Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1904)
- Date
- 1904-03-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450007--60278-2521170- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
fähig und ein verlorener Kru^.,. .. ^.od wäre eine Wohlthat für mich. . Bezüglich der Ermordung Luniks wurde der Pater Alexander als Entlastungszeuge für den Mörder Jeruga vernommen, der sich in Widersprüche verwictelte. Die Gattin des Ermordeten Mindjul schilderte die Tötung ihres Mannes. Das Beweisverfahtru gestaltete sich summarisch, das Ende des Prozesses wird schon in den nächsten Tagen erwartet. Warschau. Zur Eharukteritik der hiesigen Verhältnisse wird Folgendes von Interesse sein. Es besteht hier eine medizinische Gesellschaft für polnische Aerzte. die schon seit vielen Dezennien existirt und ca. 300 Mitglieder hat. Ausgenommen werden nur solche Aerzte, die mindestens eine Arbeit aus dem Gebiete der medizinischen Wissenschaft vorlegen können. Die Sitzungen werden meistens vor leeren Sälen abgehalten, nur in der Januar-Sitzung, wo das Ballotement der neuen Kandidaten stattfindet, stellen sich beinahe alle Mitglieder ein, und es wird eine wüthende Agitation betrieben, da schon seit Jahren ein Kreuzzug gegen die jüdischen Kollegen geführt wird,, um sie nicht in die Gesellschaft hinein zu lassen. In diesem Jahre wurde keiner der sieben Kandidaten ausgenommen, obwohl sie allen Anforderungen entsprechen. Einige Kandidaten wurden von christlichen Mitgliedern der Gesellschaft vorgeschlagen, die alle Bedingungen erfüllten. ES konnte ihnen kein persönlicher oder moralischer Vorwurf gemacht werden. Sie fielen aber doch alle durch, nur weil sie Juden sind, während von den neu aufgenommenen katholischen Aerzten einige nicht einmal eine wissenschaftliche Arbeit aufweisen konnten; ja sogar ein Kandidat, der vom Präsidenten der Gesellschaft empfohlen wurde, fiel durch, was der Herr Präsident sich aber durchaus nicht zu Herzen genommen hat. Und doch sind die 50 jüdischen Aerzte. die der Gesellschaft angehören, gerade die tüchtigsten und eifrigsten Mitglieder derselben. Die jungen Aerzte werden nun durch solche Vorgänge förmlich gezwungen, eine eigene medizinische Gesellschaft zu gründen. Die Warschauer medizinische Gesellschaft wird sich aber binnen kurzem eine katholische nennen dürfen, da jetzt auch schon gegen die Protestanten von einigen Mitgliedern gehetzt wird, die. obgleich deutscher Abstammung, sich doch ganz polonisirt haben. Ein trauriges Bild von den Verwüstungen, die der Antisemitismus in unserem Lande angerichtet hat \. Feuilleton. Vermischtes. Oochnrn. (Preisgekrönt.) Herr Architekt Robert hat tn dem Wettbewerb für das Altersheim der westfälischen Synagogengemeinden für seinen Entwurf -en ersten Preis erhalten. Dahrheit und Wichtung. Von Friedrich Roll. I28 Das war bisher noch immer ihr letzter Zuflucht, durch Thränen hatte sie ihn zu allem bringen können, doch dieses Mal versagte das sonst so probate Mittel. Dhne ein Wort auf ihre Beleidigungen zu erwidern, verließ er das Zimmer und gleich darauf das Haus. Außer sich sprang sie auf und eilte zum Fenster. Richtig! Richtig! Ta ging er hin zu den Nachbarsleuten, den verfl. . . . Juden. Drohend ballte sie die Faust hinter ihm drein und eine Verwünschung sprudelte über ihre Lippen. Da ward die Thüre anfgerissen. ihre beiden kleinen Knaben sprangen in's Zimmer. „Popa!" rief Hugo, „wö ist der Papa?" „Ter Papa ist zu den verfl.,.. Schmutzjuden gegangen." erwiderte die wüthende Mutter. Tie Kinder blickten verwundert zu ihr hinüber. „Ter Papa ist zu den. verfl. .... Schmutzjuden gegangen?" wiederholte Hugo fragend, „aber warum denn?" ..Weil er selbst so'n Schmutzjude ist," erwiderte die Mutter, vor- Zorn die Lippen nagend. „Ter Papa ist ein Schmutzjude!" rief Oskar lachend, „da kommt er auch in den stinkenden Höllenpsuhl, nicht wahr, Mama?" „Und da wird er in dem Höllenfeuer braten," fügte Hugo ernst hinzu, „nicht wahr Mama?" „Ja, ja, ja!" schrie die noch immer Wüthende. „aber jetzt macht, daß Ihr hinaus kommt! Marsch hinaus!" Die Kinder sprangen davon und amüsirten sich königlich über die Idee, daß der Vater ein Schmutzjud und in dem großen Höllenfeuer braten werde. Ihr Religionslehrer, der sie seit ihrer Taufe allwöchentlich einigemale unterrichtete, hatte ihnen ein ihrer Ansicht nach prachtvolles Bild geschenkt, das die Hölle mit all' ihrem Greuel vorstellen sollte. Dieses suchten sie jetzt hervor und bemühten sich, den Vater zwischen all den entsetzlichen Jammergestalten sich vorzustellen. Ob er so oussehen würde, oder so, sie stritten eifrig darüber und lange, als der Besprochene nach ungefähr einer Stunde wieder in's Haus trat, waren sie noch nicht darüber einig, wohin sie ihn in der Hölle placiren sollten. Grünwald war wieder beruhigt; das anmuthige heitere Geplauder seines Lieblingskindes hatte-ihm wohl gethan. Er hatte sie bereits etwas kräftiger gefunden als Tags zuvor und staunte, mit welcher Ge-