Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1904)
- Date
- 1904-03-14
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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47i muth. kindisches Weinen über einen verletzten Finger. Handelt es sich um die Menschheit, so ist es Verblendung. In der Geschichte ist ein verständiger Zug, der die menschliche Thorheit und Bosheit überwältigen mutz. Die Menschen lenken auf ihre Art mit ihren Handlungen die Welt, aber sie sind nicht im Stande, deren Gesetz umzustotzen und die Geschicke zu ändern. Man mutz warten, bis der Sturm vorüber ist!" „Ehe aber die Sonne aufgcht, beizt der Thau die Augen aus!" sprach Gromow. „Unsere Augen vielleicht noch. Die Augen unserer Kinder aber werden die Sonne sehen. Wir sind nicht einzelne Menschen, sondern die Menschheit. In den Geschicken des Einzelnen gibt es nicht solch ein Ganzes, wie in der Geschichte, die Einzelnen sind nur die Bausteine!" „Ganz recht! Herr Jakob," unterbrach ihn hier Heinrich, indem er sich erhob. „Sie sind solch' ein über die Matzen glücklicher Mensch: Sie haben Glauben, .einen Lebenszweck. Frieden! Kurz — Ihnen gebricht es an nichts!" „Nun — und Sie? Können Sie dies Alles nicht auch erlangen?" „Nein!" entgegr-ete Heinrich. „Ich habe das Leben schon ausgepreht. wie eine Citrone und finde daran keinen Geschmack mehr. Nur die Schale blieb mir noch übrig. Ich lebe ohne Zweck, ich glaube an gar nichts. Fast Alles erscheint mir lächerlich. Das ist die Kranke heit des Jahrhunderts! Ihre Träumereien sind bester, als die Wirklichkeit!" „Ich aber halte sie durchaus nicht für Träumereien." erwiderte Jakob. „Für mich sind es lebende Wirklichkeiten. Wohl aber ist dieser Euer Realismus in meinen Augen nur Leichenstarre und Verwesung. Verzeihen Sie, verehrter Herr, kehren Sie zurück in das Vaterland, da gibt es noch genug zu thun — wollen Sie. wünschen Sie, wagen Sie nur etwas, und Sie werden Ihrem Leben einen neuen Geist einflötzen!" „Allerdings!" sagte Heinrich leiser mit schmerzlichem Lächeln. „Ich werde sofort abreisen. aber noch nicht in die Heimath, und nicht zu dem Zwecke, den Sie mir als so heilsam anrathen. Zuvor habe ich noch ein anderes Geschäft. Errathen Sie es? Ich werde den Spuren des Baron und Musa folgen, werde ihnen nachfetzen, mich ihnen aufdrängen, sie langweilen und quälen, mit meiner höhnischen Physiognomie ihnen nachlaufen auf Schritt und Tritt, das wird mich köstlich amüsiren und sättigen! Jeder hat eben seinen eigenen Geschmack, seine Natur und seinen Charakter. Mich hat augenscheinlich der Satan schon in der Wiege geschaukelt. Und davon blieb etwas in meiner Natur zurück! Ha! ha!" Wild lachte er auf. nahm seinen Hut und eilte hinaus, mit dem Rufe: „Noch heute mutz ich mich im Theater zeigen!" * Schon detzhalb und weil Heinrich nach Genua eilte, blieb Jakob mit Tilda in Sestri. Hoch über dem regungslosen Meere wandelte der.- bleiche Mond. Die Nacht war wundervoll. Still und leer war es im kleinen Städtchen. Auf dem Platze vor der Kirche hielten einige Weiber bei Laternenlicht ihre Früchte feil. Hier und da klang aus einem geöffneten Fenster ein Abendlied. Jugendliche Pärchen wandeln unter den Platanen. Am Strande spielten noch einige Kinder an den sanft dahinwogenden Fluthen im Sande. Die Schiffswerften, bei Tage voll Leben und Geklopfe, ruhten sich aus und lagen wie im Schlummer. In dunklen Reihen bedeckten sie den Strand, wie kleine Festungen. Tilda und Jakob schritten den Strand entlang. Die arme Frau war schmerzlich bewegt und traurig gestimmt. Wie alte Wunden hatten sich die Erinnerungen der Vergangenheit nieder geöffnet. Ihr Auge war feucht und ihr Busen wogte übervoll.. „Sie sind doch Alle abgereift?" fragte sie. „Alle!" antwortete Jakob. „Sieh doch, wie dieser Mond so prächtig über dem Meere strahlt! Welch' eine Stille und Majestät in dieser Natur! Sie mahnt uns durch die Unveränderlichleit ihrer Gesetze, datz auch die geistigen Gesetze ebenso unwandelbar sind, datz auch tyir mit heiterer Stirne aui alle Verhängnisse der Welt blicken sollen!" „Ja", unterbrach ihn leise Tilda. „Gib aber auch nur Jedem ein so ehernes Herz, datz es nicht schmerzlich bewegt werden kann von dem Lemeinsamen Unglück der Welt des Landes und der Brüder! Von Dir lernte ja auch ich glauben an die Gerechtigkeit und das unerbittliche göttliche Gesetz. Und stolz bin ich darauf. Ich fühle, datz die Sache aller Unterdrückten dereinst den Sieg davon tragen wird! Aber w i r selbst und unser ganzes Geschlecht! Diese Tausende von Menschen aus den Eisfeldern Sibiriens, in Ketten geschmiedet. Diese Frauen mit ihren Säuglingen auf den Armen, neben den Henkerskarren herschreitend. diese vor Sehnsucht in jenen menschenleeren Steppen Verschmachtenden, diese verbrannten Städte und entweihten Häuser, dieser Hohn der Knechtschaft! Wie soll man all dies mit ansehen können ohne blutige Thränen?" „Glaub nur daran," unterbrach sie Jakob, „datz nichts in der Welt ungestraft bleibt, daß die Wahrheit , siegen mutz, datz diese Tausende von Menschen, von j Ovfern, die Idee mit sich forttragen und Andere zN t ihr bekehren, datz keine dieser Thränen ungesühnk! flietzen, datz kein Seufzer vergeblich emporsteigt, datz j wir in der Marter neuen Opfermuth schöpfen! Und! weiter, immer weiter latzt uns zu Arbeitern der Zukunft werden. Gehen wir Steine klopfen auf den