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Der Israelit · 1904-03-14 · Heft 21 (14.3.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 21 (14.3.1904)
Date
1904-03-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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459 wisscnhaftigkeit die Anordnungen des Arztes befolgt wurden. Keßler hatte recht, in bessere Hände konnte er seine Tochter nicht geben. Mochte seine Frau zustimmen oder nicht, er war entschlossen, sie womöglich hier zu lassen, und hatte zur größten Freude der beiden kleinen Mädchen Frau Müller gegenüber diesen Wunsch ausgesprochen. Diese hatte das charaktervolle kleine Mädchen auch in ihr Herz geschlossen und erwiderte, daß sie es. gerne bei sich behalten würde, doch eine bestimmte Zusage könne sie nicht geben, ohne mit ihrem Manne gesprochen zu haben. „O, der Herr Müller thut alles, was Frau Müller will," flüsterte Frieda dem Vater zu. indem sie seine Hand streichelte, ..der ist auch sehr freundlich und ich habe ihn auch sehr lieb, er wird gewiß Ja sagen." „Das hoffe ich auch," versetzte Grünwald, indem er aufstand. „Also morgen werden Sie mir Ihren diesbezüglichen Entschluß mittheilen, nicht wahr. 'Frau Müller?" „Morgen ganz bestimmt, und ich hoffe mit Ihnen, daß es ein zustimmender sein wird, denn mein Mann hot die Kleine auch sehr gern." In ruhigster Gemüthsstimmung hatte Grünwald seine Villa wieder betreten und war eben im Begriff, den beiden Knaben, die er in der Halle traf, Grüße von ihrer Schwester zu bestellen, als sie mit dem Prachtgemälde ihm entgegensprangen. „Schau. Papa!" rief Hugo, „dahin kommst Du'" „Verfl.... Schmuhjude!" schrie Oskar und beide reckten ihm die Zunge entgegen. Ein Laut des Entsetzens entfuhr seinen Lippen, die Zornesader schwoll auf seiner Stirn, schon hatte er die Hand erhoben, die frechen Buben zu züchtigen, doch noch hielt er an sich. „Wer hat Euch das gelehrt?" fragte er mit seltsam heiserer Stimme. „Die Mama," riefen beide Kinder und liefen lachend davon. Wie gelähmt sank die zum Schlage erhobene Hand an seiner Seite nieder, einige Minuten schien er vor Entsetzen wie erstarrt, dann aber richtete er sich stramm auf, fuhr mit dem Tuche über sein geisterbleiches Gesicht und begab sich in das Speisezimmer, wo sie um diele Zeit das Abendbrod emzunehmen pflegten. Es währte nicht lange, so erschien auch Frau Grünwald; sie hatte ihren Plan entworfen, war entschlossen, mit dem Gatten . zu schmollen, mochte er auch noch so viel erzählen oder fragen, oder auch bitten — an dem heutigen Abend sollte er kein an ihn gerichtetes Wort von ihr vernehmen. Doch als sie ihn jetzt da sitzen sah. so bleich, so kalt, so unnahbar, vollständig verliest in ein Journal, so daß er die Eingetretene nicht zu bemerken schien, da begann sie bereits zu zweifeln an. der Vortefflichkeit ihres Plans; denn daß er sie ignoriren konnte, das war doch noch nie vorgekommen. — War er vielleicht in Wirklichkeit vertieft in seine Lektüre, daß er nicht gewahrte, was um ihn vorginz? Doch da kamen die Kinder, sogar etwas weniger geräuschvoll als sonst und wollten sich auf ihren gewöhnlichen Plätzen am Tische niederlaffen. Grünwald ließ das Zeitungsblatt sinken und schrie ihnen zu:. „Hinaus, Ihr Buben! Ihr habt an meinem Tische nichts zu suchen! Hinaus!" „Leo. um Gotteswillen! Was haben die Kinder denn verbrochen?" Er achtete nicht auf sie, schüttelte ihre Hand, die sie unwillkürlich auf seine Schulter gelegt hatte, von sich * ab, als wäre sie ein Reptil. Doch als er die Knaben noch im Zimmer erblickte, sprang er auf: „Ihr seid nock hier? Habt Ihr mich nicht verstanden? — Hinaus: sage ich. hinaus! Wehe Euch, wenn Ihr in der nächsten Minute noch hier seid!" Seine Haltung war so drohend, daß die Knaben voll Schrecken hinaus stürzten. „Leo! Ick beschwöre Dich!" „Laß mich in Ruhe!" herrschte er sie an, „laß auftragen!" fügte er schroff hinzu. „Nicht eher, als bis Du mir sagst —" Er mackte eine verächtliche Bewegung mit den Schultern und drückte selbst an die Tischglocke, gleich darauf ward das Essen aufgetragcn. Schweigend nahmen beide die Mahlzeit ein; sie hatte zwar wiederholt den Versuch gemacht, eine Unterhaltung anzuknüpfen, er aber reagirte nicht, alle ihre Bemerkungen blieben unerwidert, und gleich nach dem Essen griff er wiederum nach seinem Journal. Kopfschüttelnd nahm sie den neu erschienenen Roman, den sie heute von der Buchhandlung erhalten hatte und bemühte sich, zu lesen, in Wirklichkeit lasen Beide nicht. Endlich warf er die Zeitung aus den Tisch und wanderte mit hastigen Schritten im Zimmer auf und nieder. Auch sie ließ schwer athmend ihr Buch sinken. „Leo," begann sie schüchtern, „wenn Tu mir nur sagen wolltest, was geschehen ist. — Was haben die Kinder angestellt?" „Frage sie selbst. Aber sage ihnen gleichzeitig, daß sie sich hüten sollen, mir vor die Augen zu kommen. — Würde ich sie in nächster Zeit treffen, ich stehe für nichts — es könnte ein Unglück geschehen —* „Großer Gott, Leo! Wie kannst Du so reden! Es sind doch Deine Kinder — und so kleine Kinder —" „Ja, Deine hoffnungsvollen Sprößlinqc haben es schon weit gebracht in ihrem jugendlichen Alter." höhnte er. —- ' j \ - . , ' „Wie Du von meinen Sproßlingen sprichst! Sind es denn vielleicht nicht auch Deine?" :;■* „Leider! Leider! Aber sage ihnen, wenn sie sich auch nur ein einzigesmal eine annähernd ähnliche Frechheit zu Schulden kommen lassen, so behalte ich sie keinen Tag länger im Hause, sondern gebe sie in irgend ein

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