander, aber sie war klug genug» über diese Rücksichtslosigkeit seinerseits keine Bemerkung zu äußern. Sie erhob sich vielmehr und trat lautlosen Schrittes zu ihm, und indem sie ihren Arm um seinen Hals legte, sprach sie innig: „Leo, ich bitte Dich, verzeihe mir." Er schüttelte verneinend den Kopf, doch wehrte er nicht wie vorhin ihre Berührung ab, und noch inniger fuhr sie fort, indem sie seinen Hals noch fester umschlang: »Ich sehe es ja ein. Du hast ein Recht, mir i zu zürnen, denn wenn ich Dir auch zuschwöre, daß thatsächlich ein Mißverständnis von Seiten der Kinder obwaltet, so muß ich doch zugeben., daß ich nicht Worts, reden durfte, die ein solch unglückseliges Mißverstand!-, niß möglich gemacht habend Aber ich war erregte bedenke, Frieda ist doch auch mein Kind, und Du willst mir jede Einflußnahme auf ihre Erziehung entziehen."

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