Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1904)
- Date
- 1904-03-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450008--60296-2521189- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
stellenden Anforderungen nicht genügt habe". Zn einer zweiten Eingabe stellte darauf Justizrath Feige fest, „daß seit Jahrzrhnteu in Preußen nicht ei» einziger Jude zum Reserveoffizier befördert wurde, daß somit eine grundsätzliche Ausschließung stattfand, und daß für uns Juden der Satz gilt: „gleiche Pflichten, ungleiche Rechte". Er knüpft daran dm Wunsch, der König möge die Befolgung eines Grundsatzes untersagen, der eine Prüfung der etwa vorhandenen Befähigung von vornherein ausschließe, und daß so dir Ursachen beseitigt werden, „welche das bittere Gefühl entehrender Entrechtung tot-len". Der Fall Feige ist nur einer von vielen. Natürlich wird stch im einzelnen Fall schwer nachweism kaffen, ob die militärische Befähigung zur Beförderung ausreichte; aber wenn man steht, daß die Beförderung immer unterbleibt, daß Leute, die sich als besonders qualifizirt erwiesen, überhaupt schon von der Ofliziersvorbereitung ausgeschlossen wurden, so wird doch kein Mensch mehr be- < haupten können, daß überall der Mangel an Fähigkeiten der Grund der Nichtbeförderung gewesm ist. Zu den „au einen Borgesetztm zu stellenden Anforderungen" scheint auch die nichtjüdische Konfession zu gehören, sonst wäre die bisher geübte Praxis unerklärlich. Berlin, 13. März. Don 428 in Berlin und Umgegend lebenden Russen und Russinnen ist eine Resolution gefaßt worden, welche die sie verletzenden Aeußemngen des Reichskanzlers zurückweist und sich namentlich dagegen wendet, daß Graf Bülow es unternommen habe, gegm sie, die lediglich in der Abwehr gegen die schweren Beschuldigungen des Staatssekretärs Freiherr v. Richthofm gehandelt haben — der sie alle als anarchistische Propagandistm der That verdächtigt und die Russinnm eines unsittlichen Lebenswandels bezüchtigt habe — durch Hinweis auf die jüdische Abstammung eines Theils der hiesigen Russen antisemitische Dorurtheile zu entfesseln. Graf Bülow habe sich nicht gescheut, sie zu diesem Zwecke als „Schnorrer" zu beschimpfen. Dagegen führt du Resolution auS: „Daß die hier lebendm Russen zum überwiegenden Theil jüdischer Abstammung sind. hat. wie dem Grafen Bülow wohlbekannt, seinen Grund in dem besonderen Druck, dem die jüdische Bevölkerung in dem Rußland von Kischinew ausgesetzt ist, und die sie von den höheren Bildungsanstalten der Heimath nahezu ausschließt. Gegenüber der Anklage eines Mißbrauchs des Gastrechts und gegenüber jmen Beschimpfungen betonen wir, daß wir uns das Recht zur Abwehr ungerechtfertigter Angriffe nie und nimmer nehmen lassen werden. Durch ein kulturwidriges Regierüngssvstem sind wir aus unserem Heimathlande verstoßen. Aber auch im Auslande, in das wir in der Hoffnung aus die Solidarität aller Zivilisation gefluchtet sind, betrachten wir die Wahrung unserer Ehre und Menschwurde als unsere geheiligte Pflicht und sind allesammt bereit, jede stch hieraus ergebende Konsequenz auf uns zu nehmen." .. — 15. März. In Folge des Protestes der ruffi- . schen Studenten gegen die Rede des Reichskanzlers Grast» Büloto finden, wie der „Vorwärts" mittheilt, seit - Freitag auf dem Berliner Polizeipräsidium täglich Ver- »ehmungen von Russen in Sachen dieser und der früheren Protestresolutionen statt. Soweit es bekannt " ist, bekennen diejenigen von den Vernommenen, die in den Versammlungenn, welche die Resolutionen be-'; schlossen hatten, anwesend waren, ihre eigene Theilnahme an der Abstimmung, lehnten aber die Beant- Nwrtung von Fragen, die sich auf andere Personen beziehen, ab. Es werden aber auch solche Russen vernommen, dir weder an den Versammlungen theilgenommen, - noch die Resolutionen unterschrieben haben. Die Vernehmung erstreckt sich auch auf die Feststellung der po- : litischen Gesinnung und die erstmalige politisch Vethättgung in Rußland und die dort dafür erlittenen ' Strafen. Hamburg, 11. März. Herr David R u b e n. der ' weil und breit sowohl hier wie außerhalb bekannte Philanthrop und Wohlthäter ist nach längerem Leiden Eintritt jüdischer Offiziere und Unteroffiziere in die oom Sterbehause nur die Beerdigung statt, die in ihrer starken Betheiligung allein schon beredtes Zeugniß für die außerordentliche Beliebtheit dieses seltenen Mannes ablegte. Hier war Reich wie Arm, sowie die religiösen Richtungen in ihren verschiedenen Schattirungen vollständig vertreten, da nur ein Urtheil über. David Rüben erklang: „Er war ein wahrhaft frommer/ edler Mann, eine der Stützen unserer Gemeinde wie desi gesammten Judenthums, eine Zierde unserer Vaterstadt. Diesem Gedanken verlieh der Oberrabbiner in geradezu hinreißender Weise beredten Ausdruck in seiner dem Dahingeschiedenen gewidmeten Trauerrede; . omron pw3 Issel ’oVip rra b* eis iVn *3 in Verbind' lung mit dem Citat aus dem vorwöchentlichen Haftara-" abschnitte jrop bip nenbn m» *np pw mua ttts pst jascr ’s:« nicht die Stimme der Starken und nicht die Stimme der Schwachen, eine allgemeine Klagestimme - höre ich. Der Redner schilderte die Verdienste des Dahingeschiedenen als ehemaligen Vorstehers des Synagogenverbandes. als Vorstandsmitglied der Talmudwra-Realschule, der er nahe an vierzig Jahre mit seinerganzen Person und seinem wohlthuenden. Ein-- fluffe angehörte. Er war es, der dieser hervorragenden Anstalt unserer Gemeinde über manche bedeutende Schwierigkeiten hinweggeholfen. (Sprichwörtlich"hieff es,' so lange David Rüben bei der' Talmud-Tora' sei, gebe es kein Defizite H. B.) Hören wir die Stimmen der Armen, wie sie klagest, das sind die wahren Trauer-' reden, von denen der weise König spricht. ' Es wäre nicht möglich, die Rede in ihrer Vollendung hier wiederzugeben, sie hinterließ bei allen An- ‘ 5- I. d £ * 1? iy'VVY