Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1904)
- Date
- 1904-03-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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476 wesenden, Juden wie Christen, einen mächtigen Eindruck. Herr Direktor Dr. Goldschmidt sprach dann Namens des Lehrerkollegiums der Talmud-- Thorä-Realschule und sprach dem verblichenen treuen Berather und Vorsteher, der ihnen allen ein wahrhafter, lieber Freund gewesen, seinen Dank aus. Dann nahm noch in tiefer Rührung der Schwager, Herr Dr. Bromberg, das Wort, um Namens der Familie Abschiedsworte dem theuren Verblichenen auf seinem Wege zur Ruhe zu widmen. Bei dem starken Gedränge ging noch eine Weile dahin, ehe man sich mit dem |ni* in Bewegung setzen tonnte, und etwa achtzig Wagen waren es. die dem Freunde das letzte Geleite gegeben. Ueber die testamentarischen Verfügungen des Herrn David Rüden verlautet noch nichts. Wie Eingangs bemerkt, hat Hamburg und insbesondere die ntop einen Mann verloren, für welchen Ersatz schwer zu beschaffen sein dürfte. .rrexai — Auch eine erfreuliche Angelegnheit Ihnen zu berichten, bin ich in der angenehmen Lage. Aus der Talmud-Thora-Realschule, für die sich David Rüben so hingebungsvoll intereffirt hatte, wurden gestern 29 Primaner mit der Reife für den Einjährig-Freiwilligen-Dienst entlasten, ein Resultat, wie es wohl kaum schon in den Annalen dieser Schule verzeichnet stehen dürfte; dabei bemerkt werde, daß nach den Satzungen der Schule die Kinder unbemittelter Eltern im Falle größerer Frequenz, wie die räumlichen Verhältnisse der Schule gestatten, den Vorzug vor denjenigen bemittelter Eltern haben. Die Subvention der Gemeinde ist dementsprechend mit Mk. 15,000 lange nicht hinreichend genug. H. B. Königsberg, 12. März. „Unsere Großmütter" betitelte sich der Vortrag, den Mittwoch Abend im Artushof Frau Rosalie Perl.es im „Verein für jüd. Geschichte und Litteratur" vor einem zahlreich erschienenen Publikum hielt. Die Vortragende gab als Anleitung ein Bild der Zustände, wie sie nach dem Falle der Ghettomauern unter den deutschen Juden herrschten, und der Aufgaben, die ihnen gestellt waren. In Preußen wurden die Juden erst zahlreich nach der Theilung Polens, bei welcher das Großherzogthum Posen an Preußen fiel. Die jüdischen Bewohner dieser Provinz brauchten nicht so lange wie die anderen, um germanisirt zu werden; denn eS waren lauter ehemalige Deutsche, die sich vor den Verfolgungen nach Polen geflüchtet hatten. Dann schilderte die Vortragende das wunderbar rasche Aufblühen der jüdischen Gemeinden, welches zum großen Theile den damaligen Frauen zu danken ist. Erst in der nächsten Generation war es ihnen vergönnt, sich ganz dem häuslichen Leben und der Erziehung der Kinder widmen zu können. Eingehend wurde die Art ihrer Bildung, ihre Lektüre, ihre Frömmigkeit besprochen. Wohlthätigkeit üben, Roth lindern, Ergebung in den Willen der Vorsehung, das war ihr Frömmigkeitsideal. Frohsinn und Heiterkeit, wohnte im armen wie im reichen Hause; die altjüdische Wellansicht ist eine durch und durch optimistische und schließt jeden Hader mit dem Schicksal aus. Die Großmütter schöpften ihre Bildung nur aus der Bibel und aus jüdisch-deutschen Erbauungsbüchern, die nur für Frauen bestimmt waren. Außerdem machten sich die damaligen Frauen eine Spruchweisheit zu eigen, welche, in das Gebetbuch ausgenommen, ihre allsabbatliche Lektüre bildete. Den Kern des Vortrages aber bildete die Lebensbeschreibung verschiedener damaliger Typen. Das Gemeinsame an allen war, daß sie keine Zeit mit zwecklosen Beschäftigungen verbrachten, daß sie unermüdlich thätig, abgehärtet, auf das Nützliche, Gute bedacht waren und so mit starker und liebender Hand das jüdische Haus ans Enge und Druck zu Wohlsein und Behaglichkeit führten. Unter den zahlreichen talentvollen jüdischen Schriftstellern, welche die nächste Generation hervobrachte, hat kein einziger sich die Aufgabe gestellt, sein eigenes Milieu mit innerer Wahrheit der Welt in einem größeren Bilde vorzuführen. Statt dessen kamen lauter Zerrbilder von jüdischen Gestalten auf die Bühne und in die Romane, die bald zu gut. bald zu schlecht, aber immer unwahr waren. Noch vor wenigen Wochen, also ganz kurz vor seinem unerwarteten Hinscheiden, unterwarf Karl Emil Franzos das neueste Theaterstück von Sudermann: „Der Sturmgeselle Sokrates", einer vernichtenden Kritik und wies nach, wie schief, unwahr und verzerrt die abstoßenden Gestalten gezeichnet sind, die darin als Juden auftreten. Auch den Großmüttern hat Niemand ein litterarisches Denkmal gesetzt. Aber sie haben sich selber eines gesetzt in ihren Kindern, die gar nicht lange nach dem Falle der Ghettomauern ihren andersgläubigen Gefährten ebenbürtig an der Seite standen. Man weiß auch, daß es jüdische Frauen waren, deren geistige Energie und praktische Schöpfergabe sie in erster Reihe der Kämpferinnen stellte, die in Deutschland für Frauenrecht, Frauengleichstellung, für Volkswohlfahrt und Bolkserziehung ihre ganze Lebenskraft einsetzten und noch einsehen. Es genügt, die Namen Lina Morgenstern und Henriette Goldschmidt zu nennen. München, 13. März. Der „Verein Jüdischer Studenten" dahier begann am 29. Oktober des vergangenen Jahres mit der Antrittskneipe fein achtes Vereinssemester. Zu Chargirten waren gewählt: char. Weigert, phil. Wolfs, jur. Manneberg. Das vergangene Semester bedeutet nach innen und außen eine Kräftigung des Vereins Jüdischer Studenten in jeder Bezichtig. Seine Betheiligung an allen jüdischen Veranstaltungen Münchens (Litteraturverein, Turnverein. Verein für jüdische Statistik, zionistische Ortsgruppe etc. etc.) war eine äußerst rege.