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Der Israelit · 1904-03-14 · Heft 21 (14.3.1904) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 21 (14.3.1904)
Date
1904-03-14
Page
– (sequence 18)
Language
German
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des Lebens, gekleidet in Blumen, nach Deutschland, mit Betriebsamkeit nach England, mit Frohsinn und Lebenslust — nach Paris!" . „Nun, aber zu uns nach Polen?" fragte Heinrich höhnisch. „3u uns? Mit dem Wunsche, nie Märtyrer zu werden, aber doch mit gehobener Seelenftimmung!" antwortete Jakob. „Mit Recht aber lacht man . heutzutage über diese polnische Theorie des Märtyrerthums und nennt sie geradezu Unsinn," entgegnete der Antagonist^ „Das weiß ich," sagte Jakob. „Der Herrgott aber hat Seine Theorie, dir zu verspotten uns Menschen nicht ziemt!" „Aber Paris ist bezaubernd!" flüsterte die Baronin. Ihr Gemahl bestätigte es mit einem Lächeln und sprach: „Gewiß? Martern lassen kann man sich überall! Leben aber läßt es sich nur in P a r i s. Ein wenig vielleicht auch in London!" „Ach. da ist,es kalt und neblig!" warf die Gemahlin ein. Heinrich hatte während dieser durchaus nicht schönen Unterhaltung beharrlich Stand gehalten. Er sah nach der Uhr. er mußte jetzt abreisen. Aber diese beiden Frauen bannten ihn wider Willen an seinen Platz. Er berauschte sich an ihrem ihm doch so peinlichen Anblicke und vermochte nicht, sich loszureißen. Man meldete ihm, daß der Wagen warte; er befahl. ihn zu entlassen. Inzwischen näherte sich das Diner dem unvermeidlichen Dessert von Feigen, harten Birnen, grünen Weintrauben und gemischten Pfirsischen. „Mein Gott!" rief der Baron. „Was sind das für elende Früchte bei solchem Klima im Vergleich zu den in Paris gebotenen; diese hier kann man ja kaum in den Mund nehmen!' ..O’est abominable“ bestätigte die Baronin. „Die Herrschaften wollen nach Genua?" fragte sie dann Jakob. „Allerdings, gnädige Frau! Heute aber noch nicht!" „Wir aber müssen zum Abend schon dort sein. Wir .gehen heute in das Theater. Neugierig bin ich. wie man hier in der Provinz spielen wird!" Langsam erhob man sich von der Tafel. Musa zog die ehemalige Freundin bei Seite, um mit ihr ein wenig allein zu sprechen. Der Baron reichte Jakob eine Eigarre, dann sogar auch Heinrich, aber zu sagen batte er ihnen weiter nichts; ob rr nun nicht konnte, oder nicht wollte. Dringend lag ihm daran, sich dieser Siedehitze zu entziehen, die ihn von allen Seiten umgab. Heinrich saß und saß ihnen zum Possen. Gromow trat mit dem Zigeuner zur Seite und plauderte mit ihn». „Meine liebe Tilda," fragte die Baronin, sie in das dunkle Labyrinth der Grotte ziehend, „bist Du glücklich?" „Ganz unaussprechlich glücklich! So viel ein Mensch es sein kann! Mein Leben vergiftet nur der Gedanke an das allgemeine Unglück des Landes. Wir sind selbst Flüchtlinge. Bei jedem Schritte begegnen wir unglücklichen Brüdern, Bekannten und Landsleuten!" „Ah! Meine Theuerste!" bemerkte die Baronin gleichgültig, „der Mensch muß sich unaufhörlich immer über so etwas hinwegsetzen! Aber Jakob?" „Jakob ist der Beste unter den Menschen. Heute, ist er mehr, als jemals, mein Ideal!" „Sahst Du aber," fuhr die Baronin leiser fort, „diesen schrecklichen Menschen, den Heinrich? Ich bin sonst keine Memme, aber als ich ihn sah, überlief mich doch ein kalter Schauer. Mir ist immer, als ob er sich mit einem Messer auf uns stürzen will." „O nein!" entgegnete Tilda. „So heftig ist er doch nicht. Und viel, sehr viel muß man ihm zu Gute halten, er leidet_" ..Er? Der?" lachte Musa. „O, ich kenne ihn besser! Er wird sich nur zu leicht zu trösten wissen! Er ist darin nicht wählerisch!" Sie schwiegen. Der Baron wünschte sehnlichst, so schnell als möglich von hier fortzukommen. Ganz in der Stille fädelte er eine kleine Jntrigue ein. Der Wagen fuhr proprio motu vor. Der Gatte trug die Tüchter der Gattin zusammen, bepackte sich damit, hüllte sich ein, räusperte sich und sprach laut. Die beiden Frauen traten endlich aus dem Schatten der Grotte hervor. Der Abschied war kurz; vor Heinrich verneigten sie sich von Weitem, er that dies auch vor ihnen. Jakob und seine Frau geleiteten sie zum Wagen. Das glänzende Gestirn war bald in den Staubwolken der Landstraße verschwunden. Heinrich blieb beharrlich sitzen, da er wußte, daß er mit seiner Gegenwart lästig fiel. Tilda aber führte Jakob nach oben. Er selbst kam bald daraus wieder in die Grotte, da er keine Abneigung oder Furcht zeigen wollte. Man zündete sich Cigarren an. Der Zigeuner und Gromow näherten sich auch und man plauderte. Heinrich saß wie angeschmiedet, ohne sich in das Gespräch zu mischen. Er rührte sich eben nicht vom Platze. Die Unterhaltung beschränkte sich auf Allgemeinheiten zwischen Jakob, Gromow und dem Zigeuner, der sich, wie stets, gründlich langweilte und nur danach erkundigte, womit er sich zerstreuen könne. Gromow sah schwarz in die Zukunft. Jakob allein war ruhig. „Der Mensch," sagte er. nachdem er ihre Klagen mit angehört, „hat niemals das Recht, zu verzweifeln. Handelt es sich um sein eigenes Loos, so ist dies Klein-

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