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Der Israelit · 1904-03-14 · Heft 21 (14.3.1904) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 21 (14.3.1904)
Date
1904-03-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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457 können. So lange wir keine authentische Befreiung vom Gesetz aufzuweisen haben, haben wir dazu kein Recht." Von seinen Kindern u::d Schülern aber wurde er mißverstanden: seine Kinder ließen fich mit Ausnahme eines einzigen taufen, und seine sammtlichen heute noch lebenden Nachkommen gehören dem Judenthum nicht mehr an. Bis 1823 traten in Berlin 1236. im übrigen Preußen 1382 Juden zum Christenthum über, und. zwar meist aus den gebildeten Kreisen, sodaß die Bildung bei der Orthodoxie in Verruf kam. Nachdem im ersten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts eine Reform unter napoleonischen Auspizien gescheitert war, trat in Deutschland Israel Jakobsohn als Begründer der deutschen Reform auf den Plan. Er ging bei seinen Bestrebungen insbesondere von der nach Ansicht des Redners durch nichts begründeten Unterscheidung zwischen politisch-nationalen und rein religiösen Gesetzen des Judenthums aus, eine Unterscheidung, die sväter Schule machte. 1848 gründeten einige reiche Hamburger Juden einen Reformtempel, für den eine Orgel angeschafst und ein eigenes Gebetbuch mit christlichen Anfängen ausgearbeitet wurde. Die Reform ist stets die Vorfrucht des Christenthums und der Taufe gewesen: die Orgel ist seither in orthodoxen Kreisen verpönt. Der Hamburger Reiormtempel hat keine Nachahmer gefunden. In den 30er und 40er Jahren fanden sodann die Nabbinerbesvrechungen und Versammlungen in Wiesbaden (1834) Frankfurt a. M. <1844), Ares lau li. s. w. statt, die zu keinen dauernden Resultaten führten. Holdheini und Geiger waren die führenden Männer dieser Bewegung. Allen diesen Bestrebungen war der Gedanke gemeinsam, das Judenthum zeitgemäß zu gestalten. Holdheim, der bedeutendere, kämpfte insbesondere für den Unterschied zwischen politisch-nationalen und rein religiösen Bestandtheilen. Geiger, der Verfechter einer langsameren Reform, ist der Erfinder der „Zweiseelentheorie", wonach die wissenschaftliche mit der religiösen Neberzeugung in Widerspruch stehen könne. Die Rabbinerpersammlungen überlebten sich; Niemand wollte ihnen mehr folgen, aber 25 Jahre später erstanden sie wieder in verschlechterter Auslage in den 1869 zu Leipzig und 1871 zu Augsburg abgehaltenen Svnoden. Auch sie fanden von Anfang an kein Interesse. Von 100,000 eingeladenen europäischen Gemeinden waren nur 20, von 10,000 deutschen nur 18 der Einladung gefolgt: aus der zweiten Synode, zu Augsburg, sah man die Resultatlosigkeit aller derartigen Bestrebungen endgültig ein. In der früheren jüdischen Geschichte gibt es für diese Bewegung kein Analogon; Samariter und Saduzäer stehen hoch über den „Reformjuden". Die Reform mußte nach Ansicht des Redners scheitern, weil sie nur die theoretische Beschönigung eines schon vorher erfolgten praktichen Abfalls war. während bei der großen christlichen Reformpartei erst die veränderte Lehre und dann die Praxis kam. Den Ausführungen des Redners, der Eingangs bemerkt hatte, mit seinem Vortrag keine Beziehungen auf die ihm ganz unbekannten religiösen Verhältnisse in Straßburg nehmen zu wollen, folgte am Schlüsse lebhafter Beifall. Oester rekch. Wie«. Eine große Ueberraschung, ja man könnte fast sagen Enttäuschung, wurde vielen Theilnehmern der letzten am 21. v. Mts., im großen Saale des „Hotel Guth"', unter dem Vorsitze des Vizepräsidenten, Professor Dr. Ehrmann, stattgehabten Vereinsversammlung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" bereitet. Daselbst hatte der Landesräbbiner für Tirol und Vorglberg. Herr Dr. A. Tänzer aus Hohenems, einen Dortrag über das Thema „Selbsthilfe — ein Naturgesetz" angekündigt, und dem Titel entsprechend er!varteten die zahlreich erschienenen Zuhörer naturwissenschaftliche Darstellungen mit eventuellen Ausblicken auf das religionswissenschaftliche Gebiet. Zum größten Erstaunen der Mehrzahl der Anwesenden hielt jedoch Herr Dr. Tänzer ein begeistertes Plaidoyer für die Revision des jüdischen Ceremonialgesehes. von dem, wie wir vernehmen, selbst der Vereinsvorstand einigermaßen überrascht wurde. Der stürmische Widerspruch, der stellenweise die Ausführungen des Redners bei der Majorität der Versammlung fanden, läßt unbedingt schließen, daß im Wiener Judenthum kein Voden für derartige Reformen ist. und daß der Vortragende für seine Neberzeugung hier wenig Anhänger gefunden hat. Rußland. Kischinew, 8. März. Von hier wird nachträglich vom 1. Marz berichtet: Betreffend der Blendung Weißmanns bestätigt der Arft Dr. Fränkcl, daß diese nicht durch ein Instrument, sondern durch martervolles Herausdrücken des Auges mit den Fingern geschehen sein mußte. Aufregend gestaltete sich die Vernehmung Weißmanns selbst: er erscheint unter allgemeiner Spannung, ist ein hochgewachscner Mann-in den mittleren Jahren. Er ist ganz erblindet, wird geleitet von seinem zehnjährigen Sohne und geht unsicher tastend zum Rickitertilche. Weißmann erzählt, er habe bis zu den Crzessen in bestem Einvernehmen mit der Nachbarschaft gelebt und verdiente von einem kleinen Geschäft und im Nebenamt als Aufseher der benachbarten Miesen zusammen 50 Rubel monatlich. Am Ostermontag verfolgten ihn Tschebotarento und Sofronij. Ersterer schlug ihn mit Eisenstücken. Sofronij rief: Wir »vollen ihm lieber das zweite Auge auskrahen! Er babe fürchterliche Qualen erduldet und sei bewußtlos geworden. Im Krankenhause sei er ohne Augenlicht erwacht. Prä s.: Womit beschäftigen Sie sich jetzt? Zeuge (weinend): Ich bin zu keiner Beschäftigung

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